06. Mai 2020

Svenja Flaßpöhler im „Philosophie-Magazin“ über Vollverschleierung Physiognomik trifft Philosophie

Wie bekloppt sind wir eigentlich?

von Burkhard Voß

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Trifft im Westen auf Unverständnis: Verschleierung

„Grundbedingung für eine offene Gesellschaft ist, das Gesicht zu zeigen“ (Winfried Kretschmann).

Wer die Vollverschleierung ablehnt, ist, wie der grüne Politiker Winfried Kretschmann, ein Anhänger der Physiognomik, meint also, das innere Wesen an seinem Äußeren zu erkennen. So die steile These von Svenja Flaßpöhler im aktuellen „Philosophie-Magazin“ 03/2020 (April/Mai). Flaßpöhler: „Nach dieser antiken, bis in die Moderne überlieferten Lehre lässt sich durch das Äußere auf das Innere eines Menschen – sein Wesen, seine Intentionen – schließen.“ Die Physiognomik des 19. Jahrhunderts endete im 20. Jahrhundert in der Rassenideologie. Mit anderen Worten: Wer Vollverschleierung ablehnt, ist Rassist.

Von den höheren Hirnregionen losgelöst handelt es sich hier um den bekannten und ziemlich langweiligen linksideologischen Reflex des Rassismusvorwurfs angesichts konservativer Grundhaltungen. Hier Physiognomik zu vermuten, ist reine Spekulation. Hat der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann, der ja ein Anhänger der Physiognomik sein soll, darüber etwas publiziert oder gesagt? Mitnichten. Auch (oder gerade?) als Philosophin kann man schon mal den Überblick verlieren. Und plötzlich erkennen die Philosophin und ihre linksideologisch verzauberten Reiterinnen und Reiter: Die Vollverschleierung gehört zum Westen wie ein Bild von Alice Schwarzer auf den Grabstein von Ajatollah Khomeini.

Die Linke des Westens hat es nicht verstanden und will es auch nicht verstehen, zu sehr hat sie sich in ihren Toleranzfetischismus verliebt und jegliche Selbstkritik verloren. Nicht nur, dass der Westen sich des nicht zivilisierbaren Anteils der muslimischen Bevölkerung nicht mehr problemlos entledigen kann (das weiß die Politik sehr gut!), sondern er knickt auch am laufenden Band ein und schlüpft lieber selbst in die Burka, als deren Protagonisten die Leviten zu lesen. Selbst angesichts der Corona-Krise ist außer Schockstarre und Sprachlosigkeit nichts wahrzunehmen. Demonstranten in Hamburg wurden am 9. April 2020 wegen Missachtung der Abstandsregel zu hohen Geldstrafen verurteilt, circa 300 muslimische Gläubige vor einer Moschee am 4. April 2020 mit 0,0 Zentimetern Abstand haben keinerlei juristische Konsequenzen zu fürchten. Ihre folkloristische Gesichtsverhüllung wird von einem geisteswissenschaftlichen Magazin nicht nur relativiert, sondern ihre Gegner auch noch rassenideologisch ausgeschlossen. So viel Masochismus erlebt man selbst in einer psychiatrischen Praxis nicht. Auch Proleten haben schon mal recht, und sagen wir es mal ganz proletenhaft: Wie bekloppt sind wir eigentlich?

Wenn die überwiegende Mehrzahl zumindest eine Irritation erlebt, wenn nicht ein komplettes Unverständnis gegenüber der Vollverschleierung hat, so liegt es doch wahrscheinlich daran, dass die westlichen Zivilgesellschaften seit Jahrtausenden in einem Dialog ihr Gegenüber nicht nur akustisch, sondern auch optisch sinnlich erfahren möchten. Wer hier über Physiognomik mit Hinwendung zur Rassenideologie räsoniert, sieht bei blonden Haaren automatisch Donald Trump, auch wenn das nur die Haare von Helene Fischer sind.

Wie lebhaft wird doch ein Gespräch durch die Mimik des anderen! Passen die Botschaften der Worte und des Gesichts zueinander? Wenn nicht, drängen sich Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Worte auf. Alltags‑, keine Küchenpsychologie. Hier sollte der Westen klar Stellung beziehen und sein Gesicht zeigen.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Islam

Mehr von Burkhard Voß

Autor

Burkhard Voß

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige