29. Oktober 2018

Erwartung des Finanzcrashs Warnung oder Panikmache?

Vermutungen und Theorien bieten keinen Grund zur Sorglosigkeit

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Wird wahrscheinlich von der Leiter fallen wie der besoffene Nachbar: Finanzsystem

Ein Leser schreibt, er glaube langsam, die ganze „Warnerei“ vor irgendwelchen Crashs oder dem großen Knall im Finanzsystem sei Panikmache. Schließlich laufe die Sache jetzt schon ewig, ohne dass etwas dieser Art passiert sei.

Einspruch! Wenn Ihr Nachbar zwei Mal hintereinander besoffen, mit schlechtem Schuhwerk und einer lausigen Leiter auf einen Baum steigt und sich ein Bein beziehungsweise einen Arm bricht, dann werden Sie spätestens dann, wenn er Anstalten macht, es ein drittes Mal zu tun, rübergehen und ihn aufzuhalten versuchen. Und wenn es trotzdem wieder geschieht, werden sie beim vierten Mal bereits in dem Moment, in dem er die Leiter aus der Scheune zerrt, mit den Armen fuchtelnd das ganze Haus alarmieren und keine Ruhe geben, bis der Kerl von seinem Vorhaben ablässt. Denn obschon Sie ihm nichts Schlechtes wünschen, so tun Sie es doch nicht ihm, sondern seiner Familie und sich selbst zuliebe. Die Familie ist es, die bei erneutem Schaden sich buchstäblich durchseuchen muss, wenn das Nötigste knapp wird und Sie bereits heute wissen, dass eine substanzielle Hilfe Ihre Mittel bei Weitem übersteigt.

Wenn man also die möglichen bis wahrscheinlichen Wirkungen bestimmter Ursachen kennt und diese absolut nicht wünschenswert sind, dann wird man – kann man sie nicht unterdrücken – zumindest versuchen, vor ihnen und der auf sie erfahrungsgemäß folgenden Verheerung zu warnen. Was richtig ist: Natürlich kann der Kerl beim vierten Mal entgegen aller Erwartung nüchtern sein (das sieht man ja keinem von Weitem an), und natürlich kann er auch einfach Glück haben und die Sache geht glimpflich vorbei.

Tatsache ist: Die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder runterkracht, ist größer als jene, dass er ohne Schaden davonkommt. Darum warnt man. Und darum warnen seit langem viele größere und mächtigere Stimmen, als meine es je sein wird, vor der durchs Band schädlichen Blasen-Politik der Zentralbanken.

Seit der „Schließung des Goldfensters“, wie die euphemistische Bezeichnung dafür lautet, dass die „Währungshüter“ der Zentralbanken mehr Geld drucken dürfen, als es Gold gibt, sind diese mit dem Segen der Politik dazu übergegangen, Krisen nach immer demselben Rezept – mehr Geld! – zu dämpfen. Krisen, zu deren Entstehen sie via Schuldenwirtschaft und Rettung den Hauptteil beigetragen haben. Drei Mal seit dem Ende der 80er Jahre konnten so verheerende Markteinbrüche abgefedert werden. Das Problem: Jedes Mal musste man einen Gang höher schalten, mehr Geld drucken, die Zinsen tiefer senken, Unternehmen und ganze Sektoren am Leben erhalten oder wiederbeleben, was die folgende Blase/Krise noch größer werden ließ.

Mittlerweile sind wir im vierten Gang. Seit zehn Jahren bekämpfen die Zentralbanken und Regierungen nun die Krise von 2007/2008. Und wir wissen eigentlich nichts. Wir wissen weder, ob das Vehikel des billigen Geldes und der Nullzinsen einen fünften Gang hat, noch, ob man vom vierten wieder in den dritten herunterschalten kann. Die bisherige Krisengeschichte lässt aber darauf schließen, dass ein weiterer Absturz nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich ist. Hier nicht zu warnen und aufs Glück zu setzen, ist fahrlässig. Denn was Medien und Politik gerne als „Stabilisierung des Finanzsystems“ bezeichnen, ist auch diesmal ganz klar das Aufblähen einer Blase und kann durchaus als „Maximierung der Fallhöhe“ bezeichnet werden.

Seit der letzten Krise vor zehn Jahren – so viel zum oben erwähnten „ewig“ – ist der S&P 500, der Index, der Aktien von 500 der größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen abbildet, um fast 400 Prozent gestiegen. In dieser gesamten Zeit lagen die Leitzinsen in den USA wie in Europa nahe null oder bei null. Die US-Staatsschulden wuchsen auf den Rekordwert von 21.000 Milliarden Dollar und sind damit doppelt so hoch wie 2008, während die amerikanischen Unternehmen auf einem Berg von Schulden in Höhe von 6.300 Milliarden Dollar sitzen und dies mit großer Wahrscheinlichkeit nur deshalb schaffen, weil die Zinslast erträglich ist. Ebenfalls deutlich höher als 2008 liegt die Verschuldung der privaten Haushalte mit 13.300 Milliarden Dollar. Die Gesamtsumme der Studiendarlehen beläuft sich heute auf ein Rekordlevel von 1.500 Milliarden Dollar (2008 waren es 611 Milliarden Dollar). Weitere 1.250 Milliarden Dollar an Autokrediten und Kreditkartenschulden runden das Bild ab. Von der Misere der europäischen Zombie-Unternehmen, der Staatshaushalte und dem Katastrophenprojekt Euro wurde an dieser Stelle bereits oft geschrieben. Vor dem Hintergrund dieser Gemengelage also von einer Maximierung der Fallhöhe zu sprechen und vor möglichen Auswirkungen zu warnen, ist nicht übertrieben oder gar Panikmache.

Richtig ist, dass alles, was wir haben, das Wissen der Vergangenheit ist. Das Nichtwissen über die Zukunft jedoch als Wahrheit zu verkaufen, ist Schurkerei. Wir haben nur Vermutungen und Theorien. Sie als gesichertes Wissen und Grund zur blinden Zuversicht und Sorglosigkeit anzupreisen, wie unsere Politiker es in fast jedem zukunftsentscheidenden Bereich (Finanz, Migration, Energie, Bildung und so weiter) tun, ist bloß Rechtfertigung für sich selbst und den eigenen Machtanspruch und eine Art Glaubensbefehl ans uns. Beschränken wir uns darauf, dem Folge zu leisten, versuchen wir nicht, die verkündeten Theorien zu hinterfragen oder – soweit möglich – zu eliminieren und bessere zu finden, dann riskieren wir, mit einem falschen Glauben zugrunde zu gehen. Die Theorien werden mit großer Wahrscheinlichkeit sterben. Tun wir nichts dagegen, sterben wir mit ihnen (frei nach Popper).

Das und nichts anderes ist mein persönlicher Grund, hier mit dünnem Stimmchen zu warnen vor dem Möglichen, in meinen Augen Wahrscheinlichen. Wenn nur einer es hört und sich Gedanken macht, vielleicht sogar eine Unze Gold zur Sicherheit kauft, dann ist das Ziel erreicht. Wenn wir aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz Glück haben, die Leiter hält, der Kerl nüchtern ist und kein Schaden entsteht, umso besser. Aber, wie gesagt…

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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