15. März 2019

RezensionJohn Lawrence Hill: Nach dem Naturrecht

Wie die klassische Weltsicht unsere modernen moralischen und politischen Werte fördert

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Es dauert etwas, bis man sich eingelesen hat und versteht, was den Autor umtreibt: Sind unsere Handlungen vorherbestimmt oder entspringen sie unseren individuellen selbstbestimmten Entscheidungen? Das Thema erinnert an den Film „Minority Report“, allerdings auf einer sehr hohen philosophischen Ebene. Das Buch bietet diesbezüglich eine umfassende Reise durch die Geschichte der Philosophie von den Vorsokratikern bis zu zeitgenössischen Denkern, die leider nicht namentlich erwähnt werden. Die Diskussion dreht sich um Materialismus gegen Dualismus, Gut oder Böse, Naturrecht gegen positives Recht, Freiheit und Verantwortung und die heute vier anerkannten Ansätze für das Problem des freien Willens: metaphysischer Libertarismus, harter Determinismus, weicher Determinismus und Indeterminismus. Auch das Verhältnis zu einer etwaigen künstlichen Intelligenz wird besprochen. Für den Deterministen ist der freie Wille eine Illusion. Bei der Vermessung des Gehirns könne man die neuralen Prozesse, also die physischen Zustände des Gehirns bestimmen. Der Autor bestreitet aber, dass dabei auch Gefühle, Gedanken und Glaube gemessen werden können. Genau diese Gehirnleistungen sind es aber, die menschliches Verhalten antreiben. Kompliziert ist auch die Beziehung zwischen Verantwortung und Strafe. Hill kritisiert das heutige Verständnis der Bestrafung, das nicht auf die Unrechtmäßigkeit der Handlung abstellt, sondern auf die soziale Zweckmäßigkeit. Und insbesondere für die Begründung einer Moral bleibt daher die Frage, worauf sich diese gründet. Ist Mord falsch, weil er verboten ist, oder ist er verboten, weil er falsch ist? Für den Autor ist unbestreitbar, dass jeder Mensch immer eine Wahl hat. Aber es muss etwas geben, das außerhalb des individuellen Willens liegt. Nach John Locke „gibt es ein Gesetz der Natur, das jeden verpflichtet. Dieses Gesetz der Natur ist nichts anderes als das moralische Gesetz Gottes.“ Als Agnostiker konnte ich ab hier dem Autor nicht mehr folgen.


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Ronald K. Haffner

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