21. Juli 2019

Was Intellektuelle treibt Woher die Begeisterung für den Kollektivismus?

Sie wollen mitreden, auch ohne Sachverstand

von Winfried Knörzer

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Bildquelle: shutterstock Leistung nicht eines Kollektivs, sondern vieler Einzelner: Hausbau

Woher kommt auch bei Rechten diese Begeisterung für den Kollektivismus, obwohl doch die vielen sozialistischen „Experimente“ hinlänglich bewiesen haben, wie unsinnig dies ist? Warum soll etwas besser sein, wenn es von vielen gemacht wird, als wenn es ein Einzelner macht?

Man mag vielleicht als schlagendes Beispiel für die Vorzüge des Kollektivismus einen Hausbau anführen. In der Tat kann hier ein Einzelner beim besten Willen nicht das leisten, was ein Kollektiv von Fachleuten zuwege bringt: Der Elektriker zieht die Leitungen, der Zimmermann errichtet das Dach, und so weiter. Aber im Hinblick auf die jeweilige Einzelaufgabe, auf das jeweilige Sachgebiet handelt jeder Fachmann als Einzelner. Wenn der Elektriker dem Zimmermann dreinreden wollte, wie er die Balken anbringen soll, würde die allergrößte Verwirrung entstehen. Der Eindruck des Kollektiven beim Hausbau beruht also auf einer optischen Täuschung, in Wirklichkeit ist die scheinbar kollektive Tätigkeit nur die Summe der Aktivitäten Einzelner.

Nehmen wir als Gegenbeispiel vier Unternehmer, die alle ein ähnliches Produkt erfunden haben und dieses nun auf den Markt bringen. Was würde passieren, wenn sie sich zu einem kollektiven Vorgehen entschlössen? Sie müssten sich zunächst auf ein einziges gemeinsames Produkt einigen. Im besten Fall würden sie ein gemeinsames Produkt herausbringen, das tatsächlich die Vorzüge aller Ursprungsprodukte in sich vereint; im schlechtesten Fall aber würden sie sich nur auf ein Produkt einigen können, das den kleinsten gemeinsamen Nenner aller vier Ursprungsprodukte bildet und das deshalb nicht mehr die Besonderheiten der Ursprungsprodukte enthält. Aber selbst der Verweis auf den Optimalfall ist kein wirkliches Argument, da es auch ohne kollektivistische Abstimmung jedem Unternehmer freigestellt ist, die Vorzüge des Konkurrenzprodukts nachzuahmen und in sein Produkt einzubauen. Auf jeden Fall verzögert der Einigungsprozess das Verfahren und führt zu Streit, weil alle vier gezwungen werden, Abstriche an ihrer Idee vorzunehmen, und jeder eifersüchtig darauf bedacht sein wird, nicht derjenige zu sein, der die meisten Kompromisse eingehen muss. Zu schlechter Letzt kann auch nicht garantiert werden, dass das schließlich entstandene Endprodukt wirklich das beste ist.

Wie sieht es demgegenüber aus, wenn alle vier Unternehmer ihr eigenes Produkt auf dem Markt anbieten? Da sich der Einigungsschritt erübrigt, kommen alle vier Produkte schneller auf den Markt. Vor allem aber können die Kunden, für die das Produkt ja schließlich gemacht wird, selber entscheiden, was sie brauchen. Vielleicht wollen die Kunden gar nicht das technisch faszinierendste Produkt, wie der eine Unternehmer gedacht hat, oder nicht das ökonomisch billigste, wie es der andere Unternehmer erwartet hatte. Der Markt entscheidet, und er kann dies nur, wenn es eine Auswahl an vier ähnlichen, aber sich doch voneinander unterscheidenden Produkten gibt. Im schlechtesten Fall wird nur ein Unternehmer und ein Produkt übrigbleiben, aber das ist dann dasjenige, was die meisten Kunden wollen. Im besten Fall finden alle vier Produkte ihre Abnehmer, da die Technikfreaks das technisch avancierteste kaufen, die Sparsamen das billigste und die Normaluser dasjenige, das sich am einfachsten bedienen lässt.

Nach dieser Überlegung können wir uns wieder der Eingangsfrage zuwenden. Ich meine, das Faible für den Kollektivismus beruht, wie so häufig, auf einem Denkfehler, der sich auf fatale Weise mit falschen Moralvorstellungen verschwistert. Die Kollektivisten nehmen an, dass individuelle Handlungen von egoistischen Motiven angetrieben werden. Da Egoismus schlecht ist, gilt auch individuelles Handeln als schlecht. Wenn dagegen nicht individuell, sondern kollektiv gehandelt wird, muss dieses Handeln zwangsläufig gut sein. Das aber ist ein logischer Fehlschluss. Aus der Negation folgt nichts definiert Positives. Die kollektivistische Logik bedient sich eines falschen Syllogismus: Erste Prämisse: Sokrates ist sterblich, zweite Prämisse: Aristoteles ist nicht Sokrates, Schluss: Aristoteles ist unsterblich. Die Kollektivisten werden gegenüber diesem vielleicht etwas zu abstrakten Einwand darauf beharren, dass durch den Zwang zur kollektiven Einigung sich die Egoismen der Einzelnen gegenseitig aufheben und sich dadurch zuletzt ein von den individuellen Motiven gereinigtes gemeinsames Gutes ergibt. Dem lässt sich, wie bereits oben dargelegt, entgegnen, dass dieses gemeinsame Gute keineswegs das sachlich Beste sein muss. Darüber hinaus ist das egoistische Besser-Sein-Wollen nichts Schlechtes. Jede Sportveranstaltung lebt davon, dass jeder Sportler sein Bestes gibt, um am Ende der Beste zu sein. Wer möchte einem Wettkampf zuschauen, wenn die Läufer sich verabreden würden, gemeinsam die Ziellinie zu überschreiten? Nur durch Wettbewerb wird jeder herausgefordert, sein Bestes zu geben. Wenn jeder sein Bestes gibt, haben alle die Gewähr, dass sie auch immer das Beste (den spannendsten Sport, das tauglichste Produkt, die klügsten Theorien) bekommen.

Meine Entlarvung der dürftigen Scheinlogik der Kollektivisten will nur zeigen, auf welch schwachen geistigen Grundlagen ihre Argumentation beruht, aber nicht behaupten, diese seien durch ihren Fehlschluss auf die Idee des Kollektivismus gekommen. Der Kollektivismus ist ein Glaube, der sich wie jeder Glaube der Logik nur bedient, um im Zeitalter der Vernunft einen guten Eindruck zu machen, auf Logik wird aber bereitwillig verzichtet, wenn diese dem Glauben widerspricht. Das Streben nach Kollektivierung ist der Wille zur Macht von Leuten, die von einem Sachgebiet nichts verstehen und daher zu Recht von diesem ausgeschlossen sind, dort aber gerne mitmischen und mitbestimmen wollen. Da gibt es Leute, die die staatliche Kontrolle der Wirtschaft wollen, sich aber davor drücken, als Kassenwart ihres Ortsvereins zu fungieren, weil das zu kompliziert und langweilig ist. Ein Sachgebiet zu kollektivieren, bedeutet vor allem, die Verfügungsgewalt darüber den Fachleuten zu entziehen und sich selbst zu übertragen. Man versteht zwar nichts von der Sache selbst, aber man versteht sehr viel davon, andere ins Unrecht zu setzen, auszubooten, zu überreden und schöne Pläne zu entwerfen. Hat man den Kollektivismus als anzustrebendes Ziel durchgesetzt und die Herrschaft des Sachverstands gebrochen, dann ist der Freiraum für die Schwätzer und Intriganten geschaffen, um ihre manipulativen Künste zur Geltung zu bringen.

Intellektuelle fühlen sich aufgrund ihrer Intellektualität zum Führertum berufen. Darum sind sie auch keine Freunde der Demokratie. Sie sind nur so lange Demokraten, wie es eine traditionell legitimierte, von alters her bestehende herrschende Klasse gibt (Aristokratie), zu der sie nicht selbst gehören. Demokratie ist für sie vor allem das Mittel, um diese herrschende Klasse zu stürzen und sich selbst an ihre Stelle zu setzen. Wenn das nicht so klappt wie erwartet und irgendwelche anderen sich an den Schalthebeln der Macht breitmachen, sind sie vergrätzt und beginnen, den Wert der Demokratie anzuzweifeln und den Begriff der Demokratie in einem für sie vorteilhaften Sinn umzudeuten. Nichts ist für sie deprimierender, als sich eingestehen zu müssen, dass sie legitimerweise nicht mehr Anspruch auf Machtteilhabe besitzen als alle anderen, die doch so viel weniger geistreich und gebildet sind als sie selber. Um sich aber durch wirkliche Leistung und echtes Können in der Politik oder in sonst einem Sachgebiet, das sie für wichtig halten, durchzusetzen, fehlt ihnen das Interesse und der Durchhaltewille. Kollektivismus ist dann das Ticket, um sich doch noch in diese Bereiche einschmuggeln zu können

„Normale“ Wissenschaftler und Künstler begnügen sich damit, in ihrer Wissenschaft beziehungsweise ihrer Kunst Großes zu leisten. Intellektuellen genügt das nicht, sie wollen auch der Wirklichkeit den Stempel ihrer Grandiosität aufdrücken. Dazu soll ihnen der Kollektivismus verhelfen. Im Gefolge der Kollektivierung in die Verantwortung für bestimmte Gebiete hineingeschwemmt, stehen sie zwar nicht an der Spitze, sondern müssen sich die Verantwortung mit anderen teilen. Aber das ist im Grunde kein Nachteil, vielmehr sogar erwünscht, weil sie wirkliche Verantwortung, die auch mit ganz konkreten Konsequenzen für sie selber einhergeht, gar nicht anstreben. Alles, was sie wollen, ist, gehört zu werden, Applaus einzuheimsen und sich einbilden zu können, dass sie mitgestaltet haben. Kein Intellektueller käme auf die Idee, eine Kfz-Werkstatt oder eine Augenarztpraxis kollektivieren zu wollen. Das wäre nicht nur viel zu banal, sondern würde auch Sachverstand voraussetzen, den sie nicht haben. Wohl aber wollen sie die Wirtschaft und das Gesundheitswesen kollektivieren, weil sie auf dieser hochabstrakten Ebene, wo es nicht um konkrete Einzeldinge geht, ihre aufs große Ganze abzielenden, allgemeinen Ideen einbringen können. Weil der Kollektivismus die Möglichkeit bietet, durch pure Gedankenkraft und bloßes Reden mitherrschen zu können, ohne Verantwortung übernehmen und Sachverstand besitzen zu müssen, ist er der Traum so vieler Intellektueller. Weil Rechtsintellektuelle eben auch Intellektuelle sind, sind auch sie nicht davor gefeit, sich derartigen Phantasien hinzugeben.


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