09. März 2020

ef 201 Editorial

Wirtschaftliche Freiheit in unruhigen Zeiten

von André F. Lichtschlag

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Bildquelle: shutterstock.com Wirtschaftliche Freiheit: In unruhigen Zeiten

Zunächst die politische Sicht. Stellen wir uns Folgendes vor: In Russland wird ein Gouverneur einer Putin nahestehenden Partei irgendwo in Sibirien mit den Stimmen einiger Oppositioneller ordnungsgemäß gewählt. Woraufhin Wladimir Putin aus dem fernen Argentinien noch während seines Staatsbesuchs dort in der Heimat interveniert, die Wahl einen „unverzeihlichen Fehler“ nennt und darauf besteht, sie unverzüglich rückgängig zu machen, was dann auch geschieht. Ein politischer Beamter, der zur Wahl in Sibirien spontan gratulierte, wird zur Abschreckung von Putin entlassen. 

Genau zwei Wochen später erschießt ein offenbar verwirrter Mann in der türkischen Stadt Adana zehn Menschen, dann seine Mutter und sich selbst. Er hinterlässt eine Art Manifest, in dem er beschreibt, wie seit seiner frühen Kindheit Gedanken von ihm geklaut werden. Er gibt auch der türkischen Fußballnationalmannschaft Tipps, doch mit den Robben vor der Arktis zu tauchen, dann würde es auch wieder mit dem Gewinnen klappen. Sein Vater war Lokalpolitiker einer mit Erdoğan verbündeten Partei. Der Staatspräsident aber nutzt die Morde, um im Verbund mit den ihm treuen Medien eine Kampagne gegen die größte Oppositionspartei zu starten, die – ohne jeden Beleg – hinter den Morden stehe und mental dafür verantwortlich sei. Verbündete von Erdoğan fordern umgehend ein Verbot der Oppositionspartei. 

Wie würden die deutschen Medien reagieren? Würden sie neue Sanktionen gegen Russland fordern und sich einmal mehr um die Zukunft der Türkei sorgen? Tatsächlich geschah all dies in Deutschland im Februar 2020 nicht unter Putin oder Erdoğan, sondern in der Endphase der Regierung Merkel. Und die Mainstreammedien sind nicht etwa besorgt oder empört, sie spielen brav mit. Wie konnte das passieren? Was kommt danach? Viele Menschen im Land befinden sich in einer Art Schockstarre. Angst greift um sich, Fäuste ballen sich in Taschen. Und ja, auch die zuweilen von Verzweiflung geprägten Analysen der ef-Autoren in diesem Heft sind insofern eine mentale Momentaufnahme. 

Und so wollen wir, möchte ich, Teile der vor Ihnen liegenden Ausgabe auch verstanden wissen. Denn während ich dies zu Papier bringe, wächst meine Entschlossenheit, die (innen-) politische Perspektive in Zukunft noch stärker zu überwinden. Denn so einschneidend dieser Februar in Deutschland war, so deutlich macht der rhetorische Verweis auf Russland oder die Türkei (oder China oder …) auch: Fast überall anders wäre all das kein Wunder, ist Ähnliches längst gang und gäbe. Immer noch, bei aller schlimmen Entwicklung, möchte kein deutscher Oppositioneller mit einem Kollegen etwa in Russland oder der Türkei tauschen wollen. Denn dort – und das ist weltweit und historisch eher der Normalzustand als die Ausnahme – wäre er, der hier bitter lamentieren mag, womöglich weit mehr bedroht als nur durch die Antifa und um seinen guten Ruf. Vor allem aber: Ist die zunehmende politische Hysterie und Repression in Deutschland nicht auch und vor allem ein Zeichen der Schwäche? Stehen nicht unsere Eliten ob vieler Entwicklungen längst mit dem Rücken zur Wand? 

Diese Frage führt uns zu einer sinnvolleren philosophischen, ökonomischen und vor allem persönlichen Perspektive diesseits schnöder politischer Stimmungen: In jeder Krise gibt es Chancen, in großen und gefährlichen Umbruchzeiten mehr denn je. Sie aufzuzeigen und anzuregen betrachte ich als unsere Hauptaufgabe für die kommenden Monate und Jahre. Deshalb haben wir für die nächste Usedom-Konferenz den programmatischen Titel „Wirtschaftliche Freiheit in unruhigen Zeiten“ ausgerufen, siehe dazu auch die Anzeige auf Seite 10. Sie können sich jetzt bereits anmelden unter ef-magazin.de/konferenz. Die Erfahrung zeigt: Frühbuchen lohnt sich. 

Nun wünsche ich Ihnen, verehrte Leser, wie immer viel Lesefreude (trotz alledem) und Erkenntnisgewinn (jetzt erst recht). Am Ende bleibt es dabei: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern aller Parteien! Mehr Freiheit!

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 13. März erscheinenden April-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 201.


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