27. September 2018

Zehn Jahre nach der Lehman-Pleite Teufelswerk und des Staates Beitrag

Nicht die freie Marktwirtschaft war der Auslöser, sondern ihr Gegenteil

von Christian Ortner

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Bildquelle: shutterstock Folge von Staatseingriffen: Finanzkrise

Es waren Szenen wie aus einem Finanz-Thriller, die vor ziemlich genau zehn Jahren um die Welt gingen: Hunderte Angestellte, die Ende September 2008 einen Wolkenkratzer im New Yorker Bankenviertel verließen, allesamt schwer bepackt mit Umzugskartons, in denen sie ihre persönlichen Besitztümer aus dem Firmensitz der pleitegegangenen Investmentbank Lehman Brothers schleppten. In vielen Gesichtern spiegelte sich der Schock über die Entlassung wider.

Ein Schock war der Untergang des Hauses Lehman auch für das ganze globale Finanzwesen und damit für die Weltwirtschaft. Nur knapp, sehr knapp sogar, konnte damals eine finanzielle Kernschmelze wie in den 1930er Jahren verhindert werden und damit eine ganz große Depression wie damals.

Zum zehnten Jahrestag dieser Ereignisse ist sich ein ganz großer Teil der veröffentlichten Meinung einig, dass wir es hier mit einem monumentalen Versagen des Kapitalismus zu tun hatten, mit einem Exzess der Gier und des Profitstrebens und den Folgen einer „neoliberalen“ Laissez-faire-Gesinnung.

Das Ansehen des Konzepts der freien Marktwirtschaft hat seit den dramatischen Tagen des Lehman-Krachs erheblich gelitten. Dass heute sogar in den USA und in Großbritannien, grundsätzlich erzliberalen Gesellschaften, sozialistisches Gedankengut vor allem unter den Jungen wieder en vogue ist, hängt nicht zuletzt damit zusammen. Nun wird man sich in der Tat etwas schwertun, die Finanzkrise von 2008 als Sternstunde des Kapitalismus zu beschreiben; dass Gier und Profitexzesse mit schuld an dem Debakel waren, ist nicht zu bestreiten.

Regelmäßig wird freilich ein ganz anderer, wesentlicher Auslöser dieses Crashs ausgespart, gerade in vielen Analysen zu dessen zehntem Jubiläum: dass wir es hier auch mit massivem Staatsversagen und den Folgen staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft zu tun hatten. Denn am Anfang dieser Krise stand die Politik der Regierung Clinton, Banken dazu zu bewegen, Immobilienkredite an Menschen aus den untersten sozialen Schichten zu vergeben, die nicht einmal annähernd imstande waren, diese Kredite auch ordnungsgemäß zu bedienen.

Es war eben nicht „freie Marktwirtschaft“, die am Anfang der Krise stand, sondern deren genaues Gegenteil: ein grober Staatseingriff in die Finanzindustrie zum Zwecke der Stimmenoptimierung durch die Clinton-Regierung.

Ähnliches spielte sich in der Folge auch auf der anderen Seite des Atlantiks ab. Denn die US-Banken verkauften die toxischen Kreditpakete mit großem Erfolg ihren europäischen Kollegen. Aber nicht irgendwelchen. „In Europa schaufelten gerade jene Institutionen, die als Wandler zwischen privater und staatlicher Welt lebten, Milliardengräber: etwa die Landesbanken in Österreich oder Deutschland. Die Hypo Alpe Adria hätte ohne die schützende Hand eines Bundeslandes nie zu einem Desaster solchen Ausmaßes anwachsen können“, analysiert der Ökonom Lukas Sustala vom Thinktank „Agenda Austria“ völlig korrekt. Es waren tatsächlich vor allem staatsnahe Institute in Europa, die sich mit den vergifteten Kreditpaketen aus Amerika vollsaugten. Es ist nicht ohne Ironie, dass jene durch Staatsversagen (mit) ausgelöste Krise der Jahre 2008 und folgende letztlich weltweit ausgerechnet jenen populistischen Bewegungen rund um die Welt Auftrieb verschafft hat, die selbst meist eher staatsinterventionistisch, protektionistisch und marktskeptisch veranlagt sind. Das gilt für Donald Trump genauso wie für die populistischen Parteien der Neuen Rechten in Europa – deren Erfolg kann man nicht nur, aber eben auch als Folge der Weltwirtschaftskrise und deren falscher Erklärung als „Marktversagen“ sehen.

Sollten, was leider überhaupt nicht ausgeschlossen werden kann, Staatsinterventionismus und Protektionismus wieder salonfähig werden, dann wäre das so ziemlich genau die verkehrteste Lehre, die man aus dem Lehman-Krach und den Folgen ziehen könnte. So würde nämlich eine solide Grundlage für den nächsten großen Krach gelegt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Ortner Online“.


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