27. März 2020

RezensionWerner Reichel: Wiener Tagebuch

Mein Alltag im roten Sumpf

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Werner Reichel, auch den Lesern von eigentümlich frei als Autor bekannt, ist, was man einen „gelernten Wiener“ nennt. Er stammt aus einer unweit Wiens gelegenen Provinzstadt. Möglicherweise ist der Umstand, dass er nicht im „roten Sumpf“ sozialisiert wurde, zumindest mitverantwortlich für seinen kritischen Blick auf die Kuriositäten und Missstände in der rasch wachsenden Hauptstadt der Alpenrepublik. In dieser 20 kurze Aufsätze umfassenden Sammlung schildert der Autor seine auf Spaziergängen, U-Bahn-Fahrten mit der Linie U6 (die als „Orientexpress“ verschrien ist) und Museumsbesuchen gewonnenen Eindrücke und Erlebnisse. Dass etwa das Technische Museum von einer (selbstverständlich weiblichen) Person geführt wird, die von der Technik nicht im Geringsten, dafür aber umso mehr von ihrer linken Ideologie überzeugt ist, darf als typisch für eine Stadt gesehen werden, von der die Sozialisten nicht ganz ohne Grund annehmen, dass sie sich seit ziemlich genau 100 Jahren in ihrem Privatbesitz befindet. Dass in einer kürzlich auf einem ehemaligen Flugplatzgelände im Norden Wiens errichteten Satellitenstadt, das ist, vom Donaustrom aus betrachtet, auf der linken und somit weniger ansehnlichen Seite der Stadt, ausschließlich Frauen als Namensgeber für Straßen und Plätze fungieren, ist auch einer brillanten Idee der genderbewusst-klassenkämpferischen Stadtregierung und ihrer Tentakel in den Bezirken geschuldet. Die sprichwörtliche Unzuverlässigkeit öffentlicher Verkehrsmittel, die Verschmutzung des öffentlichen Raums und die an jedem Ersten Mai vor dem Wiener Rathaus zelebrierten roten Hochämter für die schlecht gekleideten proletarischen Massen bilden weitere Ziele der scharfen Feder des Autors. Bei dem Büchlein handelt es sich um eine amüsante, kurzweilige Lektüre, die auch dem Stadtfremden einen gelungenen aktuellen Überblick über das Leben in der einstigen kaiserlichen Reichshaupt- und Residenzstadt Wien bietet.


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