27. Januar 2020

Ein Märchen Die Drachentöter

Der letzte Prinz war zu klug

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Bedingung für die Hand der Prinzessin: Einen Drachen töten

Es war einmal eine schöne Prinzessin, die war schon als Kind so lieblich anzuschauen, dass man im ganzen Reich die größten Hoffnungen hegte. Und da man aus ihr eine richtige Prinzessin zu machen gedachte, wie sie im Buche stand, las man ihr tagaus, tagein und wann immer sie wollte, die alten Märchen vor, jene besonders, die von ebensolchen wunderhübschen Prinzessinnen berichteten.

Mit 14 Jahren überragte sie an Schönheit alles, was man bislang gesehen hatte, und keine der vielen Märchenprinzessinnen konnte sich mit ihr messen.

Am liebsten aber hörte das Mädchen die alten Sagen von den Drachentötern und jungen Recken, die Wundertaten vollbrachten, um das Herz der angebeteten Schönen zu erobern. Und als nun die ersten Freier kamen – Prinzen aus aller Herren Länder –‍, da sprach sie würdevoll und ein bisschen keck: „Töte einen Drachen und bringe mir seinen Kopf, so will ich deine Gemahlin sein.“

Seit vielen Hundert Jahren jedoch hatte man keinen Drachen mehr gesehen und auch von keinem Kunde erhalten; doch bestand das schöne Kind darauf und entließ die verwunderten Freier: Am Ende der Welt musste es noch Drachen geben, und bis ans Ende der Welt zu reisen schien kein zu hoher Preis, die schönste aller Prinzessinnen zu gewinnen.

In den anliegenden Königreichen aber gab es 13 stattliche Prinzen, die einer nach dem anderen in ihrem 18. Lebensjahr um die Prinzessin freiten. Der eine war klug, der andere stark, der dritte hübsch, der nächste reich, und so zeichnete sich ein jeder aus, doch die schöne Prinzessin wiederholte Jahr für Jahr dieselbe Forderung: „Töte einen Drachen und bringe mir seinen Kopf, so will ich deine Gemahlin sein.“

So vergingen die Jahre, das hübsche Mädchen wuchs zur jungen Frau heran und wurde stattlich, schon war sie einige Jahre älter als die Bittsteller, und noch immer wartete sie auf die Rückkehr eines ihrer Drachentöter. Nun stand sie in der Blüte ihrer Jahre; sie wurde unruhig und begann zu fürchten, eine alte Jungfer zu werden, als der letzte der 13 Prinzen vor ihrem Throne erschien. Er war klug und stark und hübsch und reich und noch vieles mehr, und lange überlegte die Prinzessin. Aber sie konnte nicht über ihren Schatten springen und befahl auch ihm: „Töte einen Drachen und bringe mir seinen Kopf, so will ich deine Gemahlin sein.“ Betrübt ritt der Prinz von dannen. Er war zu klug, um sich auf die lange Reise zu begeben, zu stark, um der Prinzessin lange nachzutrauern, zu hübsch, um keine andere zu finden, und zu reich, um sie nötig zu haben – er freite ein anderes Mädchen, sie bekamen viele Kinder und waren glücklich ihr Leben lang.

Die Prinzessin aber wartete noch immer und wurde älter. Alle klugen, starken, hübschen und reichen Männer ihres Reiches hatte sie auf die Reise geschickt, von der keiner heimkehrte. Einsam wandelte sie durch ihr großes verödetes Schloss, in dem es nur noch welke Frauenzimmer und Matronen gab.

Einmal verlief sie sich in den dunklen Keller. Ganz weit hinten glühte eine gelbe Flamme, vor der eine dunkle Gestalt sich bewegte und fröhlich ein Lied sang. Wie ein Zauber klang die tiefe Stimme in ihren Ohren, und gebannt, ohne es zu bemerken, schritt die Prinzessin auf die Erscheinung zu.

Vor ihr stand ein junger Bursche, der war nicht hübsch und auch nicht reich und wohl auch nicht klug, aber stark und mit riesigen Händen. Mit einer großen schweren Schaufel schippte er schwarze Kohle in den glühenden Ofen. In seinem rußigen Gesicht leuchteten lustig zwei weiße Augen und zwei Reihen perlweißer Zähne, als er lächelte.

Erschrocken schrie die schöne Prinzessin auf, besann sich jedoch, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, da hatte sie schon gefragt: „Willst du mein Gemahl sein?“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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