31. August 2018

Lektüreempfehlung Den Koran lesen

Aber nicht auf dem Klo

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: steve estvanik / Shutterstock.com Sollte man lesen: Koran

Thilo Sarrazin hat den Koran gelesen, versichert uns die Kritik, seine Schlüsse gezogen, ein Buch daraus gemacht – und wird dafür medial gesteinigt, gevierteilt, verlacht und böser Absichten bezichtigt. Eine Leseempfehlung!

Robinson Crusoe, so erzählt uns Daniel Defoe, überlebte 28 Jahre auf einer einsamen Insel, und dabei hat ihm – entgegen allen Popularisierungen – vor allem eines geholfen: die Bibel. Der Zufall (oder Gott?) wollte es, dass in einer der angeschwemmten Kisten auch das Buch lag, mit dem der junge Seemann zuvor noch keine Bekanntschaft geschlossen hatte. Im zweiten Jahr, während einer schweren Krankheit und seelischen Anfechtung, schlägt er es nach einem offenbarenden Traum auf, und es spricht zu ihm.

So, denke ich, muss man ein solches Buch lesen. Ohne Vorwissen, Vorgaben, Voreingenommenheit.

Mehr noch. Man muss es lesen wie der junge W. in Ulrich Plenzdorfs Geniestreich „Die neuen Leiden des jungen W.“. Im Dunkeln einer Gartenanlage sucht er das Plumpsklo, wollte „sich nur verflüssigen“, findet es in letzter Sekunde, als es ihm auch in die Därme fährt, und blind ertappt er ein Buch, reißt nach „der Gedenkminute“ die ersten Seiten heraus, um es später – zu lesen. Weder kannte er den Autor – Goethe – noch den Titel des Werkes – „Die Leiden des jungen Werther“ –, und gerade deswegen und nur unter dieser Vorgabe kann es zu ihm sprechen.

Stellen wir uns also Folgendes vor: Ein Mensch strandet auf einsamer Insel, ein gebildeter und durchaus lesegewohnter Mensch, europäisch sozialisiert, und das einzige Buch, das er dort vorfindet, ganz ohne Titelblatt, beginnt mit den Zeilen: „Die Kuh. A.L.M. Dies Buch, daran ist kein Zweifel, ist eine Leitung für die Gottesfürchtigen.“

Noch nie hatte dieser Mensch von Mohammed, Allah oder dem Islam gehört, doch in seiner existenziellen Angst, durch die beängstigende Einsamkeit und die unendlichen Weiten des Ozeans hervorgerufen, beginnt das Buch zu ihm zu sprechen, und er beginnt zu lesen. Er kennt keine Zusammenhänge, und er hat auch keine Erwartungen – außer jenen, die man an ein gutes Buch eben hat. Was wird er empfinden? Was wird er denken?

Trotz eisernen Willens wird er das Buch vermutlich bald entnervt in die Ecke schleudern. Lange Passagen erscheinen ihm sinnlos. Immer wieder schweift der Geist ab, weil es dem Text an Konzentration fehlt. Unzählige Wiederholungen der immergleichen Ideen und Phrasen verlangen einen langen Geduldsfaden, die simplizistische, strikt zweiwertige Ja-nein-Logik stößt ihn ab, Schattierungen, Übergänge, Differenzen scheinen dem Autor, der zudem von sich einmal behauptet, Gott zu sein, ein andermal, die Botschaft von Gott erhalten zu haben, ein weiteres Mal, selbst nicht zu wissen, was er da sagt, unbekannt zu sein. Das Buch strotzt vor Widersprüchen. Die Passagen wirken zusammengestückelt wie ein falsch gelegtes Puzzle, das man mit Gewalt passend gemacht hat. Der Verfasser versucht weniger, zu überzeugen, als Angst einzujagen. Zuckerbrot und Peitsche ist sein Hauptargument, Belohnung oder Strafe mit deutlichem Übergewicht auf Letzterem. Unmengen an Ver- und Geboten vergällen die Lektüre: Tu das, tu dies, vor allem: Tu das nicht und Tu jenes nicht! Alle Menschen werden in Gläubige und Ungläubige unterteilt, und wehe denen, die nicht glauben können. Ihnen drohen die schlimmsten Strafen: Tod auf der Erde und ewiges Höllenfeuer im Jenseits. Paradies und Hölle, vor allem aber Hölle in scheinbaren Endlosschleifen. Tod, Krieg, Krieg, Tod, Hölle, Tod. Erleichtert stellt er fest, keine Frau zu sein – ihr ist die Hölle schon deswegen nahezu sicher, im Hier und im Hiernach. Ein grausamer Gott, der nach jeder Grausamkeit in Gehirnwäschemanier von sich behauptet, barmherzig und vergebend und allwissend und allmächtig zu sein.

Nach und nach ermüdet der Leseeifer, und er muss sich über Wochen und unter äußersten Willensanstrengungen zwingen, das Buch zu Ende zu lesen, und sich auch eingestehen, dass er es nur noch überfliegt, auf der vergeblichen Suche nach etwas Neuem. So in etwa könnte das ablaufen.

Nun haben wir freilich gegenüber diesem naiven Leser den Vorteil, zu wissen, dass es sich um ein heiliges Buch, ja mehr noch, dass es sich um die letzte und letztmögliche göttliche Offenbarung handelt, deren deutsche Übersetzung nie adäquat sein kann, denn Gott sprach in wunderbarer Poesie und Musikalität Koranarabisch, mit dem sich das deutsche Gekrächze – Goethes, nicht Gottes Sprache – nicht messen kann. Wir streichen sanft über den ornamentalen Rücken und stellen das Buch ehrfürchtig ins Regal zurück, wir achten die religiösen Gefühle von anderthalb Milliarden Menschen. Wir wissen auch, dass es Menschen gibt, deren Herz sich nach der Lektüre des Buches unmittelbar Gott geöffnet hat, die zu devoten Muslimen wurden, und wir bewundern deren schnelle Auffassungsgabe, das Buch sofort erkannt zu haben.

Sehr viel Zeit habe ich mir genommen, musste ich mir nehmen, das Buch zu lesen, und ich empfehle es hiermit sehr gern weiter. Dringend!

PS: Ich empfehle allerdings nicht, es auf dem Klo zu lesen, besonders wenn Sie Freunde muslimischen Glaubens haben, denn nach Meinung vieler Muslime und der Fatwa Nummer 6.915 des Ständigen Komitees für Rechtsfragen ist es verboten bis verpönt, Kopien des Heiligen Koran oder irgendetwas mit dem Namen „Allah“ aufs Klo mitzunehmen.

Dort ist Goethe besser geeignet.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Literatur

Mehr von Jörg Seidel

Über Jörg Seidel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige