19. Februar 2019

Fatwa gegen Salman Rushdie vor 30 Jahren „Die Satanischen Verse“ – ein Resümee

Die Hysterie machte das Buch zum Bestseller

von Jörg Seidel

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Bildquelle: andersphoto / Shutterstock.com Für sein Buch mit dem Tode bedroht: Salman Rushdie

Vor 30 Jahren wurde die Fatwa gegen Salman Rushdie, den Verfasser des bedeutenden Buches „Die Satanischen Verse“, verhängt.

Ich habe die „Satanischen Verse“ gelesen, als alle sie gelesen haben – irgendwann um das Jahr 1990 herum –‍, und außer der grandiosen Eingangsszene, dem himmlischen Sturz der beiden Protagonisten Gibril Farishta und Saladin Chamcha und der Vorstellung pestilenzialischen Mundgeruchs, ist mir nichts geblieben. Kurz: Das Buch blieb ein Rätsel, die Suche nach der Frage, weshalb nun das ganze Theater, blieb weitestgehend unbeantwortet. Und ich habe mich gequält, wahrlich gequält, die 500 Seiten zu bewältigen. Das mag auch an der Übersetzung gelegen haben, denn nun, nach der Zweitlektüre, 25 Jahre später und diesmal auf Englisch, ist mir meine damalige Reaktion unbegreiflich. Diesmal habe ich es verschlungen – ohne es vollkommen verstanden zu haben. Aber doch ein bisschen besser…

Was dem geübten Leser sofort auffallen sollte, ist die wahre Größe dieses Meisterwerks. Rushdie schwelgt in der Sprache und reizt die unendlichen Möglichkeiten des Englischen auf ganz phantastische Weise aus. Es ist, als läse man ein episches Gedicht, ein philosophisches Werk und einen Endloswitz zugleich. Das Grinsen will nicht aus dem Gesicht weichen ob der ungezählten herrlichen Boshaftigkeiten gegen alle und alles, das Staunen findet kein Ende ob der unergründlichen Tiefen und des überbordenden Wissens, die seelische Befriedigung ist immens ob der arabesken Schönheiten, der Sprachwunder, der kathedralen Architektur. Es ist ein Jahrhundertroman in der Tradition eines James Joyce, eines Arno Schmidt, eines Borges, eines Gogol…

Das alles darf man behaupten, auch wenn man das Ungenügen der eigenen Leserschaft begreift. Um dem Buch bis in die feinsten Kapillaren folgen zu können, müsste man nicht nur des Englischen tadellos mächtig sein, müsste man nicht nur wenigstens Grundkenntnisse der indischen und anderer Sprachen haben, man müsste auch mit der Geschichte Großbritanniens, Indiens, Pakistans, Arabiens intim vertraut sein, man müsste London und Bombay gut kennen, man müsste im Stoff verschiedenster theologischer, historischer und philosophischer Diskurse mehrerer Religionen – vor allem natürlich des Islam – stehen, man müsste die Weltliteratur überblicken. Die Einstiegshürde ist sehr hoch, und schon an diesem Punkt ahnt man, dass von den Millionen aufgeregten Protestierenden in aller Welt kaum ein einziger das Buch gelesen haben dürfte, ja dass selbst ein Ajatollah Khomeini kaum geahnt haben dürfte, was er da verbietet und über wen er die Todesstrafe verhängt.

Nun also ist die Zeit, das Buch noch einmal zu behandeln, sich der „Rushdie-Affäre“ zu entsinnen, ihre Mechanismen aufzuzeigen, brennend aktuelle Fragen zu stellen. Denn was 1988/89 geschah, ist die Blaupause für mehrere Folgekatastrophen geworden – von denen einige noch in der Zukunft liegen.

Das Buch

Es sind drei wesentliche Erzählstränge zu unterscheiden. Zum einen die Geschichte der beiden Protagonisten, indischer Schauspieler, die nach einem Flugzeugabsturz die Identitäten des Erzengels Gabriel und des Satans annehmen. Zum zweiten die Geschichte eines mittelalterlichen arabischen Propheten namens Mahound und drittens die Geschichte einer wundersamen Pilgerwanderung eines indischen Dorfes, angeführt durch eine Heilige mit dem Namen Aischa. Verbunden werden diese wechselnden Geschichten meist durch Träume. Das zu wissen ist wichtig, denn was viele Muslime als anstößig empfanden, sind letztlich Träume eines Geisteskranken in einem fiktionalen Werk. Schon die Namensgebung zeigt Rushdies Zielrichtung: Es war der Erzengel Gabriel, der Mohammed den heiligen Koran diktierte; die Kreuzfahrer nannten den Propheten abwertend „Mahound“ („falscher Prophet“); Aischa war Mohammeds Lieblingsfrau, die er als Sechsjährige heiratete und mit der er drei Jahre später die Ehe vollzogen haben soll.

Trotzdem ist es vielmehr ein modernes Buch, das die Frage des Identitätsverlustes durch Religionsverlust und Migration ebenso thematisiert wie die zunehmende Beliebigkeit des Ichs in der postmodernen Welt. Es behandelt die Frage nach dem Sein des modernen Menschen im Angesicht des Todes Gottes.

Das Problem

Hätten die Muslime das Buch verstehend gelesen, dann wäre es ihnen möglich gewesen, es auch für eigene missionarische Zwecke zu nutzen. Anscheinend war die Beleidigung jedoch zu groß, um die proislamischen, proreligiösen Untertöne vernehmen zu können und zu begreifen, dass hier ein Suchender vielleicht hätte aufgefangen werden können.

Stattdessen arbeitete man sich an den „Beleidigungen“ ab. Derer gab es freilich mehrere. Da sind zuvörderst die sogenannten „Satanischen Verse“ – wie alles bei Rushdie hat dieser Begriff eine vielfache Bedeutung –‍, die auf eine koranische Episode zurückgehen. Demnach hat Mohammed – und die Historizität des Ereignisses wird allgemein anerkannt – seinen Anhängern die Anbetung dreier paganer vorislamischer weiblicher Gottheiten – Lat, Uzza, Manat – aus machtstrategischen Gründen und nach gabrielischer Offenbarung gestattet, diese Ordre später aber als vom Satan eingeflüsterte widerrufen (Sure 53, Vers 20 und folgende). Es gab demnach einen trinitarischen Moment im frühen Islam, von dem der tradierte Islam als strenger Monotheismus nichts wissen und an den er auch nicht erinnert werden will.

Des Weiteren ist die Namensgebung als solche provokativ, denn dass sich hinter Mahound Mohammed verbirgt, ist offensichtlich. Auch Mohammeds nächste Gefährten spielen eine oft unrühmliche Rolle, und der Prophet selbst, so wird unterstellt (und es entspricht eventuell sogar der historischen Wahrheit), bekommt just jene Offenbarungen, die ihm in der jeweiligen politischen Situation am ehesten helfen.

Als besonders anstößig mussten Muslime die legendäre Bordellszene empfinden. Dort nehmen die zwölf Huren des Freudenhauses in Jahilia (Mekkas Name in vorislamischer Zeit) die Namen der zwölf Frauen des Propheten an, um den Umsatz anzukurbeln. Die blasphemische erotische Vorstellung belebt tatsächlich das Geschäft ungemein. Rushdie wendet hier einen cleveren paradoxalen Psychotrick an, ein satirisches Grundmuster: Stell dir jetzt keinen blauen Elefanten vor. Indem er den Huren die Namen der zwölf Frauen des Propheten gibt, zwingt er (muslimische) Leser, sich das Unvorstellbare vorzustellen: Die Vorstellung erhitzt die Gemüter vielleicht deswegen so stark, weil die eigene sexuelle Phantasie am Undenkbaren erregt wird.

Wenig Gegenliebe dürfte auch die Apostasie der Helden hervorgerufen haben, die laut Scharia die Todesstrafe zur Folge hat. So stopft sich Gibril Farishta etwa besinnungslos mit Schweinefleisch, Speck und Schinken voll, nachdem ihm die Nichtexistenz Gottes aufgegangen ist.

Wie wenig das Buch in muslimischen Kreisen bekannt war, zeigt auch der Vortrag Ahmed Deedats. Wer den intellektuellen Zustand der islamischen Welt in weiten Kreisen begreifen will, der ist gut beraten, den weltberühmten islamischen Fernsehpredigern zu folgen, die eine immense Zuhörerschaft haben. Die graue Eminenz dieser Gilde war Ahmed Deedat; er verfasste eine Schrift mit dem Titel „How Rushdie fooled the West“ („wie Rushdie den Westen genarrt hat“), in der er das Werk zerstört zu haben meinte. Seine Hauptargumente zeugen vom kompletten Unverständnis für Literatur, vor ausverkauften Hallen tourte er um die Welt und zitierte unter tosendem Beifall „unerträgliche“ Schimpfwörter wie „shit“ oder Lautwörter und dergleichen. Ginge es danach, müsste die halbe Weltliteratur verboten werden, und fast die ganze restliche…

Die Fatwa

Lange vor Khomeinis Fatwa zeichneten sich Probleme mit dem Roman ab – sie müssen als Vorgeschichte verstanden werden.

