21. August 2019

Hippiefilme Woher kommt die Düsternis?

Die Vertreter des Genres werden alle als Abgesang wahrgenommen

von Winfried Knörzer

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Bildquelle: Steve Lagreca / Shutterstock.com Abgesang auf das Hippietum: „Easy Rider“

Mir fallen, auch nach längerem Nachdenken, nur vier Spielfilme ein, die den Geist der Hippiezeit adäquat einfangen: „Easy Rider“, „Fritz the Cat“, „Alice‘s Restaurant“, „Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird“. Mit einigen Abstrichen ließen sich dieser Aufzählung noch die beiden Beatles-Filme hinzufügen.

Wie kann es sein, dass eine Bewegung, die so radikal und nachhaltig die Lebensweise und die Wertvorstellungen der westlichen Zivilisationen geprägt und verändert hat, so wenig Resonanz im Leitmedium des kulturellen Bewusstseins, dem Film, gefunden hat? Zwar sind die Äußerlichkeiten des Hippietums wie lange Haare und ausgeflippte Klamotten als Abbildungen zeittypischer Lebenswelt ins Mainstreamkino eingedrungen, aber es ist dort nie als zentraler Plot in Erscheinung getreten. Die vier genannten Filme sind alle außerhalb der großen Studios entstanden. Da der Film ein extrem teures und komplexes Medium ist (man muss neben der Herstellung ja auch den Vertrieb berücksichtigen), fällt es hier besonders schwer, eine Alternativkultur zu etablieren.

Erstaunlicherweise enthalten all diese Filme keine Verherrlichung des Hippietums. Ganz im Gegensatz zur Flowerpower-Romantik und der „Love, peace and happiness“-Idylle kommen überdeutlich eine latente Dämonie und eine untergründige Melancholie zum Ausdruck. Die Protagonisten sind keine unbeschwert in den Tag hinein lebende Blumenkinder, sondern gebrochene Charaktere, die, von beständiger Unruhe und Unzufriedenheit erfüllt, sich auf einer fortwährenden Odyssee befinden.

Das Hippietum kennzeichnet der Bruch mit der bestehenden Ordnung. Auch wenn man nicht genau weiß, was man eigentlich konkret will, so weiß man immerhin, dass man alles ganz anders machen müsste als die Eltern und das Gros der verspießerten Altersgenossen. Man will das Glück, hier und jetzt. Man hat den Bruch vollzogen und sich dem Traum eines anderen Lebens überantwortet. Aber was dann? Nachdem man den Mief des Elternhauses verlassen hat und mit dem Motorrad in die Weite des Landes gefahren ist, um die grenzenlose Freiheit zu erfahren, nachdem man den ersten Joint geraucht hat, den ersten guten Fick bar jeder Konvention hinter sich gebracht hat, was kann man dann noch tun? Noch weiter fahren, noch mehr rauchen, andere Frauen aufreißen, dies alles fügt dem durch die ersten, sich unmittelbar dem Aufbruch anschließenden Erlebnisse gewonnenen neuen Erfahrungshorizont nichts mehr Wesentliches hinzu. In den genannten Filmen wird genau dieses Dilemma thematisiert, weshalb sie auch eigenartigerweise in den Filmbesprechungen als Abgesang auf das Hippietum beschrieben werden, obwohl sie auf dem Höhepunkt dieser Bewegung entstanden waren.

Eine Rückkehr in den Schoß der Gewöhnlichkeit, der Erwachsenenwelt kommt nicht in Frage, da dies nur als Scheitern wahrgenommen werden könnte. Es bleibt nur eine fortschreitende Radikalisierung oder der Versuch einer autonomen Veralltäglichung. Beide Seiten der Alternative sind in hohem Maße vom Scheitern bedroht. Zum einen will man die Intensität des Erlebens immer weiter steigern, zum anderen entdeckt man immer neue, hinwegzuräumende Grenzen und Einschränkungen, die das Erreichen der totalen Freiheit verhindern. Diese Entwicklung kippt sehr rasch ins sozial, physiologisch und psychisch Schädliche um. Der Wechsel vom Haschisch zum Heroin ruiniert nicht nur den Körper, sondern lässt auch die Persönlichkeit erstarren. Während des Trips ist man ganz in die eigene Innenwelt hineingezogen, in der Zeit dazwischen dreht sich alles nur um die Beschaffung der Suchtmittel. Die Sozialkontakte verkümmern, Gespräche und gemeinsame Aktivitäten erscheinen banal angesichts der Außerordentlichkeit des Highs. Andere Menschen treten nur noch als Objekte, die stören, oder als Objekte, die man anschnorren kann, in den Blick. Aber auch in den anderen, harmloseren, auf Reisen und Sex bezogenen Formen der Radikalisierung zeigt sich dieselbe Struktur eines Dualismus von Verdinglichung und Egozentrismus. Die Orte, die man besucht, die Frauen, die man kennenlernt, dienen nur dazu, einem positive, angenehme Reize („good vibrations“) zu verschaffen. Sobald diese Objekte ihren Subjektcharakter enthüllen, also ihre Eigenwilligkeit und Eigenständigkeit zur Geltung bringen, wird die Sache zu kompliziert und man zieht weiter. Sie sollen Reizgeneratoren sein und nicht mehr. Die in diesen Orten, Personen, Gegenständen, Büchern, Beschäftigungen liegende Subjektivität anzuerkennen, sich auf ihr Wesen und ihren Anspruch einzulassen, hieße, Abstriche an der eigenen Subjektivität vorzunehmen und auf sofortige Bedürfnisbefriedigung zu verzichten. Als man sich früher auf die Suche nach Abenteuern, Grenzerfahrungen, Ekstasen machte (Entdeckungsreisen, Kunst, Mystik, Schamanismus), war es für jeden selbstverständlich, ein langes Training und intensive Vorbereitungen auf sich zu nehmen. Jetzt dagegen will man die Erfahrung des ganz Anderen sofort und ohne Anstrengung. Man strebt eine Intensivierung des Lebens an, die nicht in die Tiefe geht, sondern auf der Oberfläche bleiben soll. Dies kann nicht funktionieren. Man erntet so nur das Surrogat einer Ekstase. Da man dies mehr oder weniger deutlich ahnt, stellt sich auch zwangsläufig ein Gefühl der Unzufriedenheit ein, das man aber nur dadurch bekämpft, sich neuen stärkeren oder anderen Reizen zuzuwenden.

Unter autonomer Veralltäglichung verstehe ich den Versuch, eine Gegengesellschaft zu etablieren: Kommunen, Kinderläden, Töpfereien, Kneipen, Plattenstudios, Jugendzentren, und so weiter. Allein schon aufgrund der Tatsache, dass man diese alternativkulturellen Projekte in die bestehende Gesellschaft integrieren und mit dieser interagieren muss, werden die eigenen Handlungsspielräume eingeengt. Jedes irgendwie kommerziell orientierte Projekt, mit dem die Betreiber ihren Lebensunterhalt verdienen wollen, muss, auch wenn man keine großen Gewinne erzielen will, nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt werden. Man muss regelmäßig arbeiten, mit Geschäftspartnern verhandeln, auf Rentabilität achten, einen Markt erschließen, planen, organisieren. Aber auch in den anderen, nicht wirtschaftsbezogenen Lebensformen setzt sich der Zwang der Verhältnisse gebieterisch durch: Kinder wollen versorgt werden, die Wohnung muss aufgeräumt, der Gebrauch von Ressourcen eingeteilt werden, und so weiter. Die Entscheidung für die Sesshaftigkeit verbietet es, sich diesen Zwängen durch Flucht oder eine Haltung kynischen Nichtbetroffenseins zu entziehen. Auch wenn diese Lebensweise der Zielsetzung nach alternativ ist und mit den Ingredienzen alternativer Praxis möbliert ist, gleicht sie in der Form des alltäglichen Handelns dem Hergebrachten. Ob man ein knallbuntes Batikhemd wäscht oder ein weißes Nylonhemd, um das Waschen kommt man nicht herum. Weil man aber der Ordnung, Nützlichkeit und Banalität des bürgerlichen Lebens entgehen und die Freiheit von allen Zwängen erreichen wollte, macht sich bei jedem Handgriff, den man ausführt, der Widerspruch zu diesen Zielen schmerzlich bewusst. Man ist wieder in einer Ordnung gefangen, auch wenn sie orangerot leuchtet, Fransen und Paisleymuster hat.

Die beiden hier beschriebenen Verhaltensweisen werden idealtypisch von Peter Fonda auf seinem Motorrad und Alice in ihrer Küche verkörpert. Verkompliziert wird die Lage dadurch, dass zumeist beide Typen in einem konkreten Milieu zusammentreffen. Für diejenigen, die ein Alternativprojekt aufbauen, umgibt den egozentrischen Selbstverwirklicher zunächst der Nimbus der ursprünglich ersehnten grenzenlosen Freiheit. Seine mangelnde Bereitschaft, sich einzuordnen und mitzutun, und seine gleichzeitige Nonchalance, die Früchte der Arbeit anderer gratis einzustreichen, treiben Kollisionen hervor, die noch dadurch verstärkt werden, dass er es nicht versäumt, den Finger auf die Wunde der neospießerischen Veralltäglichung zu legen.

Verschärft wird diese Problematik, wenn man die moralische Dimension berücksichtigt. Wer nicht nur die bestehende Ordnung ablehnt, sondern die Idee der Ordnung überhaupt, verliert jeglichen Halt. Das einzige Orientierungssystem ist der Maßstab der eigenen Bedürfnisbefriedigung, die man mit Freiheit verwechselt. Die eigenen Bedürfnisse zur alleinigen Richtschnur des Handelns zu machen, ist aber nichts anderes als die Definition des Bösen selbst. Fonda und Hopper haben das Geld für ihre Überlandfahrt durch einen Drogendeal verdient, der Hase in „Fritz the Cat“ malträtiert seine Freundin und plant einen Terroranschlag. Der drogensüchtige Motorradfahrer in „Alice‘s Restaurant“ tötet sich schließlich selbst.

Ich will diesen moralischen Aspekt nicht überstrapazieren. Nichts liegt mir ferner, als oberlehrerhaft den Zeigefinger zu erheben und zu behaupten, wer den Pfad der Tugend verlasse, der freilich umstandslos mit der von Ängsten erfüllten Stickluft kleinbürgerlicher Wohlanständigkeit gleichgesetzt wird, werde ein schlimmes Ende nehmen. Ich will vielmehr verstehen, warum die authentischen filmischen Zeugnisse des Hippietums so gar nicht den landläufigen Vorstellungen einer modernen Anakreontik, eines unbeschwerten, sich allein der Liebe und der Musik widmenden Lebens entsprechen. Woher kommen Düsternis, Verzweiflung, Scheitern, Unglück?


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