27. Januar 2020

Pilotfilm zur Zeichentrickserie „Hazbin Hotel“ auf Youtube Was zur Hölle?

Animationsfilm für Erwachsene

von Tobias Albert

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Bildquelle: shutterstock Grausamer Ort und Szenario von „Hazbin Hotel“: Hölle

Selten gelingt es einem Film, einem kränkelnden Genre neues Leben einzuhauchen. Wenn dieser Film weder eine große Produktionsfirma noch finanzstarke Investoren hinter sich hat, wird es zu einem schier aussichtslosen Unterfangen. Doch als Fels in der Brandung steht gegen diese Hindernisse das „Hazbin Hotel“.

Die Hölle ist ein grausamer Ort, das ist spätestens seit Dante Alighieri bekannt. Weil ständig neue Sünder nachkommen, ist sie zudem konstant überfüllt, so dass einmal im Jahr in einer Säuberung die Engel aus dem Himmel herabsteigen und so viele Seelen in der Hölle wie möglich endgültig auslöschen. Ehrliche Reue und Läuterung würden den Sündern zwar eine Möglichkeit geben, friedlich in den Himmel aufzusteigen, aber dies von den Sündern zu erwarten, ist wohl reichlich naiv. Genau das ist aber der Wunsch von Charlie, Tochter des Teufels und Prinzessin der Hölle, die inmitten des Fegefeuers im „Hazbin Hotel“ einen Ort der Besserung erschaffen will. So viel zum Grundkonzept der Zeichentrickserie „Hazbin Hotel“, deren englischsprachige Pilotfolge Ende Oktober auf Youtube veröffentlicht wurde.

Der vielleicht wichtigste Grund, diesem Projekt eine Chance zu geben, ist seine Eigenständigkeit. Ohne einen Sponsor im Rücken, ohne eine Produktionsfirma als Stütze und als englischsprachiger Film natürlich ohne GEZ-Milliarden wurde dieser Film rein von Idealismus und Vertrauen in das eigene Können getragen und auf Youtube veröffentlicht. Und das, obwohl wegen der Nutzung von Schimpfwörtern und Gewaltdarstellung allen Beteiligten klar war, dass eine klassische Monetarisierung durch Youtube unmöglich sein würde. Dennoch schlug dieses Hobby-Projekt mit gewaltigem Erfolg ein und hat drei Monate nach seiner Veröffentlichung bereits über 25 Millionen Zuschauer – täglich kommt eine sechsstellige Zahl hinzu. Auch wenn der Film selbst nicht von Youtube monetarisiert wird, sorgen der Verkauf von Fanartikeln und Spendenaufrufe auf der Plattform Patreon für ein gewisses finanzielles Polster. Knapp 5.000 Spender haben sich auf Patreon schon für eine monatliche Spende von mindestens einem Dollar angemeldet. Sicherlich ist die Unabhängigkeit von sich einmischenden Geschäftsführern Teil des Erfolgsgeheimnisses: Jede Szene atmet förmlich die Freude und die Leidenschaft, die in sie hineingeflossen sind.

Abschreckend mag auf manche Zuschauer wirken, dass es sich bei „Hazbin Hotel“ um einen 2D-Animationsfilm handelt. Zwar bewies in der Vergangenheit zum Beispiel das von Simon & Garfunkels Lied „Bright Eyes“ getragene „Unten am Fluss“ (1978), dass Zeichentrickfilme keineswegs nur Kinderkram sind, doch haftet dank Walt Disneys Lebenswerk ihnen dieser Ruf weiterhin an. Ähnlich wie die Animationsfilme „Wenn der Wind weht“ (1986) und „Barfuß durch Hiroshima“ (1976) die grenzenlose visuelle Freiheit der Zeichnung nutzen, um die ehrfurchtgebietende Kraft der Atombombe und die kaum vorstellbaren Schrecken ihrer Zerstörungsmacht darzustellen, nutzt auch „Hazbin Hotel“ die Freiheit der 2D-Animation: Kaum ein Dämon gleicht dem anderen, und ihr Aussehen und ihre Mimik würden in einer Realverfilmung wohl in den Bereich „unfreiwillig komisch“ fallen, ergeben im Kontext der 2D-Welt aber Sinn.