Schon befreundete Lektoren warnten Rushdie vor möglichen Konsequenzen. Beim gerade eröffneten indischen Ableger des „Penguin“-Verlagshauses lehnt man die Übersetzung und Drucklegung ab. Indien steht vor einer entscheidenden Wahl, und Rajiv Gandhi kann es nicht riskieren, die über 100 Millionen Muslime des Landes zu brüskieren. Zehn muslimische Länder folgen bald, in Südafrika gelingt es der muslimischen Minderheit, genügend Druck auszuüben.

Kaum ist das Buch in Großbritannien erschienen, gibt es in Leicester und Bradford – Städten mit großen muslimischen Gemeinden – Massenproteste. Es kommt zu Autodafés, Rushdie-Strohpuppen werden verbrannt. Ein lange angestauter Frust bricht sich Bahn. Wie überall wird auch hier das Buch instrumentalisiert. Gelesen hat es vermutlich kaum ein Demonstrant, die Forderungen, es zu verbieten, werden trotzdem mit aller Macht skandiert. Daraufhin ziehen erste Buchketten das Werk zurück. Die Verleihung des angesehenen Whitbread Award im November 1988 dürfte noch einmal Öl ins Feuer gegossen haben. Nun kommt es zu Massenprotesten und ersten Todesdrohungen – das Buch fungiert als Katalysator einer selbstbewusster werdenden muslimischen Kommune. In Pakistan gibt es derweil die ersten Toten.

Erst jetzt, im Februar 1989, schaltet sich der Iran ein. Das Ende des Iran-Irak-Kriegs liegt wenige Monate zurück, der Krieg lebt in innenpolitischen Konflikten weiter, im Libanon werden britische Geiseln durch die schiitische Hisbollah gefangen gehalten, die Beziehungen zu Großbritannien sind jung und mächtig angespannt, als der Ajatollah die Fatwa, das Todesurteil gegen Rushdie und all jene, die an der Verbreitung des Buches beteiligt sind, ausspricht. Eine geistliche Stiftung setzt eine Kopfprämie von einer Million Dollar aus. Rushdie ist nun Freiwild. Die öffentliche Wirkung ist umfassend. Plötzlich steht fast die gesamte muslimische Sphäre in Flammen, Sunniten und Schiiten demonstrieren auf der ganzen Welt, Wut und Hass in unvorstellbarem Ausmaß werden gegenüber Rushdie, Großbritannien, den USA, der ganzen westlichen Welt vorgetragen. Flaggen brennen, Bücher brennen, Menschen brennen. Vereinzelte kritische Stimmen gehen in der Hysterie unter oder werden zum Verstummen gebracht. Der Westen reagiert geschockt und verschüchtert.

Wenige Tage darauf bietet der iranische Präsident Chamenei dem Autor an, sich zu entschuldigen, was dieser umgehend und offensichtlich unter Schock stehend – er ist bereits unter Staatsschutz abgetaucht – auch tut. Aber erneut schaltet sich Khomeini ein, indem er die Entschuldigung zurückweist: „Es ist die Pflicht jedes Muslims, alles, was er hat, einzusetzen, sein Leben und seinen Reichtum, um Rushdie in die Hölle zu schicken.“

Nun zieht Großbritannien seinen erst seit wenigen Monaten in Teheran stationierten Botschafter zurück und bricht die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab. Der wiederum weitet die Fatwa auf mutige Journalisten aus. Die britische Regierung distanziert sich nun vom Buch, findet es „beleidigend“, entschuldigt sich bei den Muslimen und zieht sich auf die Meinungsfreiheit zurück. Die Geiselverhandlungen sind nun auf Eis und drohen mit der Katastrophe zu enden.

In Belgien wird das geistliche Oberhaupt der muslimischen Gemeinde ermordet – er hatte sich gegen die Fatwa ausgesprochen. In England kommt es zu Straßenschlachten, Übersetzer und Herausgeber in anderen Ländern werden ermordet oder angegriffen…

Im Juni 1989 stirbt Khomeini. Niemand wagt die Fatwa aufzuheben, sie erhält damit Permanenz. Der iranische Präsident Rafsandschani bekräftigt stattdessen: „Was Ajatollah Khomeini sagte, war eine Vorschrift der Scharia und nicht seine persönliche Meinung. Es gibt niemanden im Iran, der diese Vorschrift zurücknehmen wollte oder könnte.“

Ein offensichtlich entnervter Rushdie gibt seine Konversion zum Islam bekannt, erfährt jedoch wenig Unterstützung. Selbst alte Freunde wenden sich von ihm ab. Wenig später wird er die Konversion als Fehler begreifen: „Seit ich den Kompromiss mit den muslimischen Gelehrten eingegangen bin, fühle ich mich immer krank, krank im Herzen und im Magen. Das bin nicht ich.“ – „Einer der Mullahs, mit denen ich mich getroffen habe, tritt im Fernsehen auf und verteufelt Homosexuelle. Einer der Gelehrten, mit denen ich mich getroffen habe, hat einen Artikel geschrieben, in dem er sagt, es sei okay, seine Frau zu schlagen, wenn sie ungehorsam ist. Was habe ich getan?“

Erst 1998 wird die Fatwa vom iranischen Staat aufgehoben. Wikipedia: „Im Februar 2016 meldete die iranische Nachrichtenagentur Fars, dass 40 staatliche iranische Medien zum Jahrestag der Fatwa das Kopfgeld für den Tod Rushdies um 600.000 Dollar – auf insgesamt mittlerweile fast vier Millionen Dollar – erhöht hatten.“

Die Fragen

Man hätte sich die Ausführlichkeit sparen können, wenn das Thema nicht hochaktuell wäre. Es gibt erschreckende Parallelen zur sogenannten Mohammed-Krise, als 2005 verschiedene Karikaturen des Propheten in einer dänischen Zeitung zu weltweiten Hysterien führten. Seither wissen wir, dass die Vorgehensweise sich jederzeit wiederholen oder, wie bei „Charlie Hebdo“, auch radikalisieren kann. Einerseits erweist sich die muslimische Welt, der „real existierende Islam“ (Rushdie), als konditionierbar und damit erpressbar, andererseits beweist sie in weiten Teilen ihre Zivilisationsferne, sofern man Zivilisiertheit als Affektbeherrschung versteht. Einer weitestgehend buch- und buchstabengläubigen Kultur fällt es offenbar schwer, literarische und fiktionale Texte als solche zu entziffern, den Fiktionenvertrag, der am Anfang eines jeden Kunstwerkes als Selbstverständlichkeit steht, einzugehen.

Aber auch für den Westen steht viel auf dem Spiel. Er ist ebenso erpressbar geworden. Die Angst sitzt den westlichen Ländern tief in den Knochen, eine Angst, die das höchste westliche Gut – die Meinungsfreiheit – immer öfter und oft auch im vorauseilenden Gehorsam in Frage stellt. Verschwände das Recht auf die freie Meinungsäußerung, dann wäre das Projekt Aufklärung endgültig gescheitert und mit ihm jegliche Form der Demokratie. Würde heute – es wäre wichtiger denn je – noch jemand ein solches Buch wagen? Würde es einen Verlag finden?

Beiden Seiten stehen schwere Lernaufgaben bevor. Der Westen muss vor allem seine Naivität und sein eklatantes Unwissen ablegen, die sich exemplarisch in Günter Grass‘ Brief an Rushdie aussprechen: „Jesus Christus liebte Provokationen; weshalb ich auch sicher bin, dass jener Mann namens Mohammed, der uns als Prophet überliefert ist, die Romane des Schriftstellers Salman Rushdie und insbesondere die ‚Satanischen Verse‘ mit Vergnügen gelesen hätte.“ Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns mit dem Islam allumfassend und affektfrei auseinandersetzen, denn nur nach dieser allumfassenden Auseinandersetzung wird es möglich sein, die freiheitliche Position zu verteidigen und die intrinsischen Schwierigkeiten dieser Religion zu begreifen und zu bewerten.

Selbst gut gemeinte Verteidigungen wie die des serbischen Schriftstellers Dragan Velikić, der in den Satanischen Versen ein Buch sieht, „in dem kein vernünftiger Mensch eine Häresie finden kann“, müssen durchschaut werden, denn ob Häresie oder nicht: Es gilt, unser Recht auch auf Häresien zu verteidigen! Was, so muss man sich doch fragen, geht es meist ungebildete Muslime in Pakistan an, ob Ex-Muslim Salman Rushdie in England ein Buch schreibt oder Nicht-Muslim Kurt Westergaard in Dänemark eine Karikatur zeichnet oder ob in China ein Sack Reis umfällt?

Dank der vielen Steine, die man Rushdie in den Weg legte, wurden die „Satanischen Verse“ das, was sie zu sein verdienen: ein Best- und Longseller.

Salman Rushdie: „Die Satanischen Verse“ (amazon.de)

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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