22. Februar 2019

Sándor Márai Der Großmeister der Melancholie

Als alles in Schutt und Asche liegt, da geht allein der Bürger aufrecht und stolz

von Jörg Seidel

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Bildquelle: Wikimedia Commons Beschrieb das Ende der „alten Welt“: Sándor Márai (1900-1989)

Gestern vor 30 Jahren starb – von eigener Hand – der große ungarische und europäische Autor, der Großmeister der Melancholie, Sándor Márai im Alter von 88 Jahren. Neben seinen zahlreichen Romanen schuf er als einer der wenigen ein umfängliches Tagebuch von bleibendem künstlerischen und historischen Rang. Ihm verdanken viele Leser unvergessliche Stunden.

In letzter Zeit ertappe ich mich immer öfter – spät in der Dunkelheit, wenn die Welt schläft und nur die Marder sich weit nach Mitternacht mit aufgeregten Schreien durch die Gassen jagen –‍, wie ich beim zweiten Glas des rubinroten „Primitivo“, der die Zunge ein wenig pelzig macht, im gelben Lichtkegel der Leselampe gedankenverloren im gigantischen ungarisch-deutschen Großwörterbuch, dem „Magyar-Német Nagyszótár“, blättere – es gibt nichts Vergleichbares auf dem deutschen Markt – und mit selbstvergessenem Lächeln wundersame ungarische Wörter kaue und leise vor mich hin spreche, um ihr Geheimnis zu erlauschen. Wie jener Dichter Lázár, den Sándor Márai in seinen großartigen „Wandlungen einer Ehe“ unter vier Protagonisten zum heimlichen Dreh- und Angelpunkt erkoren hatte.

Das Buch beschreibt aus drei verschiedenen Perspektiven zwei gescheiterte Ehen eines Budapester Bürgers; die mit seiner ersten, ihm in Stand und Bildung, Bürgerlichkeit und Kultiviertheit ebenbürtigen Frau, von ihr selbst erzählt, dann auch jene mit der einstigen Haushaltshilfe, mit der er die Oberfläche seines Seins umsonst durchbrechen wollte, von ihm beschrieben, und schließlich die ernüchternde Reminiszenz der „anderen Frau“, die es von der transdanubischen Bauerntochter zur feinen Dame geschafft hatte oder doch zu haben schien.

Diese überaus lebenssatte und weise Erzählkaskade, gespickt mit geglückten Aphorismen und Bonmots, aber auch mit tiefen Einsichten in das Wesen von Mann und Frau und dem vergeblichen Versuch, diese in Übereinstimmung zu bringen, stellt freilich nur die Hülle dar, die den Verkaufserfolg zwar garantiert, denn sie befriedigt die Bedürfnisse der Gefühlsleser(innen), aber den geübten Leser nicht darüber hinwegtäuscht, dass Márai uns eine ganz andere Lehre erteilen, eine andere Geschichte erzählen will: den Untergang, das Ende!

Das Ende einer Welt. Das Ende der „alten Welt“, der „Welt von Gestern“, der bürgerlichen Welt, mehr noch, das Ende der letzten oder eigentlichen Kultur. Vierfach – auch hier regiert die Vier – geht diese Welt unter. Der einzige Sohn des Paares, der die Stammlinie hätte fortsetzen sollen, stirbt im Kindesalter. Der große Krieg bringt das mondäne Budapest zum Einsturz und setzt die niederen Affekte der Menschen frei. Schließlich erscheint „die neue Herrschaft“ auf der Bühne: das Proletariat – es übernimmt durch sanfte (die zweite Ehe) und rohe (die Revolution) Gewalt die Macht. Vor allem aber scheut Márai nicht davor zurück, das innere Absterben zu beschreiben, die Dekadenz, die seelenlose Sucht nach Vollständigkeit, das leere Ritual. Dabei ist das, was diese Klasse sich zu bewahren aufgetragen hatte, durch und durch bewahrenswert: Bildung, wirkliche Vielsprachigkeit, Höflichkeit, Stil, Manieren, „die schönen Bräuche, die Lebensformen“, die Heimat – die Kultur.

Alle vier Protagonisten kommen zu dem Schluss: „Das Ganze hat keinen Zweck, hat keinen Sinn.“ Noch weiter: „Es hat keinen Sinn, die Systeme zu verändern, solange die Menschen gleich bleiben.“ Und doch gewinnt es, das Alte und Beständige, die Klasse. Als alles in Schutt und Asche liegt, da geht allein der Bürger aufrecht und stolz. Alles hat er verloren, aber seine Haltung nicht. Und auch der Dichter Lázár, der das Schreiben längst als Obszönität empfindet und aufgegeben hat, der prophezeit: „Es kommt eine Welt, in der alle verdächtig sein werden, die schön sind. Und alle, die begabt sind. Und alle, die Charakter haben. Schönheit wird eine Beleidigung sein. Begabung eine Provokation. Charakter ein Attentat“, selbst der kann erhobenen Hauptes abtreten, denn er hat sich eine andere Heimstatt bewahrt: „Er glaubte nur noch an die ungarische Sprache, seine Heimat.“ – „Er lief im Zimmer auf und ab und rief Wörter. Zum Beispiel: ‚Kard‘ (Schwert) – ausgerechnet ‚Kard‘, das sich so klassisch auf ‚Kart‘ (Arm) reimt –‍, oder ‚Gyöngy‘ (Perle), ‚Hattyú‘ (Schwan), ‚Zsurló. Borbolya‘ (Schachtelhalm. Berberitze).“

Ich nehme mein „Szótár“ und schlage nach und versinke in die Wunder der ungarischen Sprache, denn „ló“ ist das Pferd… Ich gieße mein Glas voll und weiß: Es ist nicht zu halten…

„Und da begriff ich, dass das, was ich sah, ein Sterben war. Dieser Mensch hatte sein Leben darauf gesetzt, dass in der Welt die Intelligenz herrschte. Und dann musste er feststellen, dass die Intelligenz machtlos ist.“ Da erlöst nur der „Primitivo“. Und die Wörter.

Es geht letztlich nur noch darum, in der Lage zu sein – wie Lázár und wie später Márai selbst –‍, wenn „all diese Bücherregale, die an allen vier Wänden bis zur Decke reichen und unter der Last durchhängen wie der Bauch einer trächtigen Eselin“, wenn all das zu einer „breiigen Büchermasse“ geworden ist, weil eine Bombe eingeschlagen hat oder die Plünderungen begannen oder man einfach genug davon hat, zu sagen, und zwar in aller Seelenruhe: „Na endlich.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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