17. September 2020

Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie Der lange Traum vom Öko-Sprit

Merkel begeistert sich für „neue“ Wasserstoffstrategie – dabei gibt es schon seit 15 Jahren die Nationale Wasserstoffinitiative

von Holger Finn

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Bildquelle: Elnur / Shutterstock.com Merkels Ankündigung: Weitere Milliarden für Wasserstofftechnologie

Es war im Jahre 2006 und Angela Merkel war noch kein Jahr im Amt, als die Bundesregierung Pflöcke einschlug, dass die Erde bebte. Mit der „NOW GmbH Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie“ gründete die Bundesregierung eine bundeseigene Gesellschaft, die den erst Jahre später verkündeten Energieausstieg vorbereiten sollte. Der Bund machte darum nicht viel Tamtam, kleine Firmengründung, bisschen Stammkapital, ein Firmensitz in der feinen Berliner Fasanenstraße. Fertig. Zwei Geschäftsführer wurden eingestellt, gute Leute, die gut bezahlt werden müssen. Seitdem läuft das Geschäft wie am Schnürchen.

300.000 Euro Gehalt

Jahr für Jahr kassieren die beiden Firmenchefs zusammen um die 300.000 Euro Gehalt, aber dafür leisten sie auch einiges. Bis heute konnte die NOW GmbH Millionen und Abermillionen „echte Zuschüsse bzw. Einnahmen aus Zuwendungen sowie Mittelzuweisungen“ für „Ziele im Bereich Mobilitäts- und Kraftstoffstrategie“ ausgeben, wie es im Bundesbeteiligungsbericht heißt.

Die Öffentlichkeit nahm davon nie Kenntnis, denn NOW arbeitete über Jahre weitgehend im Verborgenen. Gerade mal, als einer der beiden erfolgreichen Geschäftsführer aus seinem halben in ein volles Staatsamt aufrückte, machte das Schlagzeilen in der Fachpresse.

Fast 15 Jahre lang feilte und schliff die Nationale Wasserstoffinitiative so am Treibstoff der Zukunft. Jahre, in denen Elon Musk Tesla gründete, Jahre, in denen die deutsche Automobilindustrie ihre Rolle als Technologievorreiter verlor. Der Erfolg war so groß, dass sich NOW zuletzt fast vollständig darauf konzentrierte, statt der Wasserstofftechnologie Elektrotankstellen zu fördern und die Anschaffung von Elektroautos zu finanzieren. Wasserstoff? Die Idee von Brennstoffzellen-Hausheizungen oder einer bundesweiten Infrastruktur zum Wasserstofftanken war irgendwo unterwegs verloren gegangen. Die Schweden betrieben das. Aber wir doch nicht. Der ursprüngliche Geschäftszweck „Wirtschaftsforderung m Rahmen der Koordination und Umsetzung des ‚Nationalen Innovationsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie“ der Bundesregierung, kurz NIP“ wandelte sich auch offiziell. Zum Schwerpunkt wurde nun die „Gestaltung, Koordination und Umsetzung nationaler Strategien und öffentlich-privater Programme im Technologiefeld nachhaltige Antriebe“.

Aber Hauptsache, NOW lebt weiter, auch wenn das jetzt eher Prozesscharakter angenommen hat. Mehr als fünf Millionen Euro hat die Bundesregierung bis heute allein an Vorstandsgehältern für die beiden Firmenchefs gezahlt, die Zahl der Mitarbeiter ist auf 30 gewachsen, die Personalkosten stiegen dadurch allein im letzten Jahr um 35 Prozent. Der gute Zweck heiligt die Mittel, wenn er auch nicht mehr der ursprünglich anvisierte ist. Alles kann und alles wird sich wieder ändern, das ist sicher.

Und wie. Mitten in Corona und im EU-Energieausstieg verkündete Angela Merkel, bis zum Jahresende eine „Wasserstoff-Strategie“ (Merkel) vorlegen zu wollen. Denn Wasserstoff sei, so die Kanzlerin, der „vielleicht interessanteste Energieträger“. Das vor 15 Jahren geborene „Nationale Innovationsprogramms Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie“, kurz NIP, scheint Angela Merkel ebenso gründlich vergessen zu haben wie die Existenz der seinerzeit eigens dafür gegründeten NOW GmbH Nationale Organisation Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie. Die Bundesregierung wird nun ein neues NOW gründen für eine neue NIP.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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