21. April 2019

Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris Symbol oder Gotteshaus?

Lassen wir uns wecken?

von Felix Honekamp

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Bildquelle: shutterstock Mehr als ein Wahrzeichen: Kathedrale Notre-Dame in Paris

Zwei Geständnisse muss ich machen: Erstens, dass ich am Montagabend mit einer fiebrigen Erkältung in einem Hotelzimmer lag und schon gegen 19 Uhr das Licht ausgemacht habe. Vor dem Hintergrund habe ich in der Nacht irgendwann aufs Handy geschaut und die Breaking News gesehen, dass die Pariser Kathedrale Notre-Dame brennt. Im Halbschlaf habe ich noch gedacht: „Wird schon nicht so schlimm sein“, und habe mich wieder umgedreht. Was für ein Trugschluss.

Christliche und historische Bedeutung

Zweitens war ich noch nie in Paris, habe also Notre-Dame noch nie gesehen und kann daher auch nicht behaupten, dass ich, bei aller christlichen und auch historischen Bedeutung des Gebäudes, eine besondere Beziehung dazu hätte. Natürlich: Eine Kathedrale ist nie nur ein Gebäude, aber ab und zu fehlt einem einfach der persönliche Bezug, um einen direkt betroffen zu machen, wenn man von einer solchen Brandkatastrophe erfährt.

Positive Nachrichten

Am nächsten Morgen gehen die Schreckensbilder aus Paris um die Welt. Es gehen auch positive Nachrichten um die Welt, dass nur wenige Menschen leicht verletzt worden sind und dass trotz immenser Schäden die Gebäudestruktur offenbar erhalten ist und man Notre-Dame wieder aufbauen kann. Es geht auch die positive Nachricht um die Welt, dass eine Großzahl der unersetzbaren Kunstwerke und Reliquien gerettet werden konnte, die einen wunderbaren Glaubensschatz der Kirche darstellen.

Und es gehen positive Nachrichten um die Welt, dass weltweit Mitgefühl gezeigt wird: Die Welt trauert. Ja, Notre-Dame ist „nur“ ein Gebäude, aber es ist eben doch etwas anderes, ob ein normales Haus abbrennt, selbst wenn es von historischer Bedeutung gewesen sein mag, oder eine Kathedrale – noch dazu, wenn sie von historischer Bedeutung ist. Dieser Unterschied scheint den meisten – abgesehen von ein paar Hardcoreatheisten und Islamisten, die ihre Freude über den Brand eines Gotteshauses nicht verhehlen konnten – durchaus bewusst zu sein.

Gesellschaft ohne Kirchen

Wenn einer Gesellschaft die Kirche abhandenkommt, beten die Menschen früher oder später Tiere an; das hat in anderen Worten schon der heilige Pfarrer von Ars gewusst und seine Kirche darum, besonders für die Beichte, beinahe Tag und Nacht offen gehalten. Nun ist es nicht so, als ob mit Notre-Dame ganz Paris alle Kirchen abhandengekommen wären, aber das Bildhafte dieser Katastrophe ist zu augenscheinlich, als dass man einfach daran vorbeigehen könnte. Denn die meisten Kirchen in unseren Städten sind zwar vorhanden, aber schlecht besucht, oft schlecht gepflegt, teilweise aufgegeben… und nur noch als Teil der Stadtsilhouette oder Skyline als Besonderheit erkennbar.

Bezeichnenderweise wird in den Berichten über Notre-Dame eben im Wesentlichen über ein Wahrzeichen von Paris oder ein Pariser Symbol gesprochen. Das ist auch richtig, es hat aber auch eine besondere Bedeutung, wenn wesentliche Wahrzeichen europäischer Geschichte und Länder eben Kirchengebäude sind: die Sagrada Família in Barcelona, die Basilius-Kathedrale in Moskau, die Vitus-Kathedrale in Prag oder auch der Kölner Dom (ich bin sicher, ich werde hier auf die Schnelle gleich wesentliche Kirchen vergessen haben, das möge man meinem mangelnden Verständnis anlasten, nicht den Gotteshäusern).

Historische und geistliche Wurzeln

Das heißt umgekehrt nichts anderes, als dass wir letztlich unsere Wurzeln vernachlässigen, wenn wir unsere Kirchen vernachlässigen. Und das heißt insbesondere, dass wir unsere geistlichen Wurzeln vernachlässigen, wenn der Wert von Kirchen nur noch an ihrer historischen oder architektonischen Bedeutung gemessen wird. Gerade in Frankreich nimmt nach Medienberichten die Schändung von Kirchen massiv zu – ist dabei eine dieser mehr oder weniger unbekannten Kirchen weniger wichtig als Notre-Dame? Historisch vermutlich schon, geistlich nicht.

Der Brand der Kathedrale von Notre-Dame ist ein Weckruf! In der säkularen Welt wird er verhallen, wenn in Kürze Diskussionen aufbrechen werden, ob die Millionen, die man in den Wiederaufbau investieren möchte, nicht besser in Bildung, Gesundheitswesen, Entwicklungshilfe oder sonst was investiert wären. Solche Einwände machen aber nur deutlich, wie ausgedörrt das Wurzelwerk des Glaubens in Europa eigentlich ist – und wir gläubige Menschen müssen darauf eine Antwort haben. Damit wird der Umgang mit Notre-Dame auch zu einem Symbol für den Umgang des Westens mit seinen Wurzeln, historischen, aber vor allem geistlichen Wurzeln, werden.

Lassen wir uns wecken?

Im Moment freue ich mich zaghaft, dass der Brand in Paris nicht noch schlimmer ausgegangen ist, ich danke und bete für alle Beteiligten, die dazu beigetragen haben. Und doch sorgt mich, dass wir vielleicht erneut keinen adäquaten Umgang mit unseren Wurzeln finden werden. Denn jede mangels Zahl an Gläubigen geschlossene Kirche ist eine größere Katastrophe – geistlich und zugleich symbolhaft gesehen ist darum der generelle Umgang mit den Kirchen in Europa an Bedeutung kaum zu unterschätzen. Lassen wir uns von Notre-Dame und den Glocken, die europa- und weltweit für diese Kathedrale geläutet werden, wecken?

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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