18. Dezember 2019

Tweet eines ehemaligen Nationalspielers über eine verfolgte Volksgruppe in China Özils Uiguren

Seine Loyalität gilt zuerst dem Islam

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: Picstaff / Shutterstock.com Erklärt seine Solidarität mit den Uiguren: Mesut Özil

Mesut Özils aufwühlender Tweet über die Uiguren sollte uns alle angehen. Nicht, weil er – wenn die Informationen aus China stimmen – auf einen schlimmen Missstand hinweist und besonders die islamischen Länder auffordert, dagegen die Stimme zu erheben, sondern wie er appelliert, wie er spricht, ist von Interesse.

Özil ist nicht als eloquenter Redner oder tiefschürfender Denker bekannt – sein Wortschatz in der Landessprache ist bescheiden, ob er seine Muttersprache besser spricht, bleibt offen. Aber einen typischen Sprachduktus – sofern man der Übersetzung trauen darf –‍, den hat er schon perfekt drauf. Das ist die – in Mitgefühl getunkte – Sprache des radikalen Islam.

Ob er sie bewusst nutzt? Auch das bleibt Spekulation – die Verwendung der Ansprache „Oh Ostturkestan“ spricht freilich dafür. Es ist nicht auszuschließen, dass andere ihm diese elaborierten Texte in die Tastatur diktieren.

Wenn aber ein deutscher Staatsbürger und ehemaliger Nationalspieler die sprachlichen Mittel des islamistischen Exklusivismus nutzt, dann sollte man hellhörig werden. Im Westen wird der „kulturelle Völkermord“ an den muslimischen Chinesen menschen- und völkerrechtlich motiviert angeprangert – verräterisch ist Özils „sogar der Westen“ –‍, er aber bezieht sich auf die „Ummah“. Für ihn sind die Opfer nicht Menschen, sondern „Brüder und Schwestern“ im Glauben. Handelte es sich um Buddhisten, so wären sie ihm vollkommen egal, zumindest keinen Pieps wert – nur weil die Uiguren seinen Glauben teilen, sind sie seiner Aufmerksamkeit würdig. Dahinter steckt das uralte Narrativ des Muslims als Unterdrücktem.

Sprachbilder wie „die blutende Wunde der Ummah“ oder „die Gemeinschaft der Kämpfer, die der Verfolgung widerstehen“, „die glorreichen Gläubigen“, sind mehr als lyrische Orientalismen, sie sind bewusst gewählte Anklänge an die Sprache des Extremismus, der die Welt zwischen Gläubigen und Ungläubigen trennt.

Özil signalisiert damit seine Loyalität, die nicht Deutschland, nicht Europa, nicht den allgemeinen Menschenrechten oder den westlichen Freiheitswerten, nicht der Demokratie, dem Rechtsstaat gilt, sondern – wie der Islam in seinen Grundtexten es verlangt – zuerst dem Islam und der Gemeinde der Gläubigen. Diese sind etwas anderes: Sie stehen auf dem Fuß des Gesetzes – Allahs. Und nur sie.

Vielleicht wäre Özils Tweet mutig gewesen, wenn er Erdoğan direkt angesprochen hätte, so aber versteckt er sich hinter religiösen Phrasen, die uns vor allem eines lehren: Viele Muslime unter uns – so bleibt zu befürchten – dürften ähnlich denken und empfinden, sie mögen integriert und sogar privilegiert sein, sie mögen die materiellen Vorteile des Westens ausschöpfen und die geistige Freiheit genießen. Sie werden sich aber nicht zu „unseren Werten“ bekennen, und das wird dann unweigerlich deutlich werden, wenn es eines Tages zu einer Entscheidungssituation kommen sollte. Dann werden wir viele Widersacher – die heute noch Freunde sein können – unter uns haben, dann werden wir die Kuffar sein. Der butterweiche Özil hat uns das soeben verraten.

„Welt“: „Özil verurteilt ‚Schweigen der Muslime‘ – sein Verein distanziert sich“

„Spiegel Online“: „Warum Özils Statement so brisant ist“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: China

Mehr von Jörg Seidel

Über Jörg Seidel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige