06. August 2019

Ins Gesangbuch der dänischen Volkshochschulen soll ein muslimisches Lied aufgenommen werden Ramadan in Kopenhagen

Das Lied hat weder eine Geschichte, noch vertritt es dänische Werte

von Jörg Seidel

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Bildquelle: Joshua Sherurcij/Wikimedia Commons Muslim mit dänischem Pass: Isam Bachiri

In Dänemark will man ins ikonische Gesangbuch der Volkshochschulen einen Song mit dem Titel „Ramadan in Kopenhagen“ aufnehmen. „Man“, das ist Jørgen Carlsen, der selbst einmal Vorstand einer der prestigeträchtigsten Folkehøjskoler war und der heute der Leiter jenes Gremiums ist, das alle zehn, zwölf Jahre eine aktualisierte Version des Gesangbuches herausgibt.

Man muss dazu wissen, dass diese Volkshochschulen ein von dem Pädagogen und Politiker Nikolai Frederik Severin Grundtvig ausgehendes Unikum sind, in denen Dänen und Norweger für wenig Geld Bildung und Kultur vermittelt bekommen, mit dem Ziel der allgemeinen Volksbildung, die die Teilnehmer zu mündigen Menschen und Staatsbürgern machen soll.

Ich selbst hatte das Glück, an einem solchen zehnwöchigen Kurs teilnehmen zu dürfen. Jeden Morgen traf man sich zum gemeinsamen Morgensingen. Es wurden Lieder aus jenem legendären Gesangbuch ausgewählt. Der darin versammelte Liederschatz stellt einen Kanon dar – seine große Klammer ist die „danskhed“, das Dänischsein. Seit 1894 gibt es dieses Buch, ich selbst habe die 17. Auflage und liebe es, habe auch einige Lieder auswendig gelernt. Viele der Volkslieder gehen auf Grundtvig, Ludvig Holberg, Hans Christian Andersen, Steen Steensen Blicher, Jeppe Aakjær, Bernhard Severin Ingemann und andere dänische Klassiker zurück, sie wurden von Carl Nielsen, C.E.F. Weyse und anderen, den Größen der Komposition, geschrieben.

Kurz: Dieses Buch ist „kernedansk“, urdänisch, dänisch durch und durch und nichts anderes. Es ist ein nationaler Schatz, ein Gral des Dänischen. Wikipedia: „Es ist weithin dafür bekannt, dass es die wichtigsten Lieder des dänischen Kulturerbes sammelt.“ Als solches hat es seit 125 Jahren einen wesentlichen Beitrag zur Identitätsfindung beigetragen, und diese Identität war Grund und Ursache sowohl für den Erfolg dieses kleinen Landes und des Überstehens der – oft von Deutschland zugefügten – Leiden, war Motiv dieses großartigen, fast familiären Zusammengehörigkeitsgefühls, für das man die Dänen nur beneiden kann beziehungsweise konnte. Die im Buch versammelten Lieder müssen sich als geschichtlicher Bestand bewährt haben, sie sind oft vom Volk legitimiert, sie drücken die nationale Seele aus.

Jørgen Carlsen plädiert nun dafür, in der 19. Ausgabe ein Lied mit dem Titel „Ramadan i København“ aufzunehmen. Das Lied wurde von einem Liedermacher namens Isam Bachiri geschrieben, der in Kopenhagen geboren wurde, dessen Vater marokkanischer Abstammung ist. Isam B., wie er sich nennt, war der Kopf der bekannten Gruppe „Outlandish“.

Der Zufall will es, dass ich „Outlandish“ selbst während meines Aufenthalts an der dänischen Volkshochschule kennenlernen durfte. Dort führten die drei Musiker Gespräche mit den Schülern. Es waren aufgeregte Zeiten: Dänemark zitterte noch unter den Folgen der sogenannten „Mohammed-Krise“. Die war im Herbst 2005 ausgebrochen, als einige „dänische“ Imame ein paar Mohammed-Karikaturen instrumentalisierten und unter Lügen und Täuschung einen weltweiten Aufruhr initiierten.

Wie alle Muslime, die ich damals kennenlernte und sprechen konnte, versuchten auch „Outlandish“, die Sache zu relativieren und vor allem Verständnis für die muslimische Sicht zu wecken. Zwar wurde alles unter dem Mantel „Toleranz“ abgehandelt, aber diese konnte nur in eine Richtung wirken. Meinungs- und Pressefreiheit wurden damals großflächig einer falsch verstandenen „Religionsfreiheit“ – einer bestimmten Religion gegenüber – und einem fiktiven Recht, das Schutz vor „verletzender“ Ironie gewährt, geopfert.

Isam B. machte sich einen Namen, als er das ikonische und patriotische Lied „I Danmark er jeg født“ („In Dänemark bin ich geboren“) sang, aber auch, als er sich etwa weigerte, Frauen aus religiösen Gründen die Hand zu geben, oder Terrorverdächtige unterstützte. Nun wurde er von Jørgen Carlsen gefragt, ob er nicht ein Lied mit islamischem Inhalt für die kommende Ausgabe des Liederbuches schreiben könne. Dieses Lied widerspricht also in doppelter Weise der Tradition des Buches. Es hat weder eine Geschichte, es ist also nicht bekannt, noch vertritt es dänische Werte. Seine fünf Strophen sind wie das fünffache Gebet angeordnet und gipfeln in einer direkten Anbetung Allahs: „Die Sterne schauen hinab/Der Körper wendet sich gen Südost/Die Stirn auf dem Teppich/Worte, die Trost suchen/Licht trifft auf Licht/Dankbarkeit in Seinem Namen/Nun geht der Tag auf über Kopenhagen/Ramadan in Kopenhagen.

Immerhin hat der Vorschlag Jørgen Carlsens, nachdem er ihn in der „Berlingske“ ausgeplaudert hat, breiten Protest hervorgerufen. Er will 150 der nun 600 meist alten Lieder austauschen – aber vor allem dieses eine Lied macht Furore. Carlsen erklärt Isam B. für „ærkedansk“, erzdänisch, denn er habe einen dänischen Pass. So kann man das sehen.

Man kann aber auch, wie Poul Erik Andersen, sich darüber wundern: „Bisher hat es geheißen, dass sich die Muslime in die dänischen Werte integrieren sollen. Aber nun sagt man: Wenn sie nun einmal da sind, dann sollen sie auch ihren eigenen Gesang im Gesangbuch haben, ein Lied, das nicht von dänischen Werten handelt, sondern von muslimischen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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