Passend zu Gefühlsänderungen wird der Zeichenstil geändert oder gar ein kompletter Tausch der Farbpalette zu den Komplementärfarben vorgenommen. Künstlerischer Anspruch vereint sich hier mit einem auf junge Erwachsene ausgerichteten Drehbuch. Den Dialogen gelingt die schwierige Gratwanderung, mit Schimpfwörtern nicht so exzessiv umzugehen, dass sie jegliches Gewicht verlieren, und die in Trickfilmen obligatorischen Gesangseinlagen werden gelungen parodiert. Auch der Grundkonflikt ist erstaunlich lebensnah: Die junge, naive und privilegierte Charlie schickt sich an, die Welt um sie herum zu retten, ohne jedoch ein Gefühl dafür zu haben, wie weit ihre Träumereien von der Realität ihrer Zeitgenossen entfernt sind. Vergleiche mit Greta, Neubauer und Rackete waren zwar sicher nicht beabsichtigt, ergeben sich für den aufmerksamen Zuschauer aber quasi von selbst. Wer aufgrund der Prominenz der Disney-Filme verständlicherweise glaubt, dass das Zeichentrickgenre bei Micky Maus und Bugs Bunny qualitativ stehengeblieben ist, für den ist der Einblick in die Finessen dieses Genres ein weiterer Grund, dem „Hazbin Hotel“ einen Besuch abzustatten.

Die erste Hälfte des halbstündigen Films ist bereits unterhaltsam, die zweite erlebt aber noch einmal einen Qualitätssprung, da ein weiterer Charakter die Bühne betritt. Der „Radiodämon“ Alastor, der vor seinem Tod Radiomoderator in den Goldenen Zwanzigern war, betritt die Szenerie und erweist sich als kleines Gesamtkunstwerk innerhalb des Films. Aussehen, Wortwahl und Verhalten sind auf den Gentleman des frühen 20. Jahrhunderts abgestimmt, und die exzentrischen Charakterzüge der früheren Radioprominenz leuchten in seinem Verhalten weiter. Umrahmt wird sein Auftritt von der cleveren Regieidee, seine Stimme wie in einem schlecht eingestellten Radio verrauscht klingen zu lassen – außer, wenn er sich über das Leid anderer Menschen erfreut und sein wahres, ungespieltes Gesicht zum Vorschein kommt. Der immerzu grinsende Alastor, der laut Autorin und Kreativdirektorin Vivienne Medrano bereits seit ihrer Schulzeit als Charakterskizze existiert und gewachsen ist, ist Grund genug, dem „Hazbin Hotel“ eine Chance zu geben.

Wird aus der Pilotfolge eine wirkliche Serie werden? In die Zukunft lässt sich natürlich nicht schauen, doch der bisherige Erfolg liefert sicherlich ein starkes Argument dafür, das Projekt weiterhin zu verfolgen. Für zukünftige Folgen soll der übergreifende Plot bereits erstellt sein, und dank der spendablen Anhängerschaft der ersten Folge dürfte ein gewisses Budget vorhanden sein. Mehrere Jahre hobbymäßige Vorarbeit sind in die Animation und die Charaktere geflossen, so dass der Ansporn groß sein dürfte, das Projekt fortzusetzen. Mit einem zweiten Projekt, das ebenfalls schon über zehn Millionen Aufrufe auf Youtube erzielen konnte und in derselben Welt wie „Hazbin Hotel“ spielt, versucht Medrano, auf ihren bisherigen Erfolg aufzubauen. Schon mehrere „Web-Toons“ hatten einen erfolgreichen Start erwischt, um dann allerdings doch in der Versenkung zu verschwinden. Teils auch wegen schwerer Schicksalsschläge wie dem frühen Leukämietod von Edd Gould, dessen „Eddsworld“-Animationen einst eine Pionierarbeit auf Youtube darstellten.

Zweifelsohne werden Erfolge wie „Hazbin Hotel“ aber vom Rest der Medienwelt kaum ignoriert werden können, denn längst ist das Internet zu einer Spielwiese von Kreativität und leidenschaftlicher Kunst geworden. Obwohl Rückschläge wie die jüngsten Einschränkungen auf Youtube wegen des Kinderschutzgesetzes Coppa das Internet immer wieder plagen, stellt seine kulturelle Dynamik die konventionellen Medien in den Schatten. Klar ist allerdings auch: Solange in der deutschen Medienlandschaft die öffentlich-rechtlichen Monopolisten jeglichen Innovationsdrang ersticken, wird der deutsche Beitrag zu diesem neuen kulturellen Phänomen ernüchternd gering ausfallen.

„Hazbin Hotel (Pilot)“ auf Youtube (Englisch)


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