14. Juli 2019

Die AfD rückt laut Medien immer weiter nach rechts Land ohne Wand

Der Fluch des Alarmismus

von Holger Finn

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Immer weiter nach rechts: Wo ist die Wand?

Nur noch die ganz Alten im Lande erinnern sich, wie Bernd Lucke damals eine rechtsextreme Partei namens AfD gründete, die ihm dann von Frauke Petry weggenommen wurde, um sie noch weiter nach rechts zu rücken. Ehe die Meuthens und Gaulands kamen, um sie Petry mit derselben Absicht zu entwinden: Immer nur noch rechter, rechtsradikaler, rechtsextremer und rechtsextremistischer wurde die Neugründung, vier, fünf Jahre lang rückte die AfD allen Medienberichten zufolge beständig weiter nach rechts außen. Bei so viel Weg, wie sie seitdem zurückgelegt hat, ohne vorwärtszukommen, müsste sie damals, unter Lucke, eigentlich eine leicht linksradikale Partei gewesen sein.

Es ist der Fluch des Alarmismus, dem diese geographische Unmöglichkeit zu verdanken ist. Ein Fußballspieler, der eine Begegnung als Rechtsaußen beginnt, kann schon aus offensichtlichen Gründen der Seitenauslinie nicht immer weiter nach rechts außen ziehen. Eine Partei aber kann das. Sie kann sogar komplett rechtsextremistisch sein und dennoch gemäßigte Mitglieder haben, die sich von anderen Teilen, die extremistisch sind und immer extremistischer werden, deutlich unterscheiden. Gute Extremisten und schlechte, extremistische Extremisten und weniger Extremistische, vielleicht nur extrem, vielleicht gar nicht.

Rechts jedenfalls, das hat die „FAZ“ jetzt herausgearbeitet, gibt es keine Wand, sprich Seitenlinie. Selbst die radikalisiertesten Extremisten vermögen offenbar das Wunder an sich selbst zu vollbringen, dass sie immer weiter nach rechts levitieren können, ohne freilich jemals ganz rechts anzukommen. Denn wären sie erst dort, müsste ein Zieleinlauf und nicht eine weitere Rechtsdrift beklagt und angeprangert werden.

Gerade die Bewegung ist es aber, aus der der Alarmismus des „Immer-schlimmer“-Journalismus seine Lebenskräfte saugt. Nicht der Zustand, sondern dessen Veränderung zählt, nicht die tatsächliche Bewegungsrichtung ist dabei wichtig, sondern eine gefühlte Tendenz, die hauptsächlich bestimmt wird von der allgemeinen Wahrnehmung dessen, was alle anderen auch schreiben.

Kaum noch überraschend, dass die rechtsextremen Identitären nun auch offiziell rechtsextrem oder gar rechtsextremistisch sind. Sechs Jahre hat der Verfassungsschutz seit dem ersten „Spiegel“-Urteil zum rechtsextremen Charakter der Bewegung mit rund 600 Mitgliedern geprüft und beraten, ehe es amtlich war: 2013 waren die „Identitären eindeutig rassistisch, islamfeindlich und völkisch eingestellt“. Nun folgte die offizielle „Einstufung“ als rechtsextremistische Vereinigung.

Gehen der Rechtsrutsch und der Kampf gegen rechts im selben Tempo weiter, bleibt noch viel Zeit für aufrüttelnde Berichte, erschreckende Reportagen, kindgerechtes Aufrütteln und wissenschaftliche Erkenntnisse über die erschütternden Einzelheiten der Bedrohung, die seit drei Jahren wächst und wächst und wächst. Und doch die gesamte Zeit über und den ganzen Warnungen zum Trotz – welch Wunder – „unterschätzt“ („Vorwärts“ 2016, Friedrich-Ebert-Stiftung 2019) geblieben ist.

„Frankfurter Allgemeine“: „Keine Wand am rechten Rand“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

Anzeige