22. Mai 2020

Von wegen „Verschwörungstheorien“ Kennen Sie schon das krudeste Buch der Welt?

Wenn selbst Sardinen Meinungskorridore wegen Freiheitsberaubung verklagen

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: shutterstock.com Krude Theorie: Von wegen Erde und Schildkröte

Überraschend kommt es nun wirklich nicht, dass der Meinungskorridor des Offiziellen oder Offiziösen, des erlaubten, verordneten oder gnädigerweise vom Mainstream gewährten Meinensollens und -dürfens mittlerweile eine Spaltbreite erreicht hat, die selbst Licht als beklemmend empfände.

Es gab eine Zeit, in der durchaus verständlich war, wenn von „kruden Theorien“ gesprochen wurde. Ein Beispiel: Die Behauptung, die Erde sei flach und läge gut ausbalanciert auf dem Rücken einer kosmischen Schildkröte, die damit über den Ozean der Zeit paddelt, ist sicher etwas gewagt. Wenn solche Ansichten als etwas randständig bezeichnet werden, geht das ja noch an. Oder wenn jemand glaubt, Angela Merkel sei in Wahrheit Christo, der sich lediglich als Kanzerlin verpackt habe.

Mit den Jahren wurde besagter Meinungskorridor dessen, was wir wissen (dürfen), was wir nicht wissen (sollen), jedoch immer enger – bis zu dem Punkt, an dem alles, was nicht offiziellen Narrativen folgt, nunmehr umgehend abgewatscht wird. Heute genügt es schon, Regierungspolitik in Frage zu stellen, um als rechtsextremster Hitlerprepper mit allerabsurdesten Theorien seine Mitmenschen „anzustecken“ (sic!).

Sie haben sich nicht verlesen. Alleine letzte Woche erschienen drei oder vier Zeitungsartikel, in denen sogenannten „Verschwörungstheoretikern“ zum Beispiel allen Ernstes bescheinigt wurde – was natürlich völliger Quatsch ist –, sie stünden nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes; sie würden durch ihre Theorien den Virus weiterverbreiten helfen; sie seien eine Gefahr für Unserewertedemokratie oder, wie bereits erwähnt, sie würden andere Menschen damit „infizieren“. Mit anderen Worten: Sie sind Krankheitserreger. Man kann eigentlich nur schwer hoffen, dass solchen Durchgeknallten so langsam bewusst wird, welcher Rhetorik sie sich da eigentlich bedienen. Das ist nämlich wirklich gefährlich.

Meistens aber bleibt es – zum Glück – bei harmlosen, manchmal sogar urkomischen mentalen Verrenkungen. So gelesen in der „Zeit“ am 19. Mai 2020, Titel des realsatirischen Running Gags: „Es ist aus mit uns“. Womit der Autor sagen wollte, dass er Sänger Xavier Naidoo nun nicht mehr die Treue hält. Der damit gewiss gut leben können wird, wage ich zu behaupten. Was auch immer man von Naidoos Äußerungen halten mag, steht hier nicht zu Debatte, sondern die Entdeckung eines vermeintlichen Widerspruches seitens des Klägers, der seine Argumentation offensichtlich nicht genug durchdachte: „Xavier Naidoo galt lange als Vorzeige-Christ. Dabei verbreitet er sei geraumer Zeit Verschwörungstheorien.“

Äh. Ja. Und? Seit wann schließt sich beides aus? Wenn jemand an Konspirationen mächtiger Menschen glaubt, kann er also kein Christ mehr sein? Das ist natürlich nicht nur Unsinn in höchster Blüte, mehr noch: Dieser „Beweisführung“ zufolge wäre die Bibel selber kein christliches Buch. Wie bitte?

Ja nun: Wenn jemand kein Christ mehr sein kann oder einer sein zu dürfen vom Failstream nicht mehr die Genehmigung erhält, sobald er bestimmte Dinge glaubt, wäre die Bibel tatsächlich kein christliches Buch.

Das glauben Sie nicht? Kein Problem. Hier der Beweis, dass selbst die Bibel in Verschwörungstheorien macht: „Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Fürsten und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in der Finsternis dieser Welt herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.“ Epheser 6:12.


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