17. August 2018

ZDF-„Sommerinterview“ mit dem AfD-Vorsitzenden Gaulands Fiasko als Kasko

Von allen Frontleuten der Partei kommt er dem Ideal Osho am nächsten

von Jörg Seidel

Artikelbild
Bildquelle: Olaf Kosinsky / Wikipedia (CC BY-SA 3.0 DE)/Wikimedia Commons Der Buddha der AfD: Alexander Gauland

Wer wissen will, wie Politik eigentlich funktioniert oder doch funktionieren sollte, der muss bei Osho in die Schule gehen. Man studiere seine Bücher, man sehe sich die Audienzen an – Osho war der Prototyp des Ideals des Politikers. Ganz gleich, welche Frage man ihm vorlegte, die Antwortgabe spielte sich stets nach gleichem Muster ab. Zuerst ein kurzes Verharren, ein Schweigen, ein In-sich-gehen, dann ein tiefer Atemzug, ein Lächeln und erst dann sprudelte, nein floss die Antwort aus ihm in langsamen, bedächtigen, leisen Worten heraus. Und er konnte jede Frage beantworten; niemand dürfte je Ratlosigkeit bemerkt haben. Mehr noch, die Antworten waren stets treffend, überzeugend und von großer denkerischer Tiefe, und nur in den Sachbereichen, in den Konkreta, die unmittelbares Wissen erforderten – wie etwa das Phänomen Aids oder die Atomenergie – konnte er sachlich irren; wahr waren seine Aussagen trotzdem.

Sein Geheimnis war das eigentliche Mysterium der Politik. Aus einer tief verwurzelten Einsicht, die in jahrelangen Meditationen und unendlich vielen Lektüren gewonnen und durch permanente Infragestellung immer wieder neu errungen wurde, ergaben sich ganz folgerichtig und organisch alle anderen Gesichtspunkte. Hätte Osho einmal keine Antwort parat gehabt, dann wäre seine Prämisse widerlegt gewesen. Man nennt das Weisheit.

Weise sollte Politik idealerweise sein. Aus einem sicheren weltanschaulichen Fundament heraus, das durch langes und hartes Ringen gewonnen wurde und in sich stimmig, richtig sein muss – je nach Grundüberzeugung natürlich –, sollten sich Lösungen für alle Probleme, ganz konsequent und ohne Sophisterei, ergeben. Zeitgenössische Politik funktioniert nun genau umgekehrt. Nicht nur ist das weltanschauliche Fundament aller Altparteien vollkommen ausgehöhlt, man schöpft auch nicht mehr daraus. Stattdessen herrscht eine Begierde der Individuation – wie in der Gesamtgesellschaft –, eine Unterscheidungssucht, eine Profilierungsmanie. Man schaut nicht mehr in den eigenen Maschinenraum, sondern orientiert sich am anderen, am politischen Gegner, an den anderen Parteien. Egal, was diese aus dem Hut zaubern, es muss falsch sein. Nicht an sich, sondern weil es vom anderen, nicht von uns kommt. Und also muss man sich absetzen. Das geht so weit, dass man die eigene weltanschauliche Basis schlichtweg verraten kann. Die heutige Umkehrung und Vermischung der Werte – links wird rechts und rechts wird links und rinks wird lechts – ist der schlagende Beweis.

Dementsprechend verändert sich auch der Politikertypus, der zur Sprechpuppe verkommt. Zwar soll nach eigenem Gewissen und der Vernunft entsprechend gehandelt werden, tatsächlich aber werden nur diejenigen politisch Erfolg haben, die vor der Kamera zu jedem Thema in Sekundenschnelle etwas sagen können, etwas, das sich vom Gerede des politischen Opponenten scheinbar unterscheidet. Politiker sind Komplettkompetenzdarsteller und Adaptionsexperten geworden, Politik ein großes Theater, das sich nur noch mit sich selbst beschäftigt und längst schon nicht mehr die Probleme „da draußen“ wahrnimmt, aber Allwissenheit mimt. Ein Spiel mit dem Schein. Alexander Gauland ist der Buddha der AfD. Von allen Frontleuten der Partei kommt er dem Ideal Osho – wenn auch weit davon entfernt – am nächsten. Zumindest ist er am ehesten der Inbegriff der Alternative, die die Partei vorzugeben sich anschickt. Aber Alternative wozu?

Genau an dieser Frage scheiterte das ZDF-Sommerinterview mit Alexander Gauland. Dieser weigerte sich, das Kompetenzspiel, das der Interviewer einforderte, mitzuspielen. Thomas Walde vom ZDF bettelte förmlich darum, belogen zu werden. Gauland hätte nur ein paar Floskeln im Politsprech zu den Themen Digitalisierung, Rente und Klimawandel herunterleiern müssen und auf „kritische Nachfragen“ das Ganze noch mal, und die Journaille wäre es zufrieden gewesen. Kein Wunder, sie leben von diesem Geschäft und feuern es jeden Tag mit Zeitungen, dick wie Bücher, an.

Dass Gauland nichts sagte, lag wohl an zwei Tatsachen. Zum einen hat er wirklich keine Ahnung von Digitalisierung und die AfD noch immer kein Konzept zur Rente, und zum anderen konnte er es nicht über sich bringen, diese Lücken – die einerseits menschlich, andererseits parteihistorisch zwangsläufig sind – mit typischer Leerrede zu füllen. Letzteres wäre ein Positivum, das nicht hoch genug gelobt werden kann. Denn es könnte darauf hindeuten, dass zumindest Teile der Partei sich des tatsächlichen Alternativ-Seins noch bewusst sind: der Alternative zum Politikbetrieb. Manchmal ist es auch besser, keine Idee zu haben, denn nicht jede Idee enthält auch eine Lösung. Auf dieser Seite der Vernunft ist man sich bestimmt einig: Wohl mögen Grüne und Linke Ideen auf vielen Politikfeldern haben, doch führten diese, könnte man sie umsetzen, schnurstracks ins Desaster…

Wenn das Standard werden könnte im „gärigen Haufen“ – aus der Weltanschauung heraus zu handeln –, dann bestünde tatsächlich noch die Chance, dass wir dem Werden einer wirklichen Partei zusehen. Sie müsste dann gerade dabei sein, ihr weltanschauliches Fundament auf gutem Grund und von guten Arbeitern zu gießen, und wenn das irgendwann stünde, wetterfest, dann würde sich die Architektur des Hauses, die Konstellation der Räume bis hin zum letzten kleinen Detail, organisch selbst ergeben, dann wäre der Blick zu den Nachbarn – mögen deren Häuser noch so groß oder alt sein – überflüssig, mehr noch: Er wäre schädlich.

Dann bräuchte einer wie Gauland auf eine scheinheilige Frage nur kurz innehalten, einen Moment schweigen, Luft holen, könnte lächeln, und alles würde sich von selbst ergeben. Sollte er sich sachlich irren, wie in der Klimafrage, so bliebe das Nebensache – die Wahrheit wäre dann Methode. Und er wäre vielleicht sogar in der Lage, die vorbereiteten Fallen des Fragestellers, dessen perfide Art, noch während des Gesprächs zu durchschauen und sie dem Frager als Frage vor die Füße zu werfen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: AfD

Mehr von Jörg Seidel

Über Jörg Seidel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige