27. Februar 2019

Davide Cantoni im „Zeit“-Interview über die Kontinuität zwischen NSDAP- und AfD-Wahlergebnissen Faschismus angeboren

Nazi als ostdeutscher Gendefekt

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Angeboren: Faschismus

Es ist wissenschaftlich, es ist rein biologisch, und es definiert den Ostdeutschen, dieses rätselhafte Wesen aus brutaler Gewalttätigkeit, bornierter Arroganz und störrischer Unbildung, erstmals als Opfer einer Blutlinie, für die er selbst kaum etwas kann: Der Historiker Davide Cantoni hat Wahlergebnisse in 11.000 Gemeinden untersucht und herausgefunden, dass die Vorliebe für die Wahl extrem rechter Parteien offenbar auf einen Gendefekt zurückzuführen ist, der sich der derzeit lebenden Generation von radikalen Wählern menschen- und fremdenfeindlicher Parteien nicht direkt zurechnen lässt.

In der „Zeit“ beschreibt Cantoni eine Kontinuität der Grausamkeit, die überall dort, wo einst die NSDAP erfolgreich war, an deren Stelle die AfD sieht. Der Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, früher Hauptstadt der Bewegung, längst aber tiefgreifend durchdemokratisiert, hat mit seinen Tests der politischen Traditionen in Familien belegen können, dass „Kinder politisch ähnlich ticken, wenn ihre Eltern rechtes Denken pflegen“.

Angeborener Faschismus

Faschismus kann angeboren werden. Durch weitgehenden Luftabschluss, wie er in der Sächsischen Schweiz, den endlosen Weiten Mecklenburgs oder in den menschenleeren Brachlandschaften Sachsen-Anhalts gegeben ist, würden extremistische Traditionen weitergegeben wie beschädigte Gene bei Verwandtenehen. „Wenn sich Menschen in einer Community bewegen, in der sie relativ wenig Kontakt zu anderen Leuten, anderen Denkweisen, anderen Lebensstilen haben“, so Cantoni, entstehe eine solche faschistische „Kontinuität in der politischen Denkweise“ häufiger und stärker, begünstigt durch die Lage in kleineren Ortschaften bevorzugt im ländlichen Raum, nicht in großen Städten.

Es ist wie in der Epigenetik – die Weitergabe politischer Einstellungen zwischen den Generationen und sogar über den engen Kreis einer Kernfamilie hinaus geschieht nach den Vorgaben aller meiotisch und mitotisch vererbbaren chemischen Veränderungen des Genoms, die durch Umwelteinflüsse wie die Parteimitgliedschaft des Vaters, Talkshow-Vorlieben der Mutter oder frühkindliche Prägungen infolge der Konfrontation mit rechtslastigen Lehrern ohne Veränderung der kodierenden DNS-Sequenz ausgelöst werden.

Naziblut tut selten gut

Wie der Vater so denkt prinzipiell auch der Sohn, selbst bei unveränderter Genom-Sequenz; so ergaben Untersuchungen der frühembryonalen Entwicklung, dass Eltern, die Altnazis sind, häufig Kinder aufziehen, die dann eher selten zu Achtundsechzigern wurden, vor allem in Ostdeutschland. Typischer ist es, so Cantoni, dass Eltern und Kinder ähnliche Einstellungen haben: Wo Vater die NSDAP wählte, entscheiden sich Tochter und Sohn direkt im Anschluss an die Befruchtung der Eizelle und die Zellteilung bis ins Acht-Zell-Stadium, dass sie der AfD ihre Stimme geben.

Politische Einstellungen, die Menschen schon in den 30er Jahren hatten, sagt Cantoni, hätten sich so „bis heute erhalten“. Anhand von Statistiken über die Wahlergebnisse der NSDAP damals und die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl auf der Ebene der rund 11.000 Gemeinden in Deutschland gelang es den Wissenschaftlern, eine starke Korrelation zwischen NSDAP und AfD nachzuweisen: Wo damals die eine Partei stark war, ist es heute die andere. Dabei profitiert die AfD offenbar gezielt vom NSDAP-Verbot durch den Alliierten Kontrollrat. Sonst, so steht aufgrund der verbackenen, verstockten Einstellung der Wähler zu vermuten, würde in den betroffenen Orten nach wie vor wie 1933 gewählt.

Kausale Korrelation der Kontinuität

Die Korrelation ist insofern kausal, als sich die historische Kontinuität im politischen Denken durch die Wirtschaftslage in den hauptbetroffenen ostdeutschen Regionen nicht erklären lässt, wie Cantoni erläutert. Deutschland sei in den vergangenen zehn Jahren das Land in Europa gewesen, in dem die Arbeitslosigkeit gesunken ist, in dem es immer noch eine starke Industrie gibt, die ostdeutschen Länder blühen, Angela Merkel gilt selbst oft als Ostdeutsche. „Die AfD ist dennoch immer stärker geworden“, sagt der Forscher, der deshalb an die Hypothese glaubt, „dass da eine kulturelle Tradition von rechtsgerichtetem, rechtspopulistischem Denken eine Rolle spielt“, die über eine böse Blutlinie von Generation zu Generation springt.

Verantwortlich dafür ist vermutlich die molekulare Organisation des Genoms, das über epigenetische Modifikationen verfügt, die wie ein hochkomplexer Regulationsmechanismus funktionieren, der sicherstellt, dass nicht alle Gene einer Zelle gleichzeitig gelesen werden können. Dadurch sind chemische Modifikationen der DNS und des Hassbotenstoffs Chromatin in der Lage, Expressionsmuster wie die Vorliebe für Faschismus und Menschenfeindlichkeit und eine Exposition für Reichstagsbrandgeruch mit großer Präzision weiterzugeben.

Während ehemals vom Nazi-Gen infizierte Landstriche in Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz über konsequente Quarantäne von den emsigen Landeszentralen für politische Bildung ausgemendelt werden konnten, macht Ostdeutschland Davide Cantoni immer noch große Sorgen. „Dort ist das Niveau des AfD-Ergebnisses überall mindestens zehn Prozentpunkte höher als in Westdeutschland“, beschreibt der Wissenschaftler das Ergebnis seiner aktuellen Gentests. Die Unterschiede, die diese zeigten, richteten sich „nach dem, wie dort in den 30er Jahren gewählt wurde“. Diese Orte seien also manifest eher ausländerfeindlich und eher fremdenfeindlich als Gemeinden, in denen Hitlers NSDAP nicht so stark gewählt wurde, so dass heute auch die AfD keine Chance habe.

„Zeit Online“: „‚Wo die NSDAP erfolgreich war, ist es heute die AfD‘“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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