20. Oktober 2019

RezensionMartin van Crefeld: Hitler in Hell

Was er noch zu sagen hätte ...

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Dass ein israelischer Militärhistoriker eine Lebenserinnerung aus der Sicht des in der Hölle schmachtenden Adolf Hitler schreibt, ist bemerkenswert. Da einige seiner Verwandten in der Zeit des Nationalsozialismus Opfer des braunen Rassenwahns wurden, besteht kein Grund, anzunehmen, dem Autor sei es um eine Apologie des „Führers“ zu tun. Sein Motiv war es, dem Wesen und Denken des Diktators nachzuspüren, über das bereits viel geschrieben wurde. Nach Ansicht des Autors wurde das Mysterium dieses Mannes, der so viel Leid über Europa gebracht hat, bisher nicht befriedigend ergründet. Van Creveld kommt zu dem Schluss, diesem Ziel am nächsten kommen zu können, indem er sich in die Person des „Führers" versetzt und ein Buch aus der Ich-Perspektive schreibt – als Rückschau auf sein bewegtes Leben. Die genannten Ereignisse sind alle belegt. Es handelt sich großteils nicht um Fiktionen. Nur die Darstellung der Gedanken Hitlers, die zu dessen jeweiligen Handlungen geführt haben, ist spekulativer Natur. Mehrere Biographen Hitlers kommen aus Sicht des Diktators nicht gut weg. Das Buch ist flüssig geschrieben und kurzweilig zu lesen. Die Passagen abwertender Beschreibungen einzelner Personen aus seinem Umfeld, oder auch ganzer Völker, verleihen dem Werk eine befremdliche Nuance. Die politische Korrektheit hat uns daran gewöhnt, auf Kraftausdrücke zu verzichten und Ross und Reiter selten mit unmissverständlicher Klarheit zu benennen. Kokett wirkt, dass der Autor sich in einer Passage, in der es um die Kampfkraft der Deutschen geht, selbst zitiert: „Wie ein bedeutender israelischer Militärhistoriker geschrieben hat…“ Van Creveld: „Ich habe versucht, die subjektive Wahrheit zu enthüllen. Hitlers Handlungen, Ansichten und Gedanken zu verstehen, so wie er sie meiner Ansicht nach unter dem Eindruck der Vergangenheit und Gegenwart aus der Hölle heraus erklären würde.“ Ein interessanter Ansatz. Inwieweit dieser Versuch geglückt ist, muss jeder Leser selbst entscheiden.


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