11. August 2018

Diskussion über Wiedereinführung der Wehrpflicht Verordnete Solidarität ist eine Bankrotterklärung

Zurück in die Mottenkiste der Geschichte!

von Felix Honekamp

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Bildquelle: shutterstock Erzwungene Solidarität: Wehrpflicht

„Und, hat‘s dir/uns geschadet?“ Das ist oder war die Standardfrage im Umgang mit der Bundeswehrzeit, die viele noch in reger Erinnerung haben. Plötzlich, jedenfalls für mich als Abiturienten, raus aus dem geschützten Raum einer Schule, rein in eine Welt, in der Dienstrang und nicht Kompetenz entscheidend ist. In eine Welt, in der erwachsene (naja, 18 plus…) Männer zusammengestaucht werden, wenn sie ihre Schuhe nicht sauber genug geputzt haben. Ich selbst hatte das zweifelhafte Vergnügen, ein Jahr „dienen“ zu müssen. Zivildienst war für mich keine Alternative, und meine libertären Hirnwindungen waren nicht ausreichend gebildet, um diese Zwangsverpflichtung in Summe in Zweifel zu ziehen.

Deppen mit Schulterklappen

Drei Monate Grundwehrdienst in Hamburg: Himmel, was waren das für Deppen als Unteroffiziere, bis hoch teilweise zu den Offizieren (okay, einschränkend: mit denen ich damals zu tun hatte)! Dann sechs Monate (Winter!) auf Sylt (Strand bewachen, zu der Zeit wurde dort am „Ellenbogen“ noch von Tornados und anderen Kampfflugzeugen auf Bodenziele geschossen), mit Vorgesetzten, die wenigstens eine Vorstellung davon hatten, dass die jungen Soldaten keine besonderen Ambitionen beim Bund verfolgten. Zuletzt noch drei Monate Husum, aus der Erinnerung mehr oder weniger abgesessen, gepflegte Langeweile.

Und, hat‘s dir geschadet? Schwer zu sagen: Ich habe dort junge Männer kennengelernt, die sich freitagnachmittags auf dem Bahnhof erst mal die Schnapsflasche an den Hals gesetzt haben. Frusttrinken… ich bin ziemlich sicher, dass es denen geschadet hat. Was mich angeht, ich habe immerhin gelernt, dass man Fenster wunderbar mit Zeitungspapier putzen kann, durfte einen Tornado aus gefühlt 20 Metern Luftlinie an mir vorbeidonnern sehen (eindrucksvoll, mindestens) und wusste ansonsten für eine Zeitlang, dass man am Sonntag besser keinen Intercity mit einer mit „9“ beginnenden Nummer nimmt (waren für Soldaten frei, und so sahen sie dann auch aus). Und es hat in mir die innere Einstellung geprägt, mich über Menschen, die sich über „Schulterklappen“ definieren, eigentlich nur lustig zu machen.

Wehrdienst: Keine völlig abwegige Idee

Das sind nicht gerade viele Erkenntnisse aus einem Jahr Zwangsdienst, vor allem, wenn ich mir überlege, was ich mit dieser Zeit alles Besseres hätte anstellen können: Ein Jahr früher in die Ausbildung, vielleicht ein Jahr die Welt erkunden… alles, so meine ich heute, besser, als auf das Gebrüll eines Unteroffiziers hören zu müssen, der – sagen wir mal – nicht die hellste Birne unter der Decke war (eine meiner ersten Barras-Erinnerungen stammt aus einer Einweisung kurz vor der Kaserne, beginnend mit den Worten: „Wenn wir getz im Haus gehen…“).

Die Idee des Wehrdienstes war es dabei, so jedenfalls die damalige Lesart, dass die Bundeswehr nicht zu einer Berufsarmee werden möge ohne Austausch mit der Gesellschaft, ein Staat im Staate. Ideal war der Staatsbürger in Uniform, der in der Lage ist, eine Waffe zu führen, der aber auch gesellschaftlich eingebunden ist. Machen wir uns nichts vor, vor dem Hintergrund deutscher Geschichte keine grundsätzlich abwegige Idee. Dazu gehört aber dann eben mehr, als eine normale Armee aufzubauen und diejenigen, die man lieber nicht im richtigen Dienst an der Waffe sehen möchte (noch ein Zitat? Okay: „Mein Name ist Asmus, wie ‚Orgasmus‘ ohne ‚Org‘“), auf 18-Jährige loszulassen, um sie zu schleifen. Wie so oft eine an sich vielleicht nicht völlig abwegige Idee grottig umgesetzt.

Verordnete Solidarität

Und jetzt also die Diskussion einer Wiederauflage. „Dienstjahr“ soll es jetzt heißen, Frauen und Männer soll es – ganz gleichberechtigt – treffen. Der Dienst an der Waffe wäre nur eine Variante, die andere wäre das, was man früher eben „Zivildienst“ genannt hat. Diesmal also keine Zwangsarmee mit Ausnahmen bei nachgewiesener Gewissensbeeinträchtigung. Aber es bleibt ein Zwang… und wie damals kommt man mit denkbar schlechten Argumenten. Den gesellschaftlichen Zusammenhalt soll es festigen, Verantwortungsbewusstsein schärfen. Und darum setzt man ein Zwangsjahr ein?

Solidarität lässt sich nicht verordnen, Zwang schadet einem zarten Pflänzchen solchen Gefühls eher. Im Grunde ist es wie mit Steuern und Zwangsabgaben: Wer ein solches Jahr hinter sich gebracht hat, wird zukünftig zu Recht darauf hinweisen können, seinen Beitrag bereits geliefert zu haben. Nichts ist es dann mit der Solidarität und dem Gemeinschaftsgefühl.

Es fehlt an allem

Diesen inneren Mangel kann man nun durchaus durch gestalterische Elemente lindern. Beispielsweise dadurch, dass die Möglichkeiten des Einsatzes sich auch individuell bestimmen lassen. Dann müssten es nicht nur ein Armee- und ein Sozialdienst sein, auch ein Einsatz in anderen Bereichen wäre denkbar. Gerade aber wenn man das Ziel verfolgt, dass es soziale Bereiche und eben die Bundeswehr sein sollen, dann sind dafür auch entsprechende Vorkehrungen zu treffen.

Die Infrastruktur für einen Wehrdienst ist beispielsweise mehr oder weniger abgebaut. Material reicht derzeit nicht mal für die verbliebenen Berufssoldaten. Hier wären unweigerlich erhebliche Investitionen zu tätigen, die der „Wehrhaftigkeit“ nur sehr indirekt zugutekämen: Mit einer Kaserne für Zeitdienstsoldaten verteidigt man eben kein Land, die Ausbilder, wenn es sie denn in ausreichender Qualifikation gäbe, fehlten an anderer Stelle. Offenbar haben sich die Ideenträger darüber aber noch keine Gedanken gemacht.

Raub der Freiheit

Man könnte sich also eine Menge vorstellen, was sinnvoll zu tun wäre, man müsste dafür eine Menge Hirnschmalz reinstecken, damit das Dienstjahr kein für die Menschen verlorenes darstellt, und es würde immense Kosten verursachen. Die Kernfrage ist damit aber am Ende noch nicht beantwortet: Sollte der Staat das Recht haben, einem jungen Menschen ein Jahr seines Lebens zu nehmen, damit der dann das tut, was er normalerweise nicht täte? Und vor dem Hintergrund der Zielsetzung: Ist ein Freiheitsraub tatsächlich das Mittel, um den Zusammenhalt in der Gesellschaft und Verantwortungsbewusstsein zu fördern?

Ich gebe zu, ich habe die Abschaffung der Wehrpflicht damals durchaus auch kritisch gesehen, vor allem vor dem Hintergrund, dass diese wenig durchdacht war. Die Konsequenzen einer abgewirtschafteten Armee sind überall zu besichtigen. Das ändert aber nichts an meiner Grundeinstellung: Der Staat darf keinen solchen Zugriff auf das Leben der Menschen nehmen, auch dann nicht, wenn es gut gemeint sein sollte. Die „Verpflichtung zur Solidarität“ ist nichts weiter als ein Symptom einer ideenlosen Politik, die den eigenen Bürgern nichts mehr zutraut und hart daran arbeitet, dass sich die eigene Prophezeiung der mangelnden Solidarität auch erfüllt. Dass das auf dem Rücken junger Menschen passieren soll, ist dann fast nur noch eine Facette.

Sowohl die Bundeswehr als auch soziale Berufe macht man jedenfalls nie und nimmer durch ein Zwangsjahr interessanter. Und gesellschaftliche Solidarität schon gleich dreimal nicht. Darum: Zurück mit der Idee in die Mottenkiste der Geschichte!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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