12. Juni 2019

Ein Märchen Der bewegte Himmel

Der Untergang des Baumvolks

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Der Untergang: Rasende Sterne

Ein jedes Volk hat seine Geschichten und Legenden, und manchmal kennt man nur diese noch.

Dort, wo der Wald am dichtesten war und undurchdringlich für Leute und Fremde, lebte das Baumvolk, ein Grüppchen kleinwüchsiger Menschen, die behände wie die Katzen und geschmeidig wie die Schlangen die höchsten Wipfel der Urwaldriesen erklommen. Da oben lebten sie, ja sie bauten sogar ihre Häuser im höchsten Geäst. Den Boden betraten sie nur zur Jagd, so besorgt und bescheiden waren sie, und um Feuerholz zu sammeln, denn selbst ihr Feuer entzündeten sie auf dem Dach der Welt. So nämlich nannten sie ihre Heimat: Dach der Welt. Darüber gab es nur noch den ewigen Himmel, die Sonne, den Mond und die Sterne. Unten wucherte das Leben, es wuchs und huschte und flatterte, lebte und starb, und aus dem Gewesenen wurde bald Werdendes, denn wo im Urwald gestorben wird, dort räkelt sich am nächsten Tage schon neues pralles Leben. Alles schien in Bewegung, nichts war wie am Tage zuvor. Die Baummenschen lebten in einem großen Fluss.

Nur die Sterne gaben ihnen Gewissheit, denn die Sterne, die kamen Nacht für Nacht und blieben immer am selben Fleck, und wenn sie sich im Jahreslauf auch mühsam drehten, so taten sie es doch so wohltuend langsam, dass man ihnen getrost alle Last und alle Hoffnung anvertrauen konnte. Wenn die abendliche Stille den dichten Wald zu ihren Füßen umschloss, wenn unten im Dickicht der mächtige Löwe brüllte, die giftige Viper zischelte und der gefährliche Skorpion auf Beute lauerte, wenn man das Schreien, Stöhnen und Ächzen der verendenden Kreatur hörte und einem die Schauer der Angst kalt über den Körper liefen, dann legten sich die Menschen des Baumvolks auf den Rücken, dann kauten sie ein paar würzige Kräuter, dann schauten sie versonnen in den klaren Sternenhimmel und dachten aus sicherer Höhe an das Leid, das Leben und den Tod da unten oder erzählten sich leise, ganz leise, die alten Legenden der Ahnen.

So taten sie es über viele Tausend Jahre lang. Die Sterne aber, die unbeweglichen Sterne, waren ihnen heilig. Solange die – jahraus, jahrein – auf ihrer gewohnten Bahn zogen, die Himmelslichter, ging die Welt ihren Gang; also erzählte es der Großvater seinem Enkel, und der würde es seinen Kindeskindern erzählen, und so sang die Mutter zum Kinde an ihrer Brust, und auch dieses würde einst dieselben Lieder singen…

Von dem geheimnisumwitterten Baumvolk aber ging die Sage durch das ganze Land. Und eines schönen Tages, vor gar nicht allzu langer Zeit, machte sich einer auf den Weg, es zu suchen. Er war ein Forscher. Mit eisernem Willen schlug er sich eine Bahn durch den Wald, entdeckte viele unbekannte Völker, Tiere und Pflanzen. Wo der Wald aber am dichtesten war und undurchdringlich für Leute und Fremde, dort fand er nichts. Nur die letzten Spuren eines verzehrenden Feuers und allerart Verwüstung.

Nachts schaute nun er in den Himmel. Und plötzlich begriff er: Diese Welt war zugrunde gegangen, als die ersten Sterne zu rasen begannen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Kulturelles

Mehr von Jörg Seidel

Über Jörg Seidel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige