21. September 2018

Gebet in der Öffentlichkeit Besetztes Gelände

Ein Erlebnis an der Autobahnraststätte

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Ein Schock: Gebet in der Öffentlichkeit

Autobahnraststätte Göttlesbrunn, zehn Minuten hinter Wien in Richtung Ungarn. Wir parken zwischen zwei Fahrzeugen mit niederländischem Kennzeichen. Vor einem sitzt eine Familie im Gras und kocht sich auf arabische Weise Tee. Die Frau mit Kopftuch. Auch der andere Holländer hat eine Frau mit Kopftuch, und jetzt werde ich aufmerksam – tatsächlich, wir sind von Holländern umgeben, muslimischen Holländern. Noch ist Holland nicht verloren?

Ich gehe eine Vignette kaufen. Direkt neben der Tankstelle stehen zwei weitere Holländer. Deren Frauen sind komplett schwarz verhüllt, eine verrichtet gerade auf einem Teppich ihr Gebet. Mich berührt diese Szene sehr unangenehm. Sie schockiert mich! Ein Gebet ist ein sehr intimer Akt – ich will bei anderen nicht dabei sein. Vor allem aber entsetzt mich die Selbstverständlichkeit des Raumergreifens. Es gibt keine Scham, keine Zurückhaltung, keine Diskretion. Hätten dort zwei ihre sexuelle Notdurft verrichtet, es wäre nicht schlimmer gewesen.

Mitten in Österreich, einem christlichen Land, wird in der Öffentlichkeit, ohne Scham oder Diskretion, der muslimische Glaube zelebriert, ohne die geringste Anstalt, einen Rückzugsraum zu suchen.

Andererseits: Das ist gelebte Toleranz. Was würde – geht es mir durch den Kopf – passieren, wenn ein Christ oder Buddhist seine „religiöse Notdurft“ (Karl Marx) offen auf einer türkischen, syrischen oder ägyptischen Raststätte verrichten würde?

Wir gehen in den „Autogrill“, um unsere leibliche Notdurft zu verrichten und einen Kaffee nach europäischen Gepflogenheiten zu trinken. Bei der Rückkehr ein kurzer Schreck! Die Autotür sperrangelweit offen! Aber es fehlt nichts, wir müssen vergessen haben, sie zu schließen. Unsere holländischen Nachbarn sitzen noch immer im Gras und haben vielleicht aufgepasst.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Islam

Mehr von Jörg Seidel

Über Jörg Seidel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige