17. November 2018

Hintergründe einer islamischen Nebenströmung mit großer medialer Präsenz Was wollen die Ahmadiyya-Muslime?

Ziel ist der friedliche Endsieg

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Friedlich ins Kalifat: Ahmadiyya

Am 13. November wurde in Erfurt – unter großer medialer Aufmerksamkeit – der Grundstein für eine Moschee gelegt. Seit Jahren kämpfen Bürgerinitiativen und AfD dagegen an, und seit Jahren wird das Projekt politisch und journalistisch unterstützt. Nicht zuletzt, weil es sich bei der Glaubensgemeinschaft um die Ahmadiyya handelt. Aber wer sind die Ahmadiyya und was zeichnet sie aus?

Ausgerechnet jetzt, in einer angespannten Situation, gehen die Ahmadiyya-Muslime an die Öffentlichkeit, wollen Moscheen in Leipzig, Chemnitz und Dresden bauen, stehen mit AfD-blauen Informationsständen in Erfurt, Weimar, Jena, Plauen, Zwickau, Dresden, Bautzen und Leipzig… Dahinter eine Strategie zu erkennen, fällt nicht schwer. Nachdem die Gemeinde im Westen des Landes flächendeckend mit 47 Moscheen vertreten ist, versucht man nun konzertiert die Osterweiterung – das Ziel lautet 100 Moscheen, Erfurt ist Nummer 48.

Aber der Osten ist ein schwieriges Gelände – sofort schlagen die Wellen hoch. Dabei wissen nur die wenigsten, wer die Ahmadiyya sind, was sie kennzeichnet und was sie in Deutschland wollen. Ohne diese Kenntnisse ist ein differenziertes Bild jedoch nicht möglich, denn gerade die Ahmadiyya unterscheiden sich von den sunnitischen und schiitischen Hauptströmungen in einigen Wesensfragen fundamental.

Die Gemeinde wurde 1889 im damaligen Britisch-Indien, heute Pakistan, von Mirza Ghulam Ahmad gegründet. Die Basissprache ist Urdu und nicht Arabisch. Ahmad entwarf eine auf Koran, Hadith und Sunna basierende Lehre, in die ganz deutlich auch hinduistische, buddhistische und in Spurenelementen auch christliche Bestandteile einflossen. Er selbst bezeichnete sich als „Mahdi“, also als Endzeitprophet in der Nachfolge Mohammeds und als erster Kalif der Ahmadiyya.

Der Mainstream-Islam musste seine in zahlreichen Werken niedergelegte Lehre aus mehreren Gründen ablehnen. Zum einen wird der Anspruch, der neue Messias zu sein, als schwere Häresie verstanden, zum anderen findet seine allegorische Interpretation des Korans ebenso wenig Verständnis wie seine stark selektive Lesart und auch die Behauptung, Jesus sei nicht auferstanden – der Koran verneint die Kreuzigung ohnehin –‍, sondern als Hochbetagter in Kaschmir verstorben, wird nicht ernst genommen. Tatsächlich werden die Ahmadiyya meist gar nicht als Muslime anerkannt, die Islamische Weltliga belegte sie mit einer Fatwa, und bis zum heutigen Tag leiden sie unter Unterdrückung und Terror in Pakistan.

Mit zehn bis 15 Millionen Bekennenden, hauptsächlich auf dem indischen Subkontinent und in Schwarzafrika, aber bereits mit Vertretungen in 190 Ländern, stellen sie weniger als ein Prozent aller Muslime. Auch in Deutschland repräsentieren sie mit circa 40.000 Gläubigen nur 0,8 Prozent der Muslime. Gemessen daran ist ihre mediale und öffentliche Präsenz – selbst Jörg Meuthens erster Besuch einer Moschee war ein Gang zu den Ahmadiyya – vollkommen überdimensioniert. Dafür gibt es mehrere Gründe, theologische wie soziale.

Bereits der Gründer schwor seine Gefolgschaft auf eine militante Gewaltlosigkeit

ein. Der ausgeprägte missionarische Furor sollte sich ausschließlich argumentativ in Überzeugungsarbeit austoben. Das kann nur gelingen, wenn die Diskutanten hochgebildet und perfekt in die jeweilige Gesellschaft integriert sind. In starkem Kontrast zu weiten Teilen der muslimischen Gesellschaften in Deutschland weisen die Ahmadiyya eine starke Bildungsaffinität auf, achten auf korrektes Auftreten, sprachliche Eloquenz, bürgerliche Einordnung in das gesellschaftliche und berufliche Leben und vertreten einen deutlichen Patriotismus im jeweiligen Heimatland.

Gern brüstet man sich mit hoher Hochschulabschlussquote und geringer Arbeitslosenquote, und einen Nobelpreisträger hat man auch vorzuweisen. Die Ahmadiyya sind statistisch gesehen Vorzeigedeutsche. Dies und das dauernde Mantra der Friedfertigkeit, das auch über einen eigenen Fernsehkanal verbreitet wird, macht sie für Politik und Medien interessant, denn sie stellen genau das dar, was man sich in jenen Sphären wünscht. Khola Maryam Hübsch, die Tochter eines deutschen Konvertiten, ist dafür ein Paradebeispiel: Jeder kennt sie aus Funk und Fernsehen, wo sie die Rolle der selbstbestimmten und gebildeten Muslima gibt, ohne dass man in der Regel erfährt, wie wenig repräsentativ sie für die deutschen Muslime ist. Legendär ein Streitgespräch mit Hamed Abdel-Samad.

An der Friedfertigkeit ist vorerst nicht zu zweifeln – sie ist in den Schriften der Ahmadiyya durch die einseitige und selektive Wahrnehmung des Korans und des Lebens Mohammeds systemisch angelegt (man nimmt nur die Barmherzigkeit wahr und vergisst oder rationalisiert die dunklen Seiten), sie manifestiert sich in allen Entäußerungen, selbst in den baulichen und architektonischen.

Schaut man sich die vollendeten Moscheen in Deutschland an, so bestechen diese durch eine simple, bescheidene, der jeweiligen Region und Umgebung angepasste Bauweise in stets perfektem Pflegezustand. Zudem sind die Ahmadiyya vielfältig sozial engagiert – sie sind mithin die erste muslimische Gemeinde Deutschlands, die als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und damit den großen christlichen Kirchen gleichgestellt wird. Trotzdem sollte man das „vorerst“ nicht unterschlagen, denn noch waren sie nirgendwo in der Lage, eine Mehrheit und also Macht zu erreichen, noch sind die Islamkritiker alle beruhigt. Warum?

Der Reaktor der Ahmadiyya wird von einer eschatologischen „Missionierung“ angetrieben. Den Begriff der Missionierung lehnt man dabei ab, wie der Leipziger Imam Arif mir auf Nachfrage schrieb, denn gemäß Sure 76, Vers 9 – „Wir speisen/versorgen euch nur um Allahs willen. Wir begehren von euch weder Lohn noch Dank“ – ist es nicht gestattet, „für all das, was wir für irgendjemanden tun, irgendeine Gegenleistung zu erwarten, auch nicht die, dass die Person zu unserer Gemeinde konvertiert“, mehr noch, es sind Beitritte von „Personen, die die Lehre des Islam nicht beherzigt haben“, also den Islam nicht als spirituelle Lehre erkennen und leben, nicht erwünscht, was immerhin den hohen Anteil an pakistanischstämmigen Ahmadiyya in Deutschland erklärt. „Hinterhältigkeit und das Ausnutzen von Unkenntnis oder Notsituation einer Person, um sie für sich zu gewinnen, halten wir für völlig unvereinbar mit den Lehren des Islam“, was heißt, dass die „Missionierung“ oder „Aufklärung“ durchaus nicht mit dem Ziel der Konvertierung erfolgt.

Es wäre falsch, wenn man derartige Äußerungen a priori als „Verstellung“ oder gar „Lüge“ vorverurteilt. Überhaupt wird jedes Gespräch mit Muslimen, ganz gleich welcher Observanz, verunmöglicht, wenn das – meist unverstandene und missbrauchte – Taqiyya-Prinzip undifferenziert unterstellt wird. Auch wenn der Islam in vielfältigen Ausformungen eine Diskurskultur nur schwer ermöglicht, wird auch die letzte Hoffnung darauf erstickt, wenn extreme Auslegungen durch Islamophobiker alle argumentativen Öffnungen vermauern.

Trotzdem bleibt folgende Tatsache: Die Ahmadiyya verstehen sich als Reformbewegung des Islam mit dem Ziel des friedlichen „Endsiegs des Islam“. Der Ahmadiyya-Islam wird allen anderen Religionen als überlegen dargestellt, die er letztlich überwinden will. Das Ziel ist die Ein-Religion-Welt, ist ein weltumspannendes Kalifat, das Mittel ist der verbale, der argumentative Dschihad.

Insofern hat die Vorstellung eines trojanischen Pferdes eine gewisse Berechtigung – wie alle Utopien würde auch diese am Charakter des Menschen scheitern. Kritiker sehen die Gefahr in einem Verlust der „emotionalen Distanz zum Islam“, der uns hier in einer „weichgespülten Form“ entgegentritt, von Politik und Medien hofiert wird und dabei die überwältigende Mehrheit der Muslime in keiner Weise repräsentiert. Wesentliche Archaismen des Islam, wie etwa die sehr streng ausgelebte Geschlechtertrennung, die Verhüllung und andere, sind der Reform eben nicht zum Opfer gefallen (mit Konsequenzen: Ehrenmorde sind registriert) und können es auch nicht, solange man sich strikt auf das Heilige Buch beruft.

Vor allem aber ist es die immense intellektuelle Unterbietung des westlichen Kultur- und Geisteslebens – von der kann sich jeder überzeugen, der die Schriften der Ahmadiyya liest (die denen der Zeugen Jehovas nicht ganz unähnlich sind) –‍, die, bei aller Sympathie für den sanftmütigen und stilvollen Umgang, abschreckt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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