04. März 2020

Desinformationskampagne zu COVID-19 Steckt Trump hinter dem Coronavirus?

State Department: „Playbook aus HIV-Zeiten wieder ausgegraben“

von Christian Rogler

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Bildquelle: shutterstock Coronavirus: Eine amerikanische Erfindung?

Bereits am 12. Februar sorgte der fraktionslose baden-württembergische Landtagsabgeordnete Dr. Wolfgang Gedeon, gegen den in der AfD ein Parteiausschlussverfahren läuft, wieder einmal für parteiübergreifendes Kopfschütteln. Auf Facebook deutete er an, dass das Coronavirus ein Laborprodukt sein könnte, das in den USA als „Biowaffe“ gezüchtet worden sein könnte, um der Volksrepublik China als geopolitischem Gegenspieler zu schaden. Eigentlich, so könnte man meinen, keine große Sensation bei einem nationalbolschewistischen Verschwörungstheoretiker, aus dessen Sicht Amerikaner und Juden möglicherweise sogar für die Unterminierung der heimischen Esskultur durch Hawaii-Variationen verantwortlich sind.

Was damals noch nicht viele ahnten: Das Seemannsgarn hatte Gedeon nicht einmal selbst gesponnen, sondern es hatte sich längst auf dem Weg um den Globus befunden – mit Ursprung in Russland.

Dort vermutet ihn zumindest das US-amerikanische Magazin „Foreign Policy“. Dieses schreibt von einer gezielten Desinformationskampagne, die zwar nicht die einzige Verschwörungstheorie sei, die zurzeit die Runde mache, aber eine von den wirkungsvollsten – was möglicherweise auch ihre Reproduktion im Stuttgarter Landtag zeigt.

„Bei der WHO bekämpfen wir nicht nur das Virus, wir haben auch mit den Trollen und Verschwörungstheorien zu kämpfen, die unsere Antwort darauf unterminieren“, klagt der Chef der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Konzertierte Social-Media-Aktion

In der Russischen Föderation sind diese Theorien hingegen zum Teil im politischen und medialen Mainstream angekommen. Einer der Ersten, der dort von einer „amerikanischen Biowaffe“ oder einem „Big-Pharma-Komplott“ gesprochen hatte, war der Chef der „Liberal-Demokratischen Partei Russlands“, Wladimir Schirinowski, der sich einem Bericht des „Stadtgesprächs Moskau“ („Goworit Moskwa“) zufolge in diesem Sinne geäußert hatte. Außerdem seien diese Behauptungen auch in den Diskussionssendungen des „Perwy Kanal“ (Kanal 1), „Das Große Spiel“ und „Die Zeit wird es weisen“ von Teilnehmern aufgestellt worden.

Ein Moderator auf Kanal 1 habe, so schreibt „Foreign Policy“, die Theorie aufgestellt, der Name „Corona“ – das lateinische Wort für „Krone“ – weise auf einen US-amerikanischen Ursprung hin, weil Präsident Donald Trump einst Kronen bei Schönheitswettbewerben verteilt habe.

Radio Free Europe/Radio Liberty berichtet unter Berufung auf ein Dossier des Global Engagement Center des US-Außenministeriums, dass mehrere Tausend Social-Media-Accounts, die zu russischen Proxy-Servern zurückverfolgt werden konnten, zeitgleich in mehreren Sprachen „fast gänzlich identische“ Darstellungen zur Covid-19-Krise abgesetzt hätten. Diese hätten Falschinformationen enthalten und seien bereits zuvor aufgefallen – durch prorussische Beiträge in der Syrienkrise und während der „Gelbwesten“-Proteste in Frankreich.

Im Zusammenhang mit Corona „Freibrief“ erteilt

Häufig verbreiteten die Accounts auch Texte, die an solche angelehnt seien, die in staatlichen russischen Auslandsmedien erschienen seien. In Sachen Corona hielten diese sich bislang mit Anschuldigungen an die Adresse der USA zurück. Allenfalls wurde den Amerikanern vorgeworfen, selbst falsche Informationen – etwa bezüglich der möglicherweise aus Russland agierenden Accounts – zu verbreiten oder die Volksrepublik China in unangemessener Weise zu kritisieren. In russischsprachigen staatlichen Medien oder über Seiten, die nicht offiziell zum staatlichen Medienverbund gehören, werden jedoch nach wie vor Nachrichten verbreitet, bei denen auf Faktentreue deutlich weniger Wert gelegt wird als auf antiamerikanischen Spin.

Gegenüber der Agentur AFP erklärte ein namentlich nicht genannter Beamter des State Department, russische Stellen hätten im Zusammenhang mit dem Coronavirus einen „Freibrief für Angriffe auf die USA“ gegeben. Die Desinformationskampagne erschwere es vielen Ländern, vor allem in Afrika und Asien, auf die Krise zu reagieren, weil dort Verunsicherung und Argwohn gegenüber dem Westen geschürt werde.

Knüpft Russland an sowjetische Vorbilder an?

Dass weltweite Ausbrüche von Krankheiten in Moskau zum Anlass genommen würden, antiamerikanische Verschwörungstheorien zu verbreiten, habe eine Tradition, die bereits in den Kalten Krieg zurückreiche. Damals habe der russische Auslandsgeheimdienst KGB Kampagnen entworfen, um das HI-Virus als angebliche Biowaffe der US-Regierung darzustellen, die dieses gezielt so programmiert habe, dass es nur Schwarze befalle, und in weiterer Folge in die schwarzen Wohnviertel amerikanischer Großstädte eingeschmuggelt habe.

Im Jahr 1983 versuchte eine obskure prosowjetische Publikation namens „Patriot“, in Indien ein ähnliches Narrativ zu verbreiten. Zwei Jahre später griff eine prosowjetische Kulturzeitschrift den Artikel wieder auf und präsentierte einen ostdeutschen „Wissenschaftler“, der den „Beweis“ erbracht habe, dass das HI-Virus in den USA im Labor geschaffen worden sei. Im Jahr 1987 versuchte man, diese Theorie in Großbritannien zu popularisieren.

Im iranischen Ghom, dem Epizentrum des jüngsten Coronaausbruchs und bedeutenden religiösen Ort, hat unterdessen der örtliche Imam Hojjat ol-Eslam Seyyed Mohammad Saeedi die Amerikaner beschuldigt, hinter den bislang aufgetretenen Fällen zu stecken. „Radio Farda“ zitiert ihn mit der Äußerung, US-Präsident Donald Trump habe die Stadt mit dem Coronavirus ins Visier genommen, „um ihre Kultur und Ehre zu beschädigen“.

„Foreign Policy“: „Russia Knows Just Who to Blame for the Coronavirus: America“ (Englisch)

„Radio Free Europe/Radio Liberty“: „U.S. Officials Link COVID-19 Disinformation Campaign To Russian Proxy Accounts“ (Englisch)

„Radio Farda“: „Iran Cleric Blames Trump For Coronavirus Outbreak in Religious City“ (Englisch)


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