30. August 2019

Leseerfahrung mit einem grottenschlechten und dennoch lehrreichen ungarischen Buch Einsame Frauen

Konflikt zwischen Gleichberechtigung und Natur

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock In der parzellierten Gesellschaft: Einsame Frauen

Vor Jahren schockierte mich eine Anwältin, deren beeindruckende Bücherwand ich befragte, mit dem Satz: „Wenn ich lese, will ich nicht nachdenken.“ Ihre Sammlung bestand aus Hunderten Krimis und Thrillern und sogenannten Bestsellern aller Art.

Der Satz erschien mir komplett absurd und widersprach allem, was mir wichtig war. Wenn ich lese, dann will ich nachdenken und nichts anderes. Allerdings bin ich auch kein Anwalt, und nichts und niemand zwingt mich zum tagtäglichen Nachdenken über Probleme anderer.

Diese Manie geht so weit, dass ich selbst Bücher, die zum Abschalten und Nichtnachdenken ermutigen sollen, nur nachdenkend lesen kann. Gerade das macht sie interessant – umso mehr, wenn sie in einer fremden Sprache geschrieben sind.

Nun habe ich endlich mein erstes ungarisches Buch gelesen. Nun ja, „gelesen“ ist etwas euphemistisch ausgedrückt. Ich habe es durchgearbeitet, Tag für Tag ein paar Seiten, habe mich durchgequält, zwei Monate lang, und vermutlich jedes dritte Wort nachgeschlagen. Klar, dass man auf diesem Niveau nichts Niveauvolles lesen kann und nicht jede Feinheit versteht.

Daher musste ich lange suchen, um überhaupt ein passendes Buch zu finden. Geschichtswerke hatte ich versucht, in ein, zwei Romane geschaut, und selbst Kindermärchenbücher haben sich ob ihrer oft antiquierten oder gekünstelt spezifischen Sprache als schwer zugänglich erwiesen. Aber dieses machte beim ersten Durchblättern einen machbaren Eindruck: „Szingli ​nők“ („Einsame Frauen“ oder „Singlefrauen“) von Cynthia Parker.

Das größte Rätsel für den Mann ist bekanntlich die Frau. Umgekehrt ist es wohl nicht ganz so kompliziert. Neben der Sprache war es ein besonderer Anreiz, zu ergründen, wie und was Frauen denken, was sie sich zuflüstern, wenn Frauen nur mit Frauen reden oder nur für Frauen schreiben, zumindest für solche wie obige Anwältin. Und davon muss es viele, sehr viele geben, denn diese Art Bücher wird millionenfach gekauft, und auch Cynthia Parker, die Autorin, ist schon 30 Bücher alt. Auf vielen davon prangen nackte und junge Männertorsi. Ihr Name klingt nur amerikanisch, dahinter verbirgt sich wohl eine ungarische Autorin, die hauptsächlich für den heimischen Markt schreibt.

Aber sie hat von den Amerikanern gelernt. Alle meine Ausflüge in die moderne amerikanische Literatur waren große Enttäuschungen, ausgenommen Bret Easton Ellis. Sie haben alle etwas gemeinsam, ganz gleich, ob man von Philip Roth, Cormac McCarthy oder sogar Stephen King spricht: Es fehlt ihnen das Gespür für Tempo und Beschleunigung, und sie stecken viel zu tief in den typischen Hollywood-Diskursen. All diese Schwachstellen hat „Cynthia Parker“ zielsicher übernommen und sie noch mit einer todlangweiligen Geschichte verknüpft. Und die geht in etwa so:

Amanda Weaver ist über 30 Jahre alt, (noch) hübsch, erfolgreich, reich, Single und die Chefin eines angesehenen Verlages, der Millionen Bücher verkauft, seit man sich von wahrer Literatur getrennt hat. Da ihre Sekretärin wegen Schwangerschaft ausfällt, wird eine neue Fachkraft gesucht. Es meldet sich Brad Connor, der alles hat, was der Job verlangt: Erfahrung im Metier – sein Vater hat selbst einen großen Verlag in die Pleite geführt –‍, Intelligenz, Arbeitswille, soziale Kompetenz und zudem eine sanfte Baritonstimme, die alle Frauenherzen schmelzen lässt. Er hat nur einen Makel: Er ist ein Mann, und dann noch einen: eine Brille, dick wie zwei Aschenbecher.

Amanda kann sich lange nicht damit abfinden, einen Mann als Sekretär angestellt zu sehen, einen Mann als Untergebenen. Und die Brille macht ihn hässlich. Aber genau deswegen arbeitet er, um sich das Geld für eine Augenoperation zusammenzusparen.

Ahnen die Leser schon etwas? Ja, genau so kommt es. Am Ende liegen die beiden im Bett. Es ist das Märchen vom Froschkönig. Nach seiner OP ist Brad unwiderstehlich, ein Adonis mit einem ganz weichen Herzen, der immer weiß, was Frauen wollen – ein Traum. Deswegen reden Amandas Freundinnen, die alle Pamela oder Joyce oder so heißen und daher für mich nicht zu unterscheiden sind – ihre Männergeschichten werden als Binnenhandlung im „Sex and the City“-Stil auch erzählt –‍, ihr immer wieder zu, aber Amanda kann die Hürden lange nicht überwinden: Brads geringen sozialen Status und seinen geringen Verdienst, und zudem ist er auch noch drei Jahre jünger.

Die Gespräche der Frauen sind aufschlussreich. Sie sind alle attraktiv, entstammen teilweise dem Modelwesen, sind Künstlerinnen und Ähnliches, sind alle über 30 und haben alle keine Kinder, wünschen sich aber welche, scheuen sich zugleich aber davor, weil das die Brüste hängen macht, die Figur verdirbt und man überhaupt alt wird. Doch die biologische Uhr tickt: Sie sind verzweifelt. Des Weiteren werden Diäten diskutiert und der zwischengeschlechtliche Verrat, den sie allerorten vermuten. Das ist der wesentliche Grund, weshalb die meisten von ihnen in unglücklichen Beziehungen leben.

Amanda löst ihr Begehren durch regelmäßige One-Night-Stands. Nie schläft sie zwei Mal mit einem Kerl, und sei er auch so schön wie der italienische Kellner, der sie bestiehlt und sich zugleich in sie verliebt. Eine feste Beziehung kann sie nicht riskieren, denn ihr ganzer Fokus liegt auf Arbeit, Karriere und Erscheinung.

Der Wendepunkt in ihrem Leben wird eine Klassenfeier. Dort will sie alle anderen Frauen ausstechen, will die Schönste sein und die Attraktivste auch, und das geht nur, wenn sie einen stattlichen Mann an ihrer Seite hat. Sie muss auf Brad zurückgreifen. Der schlägt sich auch in dieser Rolle hervorragend und benimmt sich zum ersten Mal wie ein Mann: Er kommandiert sie. Erstaunt stellt sie fest, wie sehr sie – die doch ihre Freiheit so sehr liebt – davon angetan ist. Unterwerfung unter den Willen eines starken anderen tut gut, befreit. Das also hat sie nichtsahnend gesucht: einen Mann, der ihr die Richtung vorgibt, der sagt, wo es langgeht.

Und die führt natürlich in die Kiste, wo Brad noch einmal Wunder vollbringt. Erschrocken gesteht sie sich ein, dass sie diesen Mann liebt. Sie möchte gern mit ihm zusammenleben, aber er ist nun mal ein Mann, man kann ihm deshalb nicht trauen. Und dann ist er nur Sekretär, während man über sie in den Glamour-Gazetten berichtet, er verdient lächerlich wenig, und das entspricht nicht ihrem Verständnis von Männlichkeit, er ist jünger als sie, wie soll sie zu ihm aufsehen? Und schließlich der Kinderwunsch, der unstillbare und ständig geleugnete. Nun bricht er auf, aber was wird aus ihrer Figur, aus ihren Brüsten?

Man glaubt es kaum, aber das in überlangen faden Dialogen Angesprochene ist – ohne dass sich die Autorin dessen wohl bewusst war – äußerst relevant. Sie entwirft den modernen zerrissenen Menschen in einer von gegenseitigem Vertrauen befreiten Zeit, in einer Gesellschaft, die durch Parzellierung – hier die soziale – den inneren Zusammenhalt verloren hat.

Es ist im Kern der Konflikt zwischen Gleichberechtigung und Natur, zwischen Selbstbestimmung und biologischer und sozialer Macht. Diese Frauen sind hoffnungslos gespalten: Sie wollen verführt und erobert werden, aber man hat ihnen eingetrichtert, dass sie selbstbestimmt bleiben wollen sollen. Für sie ist ein Nein ein Nein, aber sie haben erotische Vergewaltigungsphantasien. Sie schmelzen bei den schnulzigsten Komplimenten dahin, hegen aber einen unbezwingbaren Misstrauensvorschuss gegenüber jedem Mann. Sie wollen Kinder, kennen aber nur die totale Freiheit. Sie kritisieren die Medien für ein übertriebenes Schönheitsideal und hecheln diesem verzweifelt nach. Sie neiden der Konkurrenz jeden Erfolg und geben selbst alles dafür, beneidet zu werden. Sie gieren nach großen Gefühlen in einer selbsterschaffenen Blase der Gefühlskälte. Sie ahnen, dass sie Kinder wollen, scheuen aber die Pflichten und Folgen. Sie haben Angst vor dem Verfall und registrieren ihn wonnevoll bei den alten Freundinnen, die schon drei, vier Kinder haben oder anorexisch sind. Sie suchen tiefe Wärme und generieren nur oberflächliche Kälte…

In der realen Welt müssen sie zwangsläufig scheitern, und das heißt: unglücklich werden. Amanda wäre in der ersten Liebesnacht beinahe an der Frage, wer die Verlobungsringe bezahlt, gescheitert. Sobald die Liebe zugeschlagen hatte, muss sie ihn gleich heiraten, festnageln und sich seiner versichern. Und als das geklärt ist, hat sie eine geniale Idee, seinen größten Makel zu beseitigen: Sie gibt ihrem Sekretär eine üppige Lohnerhöhung.

Überall dort, wo die „Rechte anderer“ fiktiv verletzt werden, folgen übrigens lange politisch korrekte Rechtfertigungen, damit auch ja niemand vor den Kopf gestoßen wird. Denn selbstverständlich ist auch die Klatschfette oder Spindeldürre an sich schön, und selbst Zellulitis hat ihren Charme! Sie denken ständig an ihre glatte Haut und fürchten den Verfall, aber die Autorin kann es sich nicht leisten, die Makel der anderen, der Verbrauchten und vom Leben Gezeichneten nicht auch zu rechtfertigen – so schreibt man heutzutage keine Bestseller mehr.

Das Fazit dieses grottenschlechten und dennoch lehrreichen Produkts, das mir das Rätsel Frau nur dort erhellte, wohin ich keinen Kontakt pflege, trifft eine kongeniale Rezensentin, die dieses Buch für wesentlich hält: „Mindig van, aki rosszabb helyzetben van nálatok.“ – „Es gibt immer jemanden, der in einer schlechteren Lage ist als ihr.“

Auch mit dieser Maxime kann man offenbar ein Leben überleben. (Und ich kann sagen: Ich habe ein ungarisches Buch gelesen.)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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