09. September 2019

Warum es völlig egal ist, ob die AfD eine „bürgerliche“ Partei ist Der doppelte Selbsthass

Das deutsche Bürgertum ist weit vom bürgerlichen Ideal entfernt

von Christian Rogler

Artikelbild
Bildquelle: Joachim Nagel: Carl Spitzweg. Belser, Stuttgart 2008, S. 15/Wikimedia Commons Im 19. Jahrhundert zur Karikatur verkommen: Bürgertum

Das heutige Deutschland ist einer sozialistischen Volksdemokratie deutlich näher als einer „bürgerlichen“, freiheitlichen Demokratie. Die DDR-artige „Nationale Front“-Politik gegen die AfD, die einhellige agitatorische Berichterstattung der Leitmedien, der Konsens hinsichtlich der Akzeptanz der totalitär-utopischen „Klimaschutz“-Ideologie, die darauf gestützte Wiederkehr der Planwirtschaft, nicht zuletzt aber auch der Fall Wiebke Binder zeigen exemplarisch, dass es offenbar immer mehr Menschen in Deutschland gibt, die es gerne zum dritten Mal innerhalb von weniger als 100 Jahren mit einer sozialistischen Diktatur versuchen möchten.

Die öffentliche Bloßstellung einer Kollegin wegen des „Gedankenverbrechens“, zu einem Thema, über das sie gerade mit Politikern spricht, eine sachliche Frage zu stellen, samt kollektiver „Selbstkritik“ ist ein neuer Meilenstein auf dem Weg dorthin. Dies wiegt umso schwerer, als es tatsächlich Gründe gibt, sich zu fragen, ob die AfD eine „bürgerliche“ Partei ist – vor allem aber, ob sie überhaupt eine sein soll.

Das bürgerliche Ideal als solches reicht historisch schon weit zurück. Schon im – dem Narrativ der „Aufklärung“ zufolge bekanntlich finsteren – Mittelalter entstand in deutschen Reichsstädten eine Schicht, die diesem nahekam. Das städtische Bürgertum legte Wert auf Selbstverwaltung und Selbstbestimmung, bestritt seinen Lebensunterhalt durch Handel und Handwerk, trieb ökonomischen und kulturellen Austausch über Grenzen und Kontinente hinweg und schaffte es durch sein selbstbewusstes Auftreten gegenüber Adel und Klerus, seine Interessen zu behaupten und ersten Städten einen freien Status zu erkämpfen.

Im britischen und später amerikanischen Kontext leitete der „Burgess“ seinen Titel aus diesem Zusammenhang ab, das spätlateinische „burgus“, von dem sich die Silbe „‑burg“ oder „‑bourg“ in Städtenamen herleitet, bezeichnete die Festungen und Stadtmauern, die einen solchen freien Status untermauerten – in Städten, die sich durch ein hohes Maß an Freiheit, Wohlstand, hohe Bildungsstandards und reges kulturelles Schaffen auszeichneten.

Bis heute hat sich dieses Bild vom Bürger im politischen Sinne des Wortes erhalten. Als solcher gilt ein Mensch, der in Eigenverantwortung und aus eigener Kraft seinen Lebensunterhalt verdient, seine Familie unterstützt, sein Eigentum pflegt, spart, auf eigene Bildung und die seiner Kinder Wert legt, sich als Sachwalter einer Tradition sieht, die er an künftige Generationen weitergeben will, bewährte Lebensregeln einhält, sich für das Wohl seiner Gemeinde einsetzt und skeptisch ist gegenüber unausgegorenen Ideen und unnötigen Veränderungen.

Wenn eine Partei wie die AfD sich in dieser Tradition sehen und an dieses Ideal anknüpfen will, ist dies nur zu begrüßen. Von daher ist es auch nur legitim, wenn Jörg Meuthen und Alexander Gauland dieses Attribut für die eigene Partei in Anspruch nehmen und auch gerade deshalb linksradikalen Maulkörben entgegentreten, die man den wenigen gewissenhaften Journalisten verpassen will, die im öffentlichen Rundfunk noch verblieben sind.

Allerdings sollte auch niemand in der AfD vergessen, dass die tägliche Lebensrealität nicht immer hehren Idealen genügt – was die Ideale nicht falsch macht, aber Anlass sein sollte, vorsichtig mit Begriffen umzugehen.

Dies gilt umso mehr, wenn sich beispielsweise Personen unter dem Attribut „bürgerlich“ finden, die im Wesentlichen das Zerrbild des Bürgertums aus der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts von der Romantik bis hin zu Storm oder Fontane verkörpern, die als „Philister“ oder Erbsenzähler mit ausgeprägtem Standesdünkel Selbstgerechtigkeit und Substanzarmut statt bürgerlicher Tugendhaftigkeit im ursprünglichen Sinne ausstrahlen. Im Fall jener Gruppierung, die sich „Bürgerliche AfD“ nennt und offenbar die Demontage missliebiger innerparteilicher Konkurrenten oder die Skandalisierung von Jugendsünden aus dem Jahre Schnee als ihre Hauptaufgabe sieht, scheint dieser Typus in sehr hohem Maße präsent zu sein.

Was die Lage noch zusätzlich verkompliziert, ist, dass das real existierende deutsche Bürgertum zunehmend schwindende Substanz durch ein Mehr an Form auszugleichen versucht. Schlimmer noch, es ist in weiten Teilen längst ins Lager des totalitär-sozialistischen Feindes übergelaufen, allein schon aus der Angst heraus, nur nicht als „unmodern“ oder „spießig“ zu gelten.

Die Achtundsechziger-Generation hatte es sich zum Ziel gesetzt, bürgerlichen Perfektionismus auszunutzen, um dort die Saat des Selbsthasses zu säen. Jedes Scheitern am eigenen Ideal wie eine in die Brüche gegangene Ehe oder eine wirtschaftliche Pleite wurde zum Symbol für die Bigotterie erklärt, die dem Bürgertum eigen sei (wobei es diese dort sicher gibt, allerdings bei weitem nicht so perfektioniert wie auf der Linken), und das Ideal als solches wurde angegriffen.

Die Schwierigkeit, durch Krisen und Veränderungen hinweg das anspruchsvolle Leben nach traditionellen Mittelklassewerten zu leben, machte gerade jüngere Menschen aus dem Bürgertum für die Versprechungen der Kulturmarxisten empfänglich, die ihnen in Aussicht stellten, zur Elite gehören zu können, auch ohne gewachsene Traditionen weiterführen zu müssen – nämlich, indem sie einfach nur die „richtige“ Gesinnung an den Tag legten. Gleichzeitig wurden die traditionellen Mittelklassewerte als „spießig“ und Ausdruck einer „autoritären Persönlichkeit“ verketzert – sich von ihnen loszusagen, wurde so gleichsam zum „antifaschistischen“ Akt erklärt.

Dazu kam die Erzeugung und Instrumentalisierung von Schuldgefühlen. In den USA knüpften diese an das Konzept der „White Guilt“, der „weißen Schuld“ an, und die Geschichte der freiesten Nation der Welt, die als einzige sogar einen Bürgerkrieg führte, um die Sklaverei zu beenden, wurde zu einem Abgrund an Rassenhass und Imperialismus umgelogen.

In Deutschland fiel es noch leichter, diese Strategie umzusetzen, da dort das Trauma des verlorenen Krieges und die Schuldgefühle ob der Nazigräuel dazukamen. Dass das deutsche Bürgertum und vor allem seine Parteien durch ihre Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz Hitler erst die Errichtung der Diktatur ermöglichten, verstärkte diese zusätzlich. Dass die SPD es war, die Hitlers Abschiebung vereitelt hatte, oder dass die KPD zum Teil mit den Nationalsozialisten gemeinsame Sache machte, um die Weimarer Demokratie zu beseitigen, geriet dabei rasch in Vergessenheit.

Erst recht wurde die Rolle des Protestantismus nur ungern erörtert, der im Zuge eines zunehmenden Säkularismus damit aufgehört hatte, das Christentum der Bibel zu predigen – und an dessen Stelle eine Religion setzte, die vor allem den Vorgaben der Politik folgte.

Dass das deutsche Bürgertum selbst es war, das sich von seinen eigenen Traditionen losgesagt und stattdessen Obrigkeitsstaatlichkeit, Selbsthass und Anpassung zu seinen neuen Idealen erhoben hatte, war letztlich der Grund dafür, dass es am Ende jeder extremistischen und totalitären Ideologie gefolgt war, sobald diese eine bestimmte Stärke erreicht hatte – vom Nationalsozialismus über den DDR-Marxismus bis hin zum heutigen Antifa-Konsens und Öko-Totalitarismus.

Menschen im Blaumann haben dieses Land aufgebaut, Menschen in Schlips und Kragen – und im Hosenanzug – haben es zu dem heruntergewirtschaftet, was es jetzt ist. Der „Kampf gegen rechts“ ist, wie Björn Höcke es zutreffend sagte, ein Kampf gegen die bürgerliche Lebenswelt. Dass dieser von weiten Teilen des deutschen Bürgertums selbst mitgetragen wird (und ja, Disclaimer: Höcke selbst ist in Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik zu links), zeigt, dass es zwar richtig ist, das Recht Wiebke Binders zu verteidigen, ohne steinzeitmarxistische Maßregelung die AfD als „bürgerlich“ zu bezeichnen – dass aber die Berufung auf den „gesunden Menschenverstand“ mittlerweile mehr Sinn machen dürfte als jene auf das „Bürgertum“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: AfD

Mehr von Christian Rogler

Über Christian Rogler

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige