25. Juli 2019

Reisebericht aus Bosnien-Herzegowina Muslime in Sarajevo

Beängstigende Schönheit

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Vom Islam geprägt: Sarajevo mit muslimischem Friedhof

Man ist in Sarajevo hochgradig verunsichert, ob man sich noch in einem europäischen oder schon einem nahöstlichen Land befindet. Dass der radikale Islam an dieser europäischen Grenze zudem mehr als einen Fuß in der Tür hat, ist offensichtlich. Viele Frauen laufen mit Kopftuch, die schwarze Komplettverschleierung ist Alltag.

Vom Hotelfenster habe ich einen grandiosen Blick über die Stadt. Wir befinden uns auf erhöhter Warte genau in der Flucht des Flusses und schauen die Stadtachse entlang. Gleich gegenüber befindet sich ein großer muslimischer Friedhof mit seinen eng gereihten weißen Marmorstelen. An den Hängen wirken diese Friedhöfe wie Schneeflächen. In der Stadt gibt es einige romantische Parkflecken – auch sie waren einst Friedhöfe, und noch immer ragen Überreste alter verfallener und schiefer Grabsteine heraus wie aus einem uralten Gebiss.

Von meinem Horst zähle ich 16 Minarette. Früh um halb sechs werden alle Gäste ganz gleichberechtigt vom Ruf des Muezzins geweckt, und abends überstrahlen die scheinbar seriell gefertigten Gebetstürme in ihrem Neonschein das gesamte Stadtbild und lassen die überdimensionierte hässliche Werbung verblassen.

Die Altstadt ist ein Erlebnis, bei Tag und bei Nacht. In den engen Gassen und Winkeln entfaltet sich der ganze Charme des Orients – man muss sich immer wieder zur Erinnerung zwingen, dass dies hier altes europäisches Gelände ist. Das Pittoreske dieses Viertels sollte nicht täuschen: Die Stadt befindet sich in einem schnellen Wandel. Vor dem Krieg bezeichnete sich die Hälfte der Einwohner als Muslime und ein Viertel als Serben, heute sind die Verhältnisse ganz anders: Über 80 Prozent sind Bosniaken und nur noch vier Prozent Serben.

Gleich hinter dem Berg, keine fünf Kilometer entfernt, beginnt allerdings die Republika Srpska, die serbische Teilrepublik dieser seltsamen Bundesrepublik. Dort wehen stolz serbische Flaggen. Ihre offizielle Hauptstadt ist – Sarajevo; die Stadt liegt nicht mal auf serbischem Gelände. Auch deswegen ist die Bezeichnung als das „Jerusalem Europas“ durchaus treffend.

Man kann sich in diesem Labyrinth aus schmalen Gassen fast verlaufen. Neben den typischen Filialen globaler Firmen findet sich viel Einheimisches und Touristisches. Der Krieg hat auch hier seine Spuren hinterlassen. So kann man makabre Devotionalien aus Kalaschnikow-Patronenhülsen – Kugelschreiber, Spielzeugflugzeuge und anderes – kaufen.

Nach einem langen heißen Tag dort ein kühles Bier zu trinken, ist freilich nicht so einfach. Die Gassen sind – ganz südländisch – von Straßencafés gesäumt. In den meisten werden nahöstliche Leckereien angeboten. Frauen und Männer sitzen oft getrennt. Vor kleinen Kindern wölben sich große Berge von Süßspeisen. Wie diese Menschen das machen, ist mir ein Rätsel: Sich bis Mitternacht den Bauch mit Kohlenhydraten und Zucker vollschlagen und früh um halb sechs zum Gebet? Der Ernährungsphysiologe in mir stöhnt auf, als er einen fünfjährigen Jungen eine riesige Palatschinke mit Marmelade essen sieht. Die Mutter neben ihm, vollverschleiert, schaut auf ihr Smartphone.

Man lockt uns nach langer Suche in ein malerisches Restaurant, eine alte Karawanserei mit originalen Holzgängen. Alle Stühle scheinen besetzt, aber die eifrigen Kellner lotsen uns über Gänge und Treppen in ein Hinterzimmer, in dem die Wände mit grünen arabischsprachigen Flaggen geschmückt sind. Wir fragen nach Abendessen und bestellen ein Bier. Beides ist dort nicht zu haben. Um diese Zeit werden nur noch Süßigkeiten serviert, und an Alkohol ist natürlich nicht zu denken. So wird das nichts.

Vor dem Krieg, so sagt man uns, hat es das Kopftuch nicht gegeben, von der Verschleierung ganz zu schweigen. Aber seither durchlebt das Land, und besonders diese Stadt, eine stramme Islamisierung. Die meisten Moscheen sind neu und top in Form. Es mangelt nicht an Geld, und das stammt sehr oft aus Saudi-Arabien. Arabische Physiognomien, arabische Sprachfetzen sieht und hört man überall. Vor allem unter den jungen Männern sieht man die langen Bärte und rasierten Oberlippen.

Auch die innermuslimischen Konflikte sind hier offenbar virulent. Wie sonst ist zu erklären, dass der Iran in teurer Lage ein Kulturzentrum eingerichtet hat? Hinter dem Kulturmantel, den schönen Hafis-Ausgaben und den bunten ornamentalen Gemälden, dürften knallharte Interessen stecken: Im finanziell und theologisch saudisch dominierten sunnitischen Bosnien will man gern ein Gegengewicht vor Ort haben. Vom Trebević, einem anliegenden Berg, kann man die ganze Stadt aus anderer Perspektive überblicken. Auf einer großen Terrasse hat sich ein Ausflugslokal etabliert. Wir bestellen Kaffee und Kuchen. Wir werden von einem freundlichen Kellner bedient, der einst in Deutschland gearbeitet hat. Ich möchte gern etwas Ortstypisches essen. Er überlegt einen Moment, dann hellt sich sein Gesicht auf, und wenig später habe ich einen braun-weißen Kuchen vor mir stehen, der in einer Art Sahne schwimmt. Köstlich! So etwas hatte ich in der Tat noch nie gegessen.

Ich frage ihn nach dem Namen. „Trilece“, sagt er und schreibt es auf die Serviette. Das klingt aber Italienisch, sage ich. Nein, das sei Spanisch. Die Legende will, dass die sephardischen Juden, die im 15. Jahrhundert aus Spanien vertrieben wurden, in Bosnien landeten. Intelligente und kultivierte Leute, und die hätten dieses zauberhafte Gebäck mitgebracht – daher der Name: drei Mal Milch.

Während wir Kaffee, Kuchen und Aussicht genießen, hat am Nachbartisch eine muslimische Familie andere Probleme. Zwei Frauen sind bei 40 Grad komplett verhängt, und auch die vorpubertäre Tochter muss über ihrem Trainingsanzug schon den schwarzen Umhang tragen.

Mutter und vermutlich älteste Tochter teilen sich einen Teller. Jedes Mal, wenn sie einen Löffel zum Mund führen, müssen sie den Schleier für einen Moment lüften. Ängstlich schauen sie sich danach um, ob jemand geschaut hat. Die Lippen sind geschminkt, ein Pickel abgedeckt. Nachdem sie meinen Blick bemerken, tuscheln sie und werden vorsichtiger. Derweil greift ihr Mann oder Vater mit bloßen Händen das Essen und schiebt es mit überheblicher Geste in den Mund. Er sieht arabisch aus, trägt den langen Bart. Immer wieder wühlt er mit seinen Händen zwischen den Fleischstücken herum und sucht sich ein passendes Stück. Als sie schließlich gehen, sieht der Tisch verheerend aus und die Teller sind noch halbvoll. Die Familie wird dann von einem älteren Mann mit langem Bart mit einem Kleinbus abgeholt. Man hat den Eindruck, als würden sie abgeschirmt.

Selbst wenn man von den Frauen fast nichts sieht, fällt ihre kosmetische Pflege auf. Aus den Schlitzen schauen aufwendig geschminkte Augen mit zum Teil absurd verlängerten Wimpern. Die jungen Mädchen, die nur Kopftuch tragen, sind mitunter bis zur Maske überschminkt. Der Islam ist eine mysophobische Religion, von Reinheit und Sauberkeit besessen. Aber Kosmetik ist ein theologisches Schlachtfeld, denn sie kann schnell übertrieben werden und vom Wesentlichen ablenken. Hier scheint man die Frage eher großzügig auszulegen. Für den europäischen Geist ist das ein schwer zu lösendes Paradox: Warum Schönheit erzeugen, die man nicht sehen kann?

Die ganze Stadt ist eine Schönheit, die fremd, widersprüchlich und auch beängstigend wirkt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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