26. Juni 2018

Artikel gegen die DDR-Aufarbeitungsszene in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ Die Lügen des Frank Pergande

„Einseitig, überzogen und missgelaunt“

von Vera Lengsfeld

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Untergegangen, aber nachwirkend: DDR

Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber mein Eindruck in den letzten Wochen war, dass immer wenn ein weiteres Gewaltverbrechen durch illegale Migranten gegen junge Frauen medial „eingeordnet“ wurde, diese oft unsäglich verharmlosenden Texte von Frauen geschrieben wurden. Wie gesagt, es mag Einbildung sein. Keine Einbildung ist, dass einer der schlimmsten Texte gegen die DDR-Aufarbeitungsszene mit Frank Pergande von einem Ostdeutschen in der „FAZ“ verantwortet wird. Vielleicht will sich am Ende doch kein Westler die Finger daran schmutzig machen, diese Art Drecksarbeit zu erledigen.

Der Text ist durch und durch perfide, den er setzt schon mit der Überschrift „Besondere Tragik“ die Tonlage – die Bürgerrechtler als Leute, die immer zwanghaft gegen etwas sein müssen, als eine Art besonders tragische Folge der Repression in der DDR.

Ein ganz schlimmer Text, da er die nach körperlicher Gewalt gegen Personen und Familie schärfste Waffe des Stalinismus nutzt: die Pathologisierung des politischen Gegners. Zum Glück leben wir aber nicht mehr in einem stalinistischen System, und deshalb funktioniert diese Art von Stigmatisierung auch nur durch Lügen. Für eine rein faktenbasierte Konversation darüber, warum man Kritik an zum Beispiel der momentanen Asyl- und Sicherheitspolitik als nur durch Neurosen erklärbare Verirrung empfinden kann, fühlt sich Frank Pergande (wohl zu Recht) nicht gut gerüstet.

Ich werde mich deshalb hier vor allem mit diesen Lügen auseinandersetzen. Und von denen gibt es mehrere. Und alle drehen sich um das Reizthema der etablierten Medien, die AfD.

Lüge Nummer eins: Das zeitweilige Aussetzen der Zusammenarbeit zwischen der Gedenkstätte Hohenschönhausen und dem ehemaligen politischen Gefangenen Siegmar Faust habe mit dessen „Nähe zur AfD“ zu tun. Womit belegt Frank Pergande dies? Mit Fakten jedenfalls nicht. In der entsprechenden Stellungnahme der Gedenkstätte kommt das Thema AfD erkennbar nicht vor (siehe Link unten).

Lüge Nummer zwei: Das zeitweilige Aussetzen der Zusammenarbeit zwischen der Gedenkstätte Hohenschönhausen und dem Förderverein habe mit „Nähe zur AfD“ zu tun. Auch hier hilft ein Blick auf die Fakten – zugegeben, die Lage ist vielleicht nicht schwarz und weiß, aber es ist nicht so, dass die Gedenkstätte wegen einer zu großen Parteinähe temporär die Zusammenarbeit aufgekündigt hätte (siehe Link unten).

Sicherlich kann und sollte man über Leitlinien der Erinnerungsarbeit und unbedingtes Beachten dieser Art Linien reden, aber Frank Pergande hat keinen Artikel über die Schwierigkeiten von ehemaligen Häftlingen im Umgang mit der freien Presse und den Leitlinien von parteiunabhängiger Öffentlichkeitsarbeit oder den Versuchungen und Fallstricken öffentlicher Exponierung geschrieben, sondern es ging ihm um eine politische Stigmatisierung.

Lüge Nummer 3 – die dreisteste und weitestgehende, die Frank Pergande aber offenbar dringend brauchte, um den gewünschten Spin zu erzeugen: „Vera Lengsfeld ist wohl das prominenteste Beispiel: Über die Grünen und CDU kam sie zur AfD.“ Eine wirklich dreiste Lüge, insbesondere für einen Journalisten, der den Rechercheapparat der „FAZ“ zur Verfügung hat. Ich bin seit meinem politisch wohlbegründeten Wechsel von Bündnis 90/Die Grünen 1996 Mitglied der CDU (mal schnell nachgerechnet: über 20 Jahre). Seit 13 Jahren mit der Kanzlerin und Bundesvorsitzenden Angela Merkel an der Spitze. Bis zum heutigen Tage. Die „Gemeinsame Erklärung“ ist eine parteiunabhängige Initiative. Die entsprechende Gegendarstellung ging an die „FAZ“.

Aber wie schreibt Frank Pergande richtig: Wir haben heute Meinungsfreiheit. Aber Fakten bleiben Fakten, egal wo Frank Pergande sein Geld verdient und welche Meinungen er meint vertreten zu müssen. Deshalb in aller Deutlichkeit: Jemand, der lügt, ist ein Lügner. Und einen Opportunisten und Karrieristen darf man heute sicherlich offener und gefahrfreier als Opportunisten und Karrieristen bezeichnen.

Frank Pergande hat sein Handwerk an der DDR-Journalistenschmiede in Leipzig gelernt und dann bis zum Mauerfall ausgeübt – ich werde seine alten Texte nicht daraufhin überprüfen, ob er schon damals lieber auf der „richtigen“ Seite der Macht stand, ich habe nie den Stab über Menschen gebrochen, die in diesem diktatorischen System aufgewachsen sind.

Aber heute ist die Situation anders, und deshalb muss Frank Pergande meine massive Verstimmung aushalten, denn dieser Vorwurf ist perfide: „einseitig, überzogen und vor allem missgelaunt“ (Frank Pergande), und dies noch garniert mit einem Biermann- und einem Rathenow-Zitat. Darauf antworte ich mit Biermann: „Mein Lieber, das kommt von der Arbeitsteilung: Der eine schweigt, und der andere schreit/ Wenn solche wie du entschieden zu kurz gehen/ Dann gehn eben andre, dann gehn eben andre, dann gehn eben andere ein bisschen zu weit!“ (Aus: „Ballade für einen wirklich tief besorgten Freund“ – Vorsicht (!): Könnte man als einseitig, überzogen und vor allem missgelaunt interpretieren.)

Vielleicht hat Frank Pergande gedacht, dass er seinen Text für seine Karriere so schreiben muss, wie er es getan hat – er hätte sich besser anders entschieden. Es hätte ihn sicher nicht den Job gekostet: Vielleicht wäre dies einem Westler doch nicht passiert.

Nachtrag: Wie die „Achse des Guten“ berichtet, hat Frank Pergande sein Handwerk in Leipzig gelernt und dann bis zum Mauerfall ausgeübt. Das „Rote Kloster“ – die Sektion Journalistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig – war die Kaderschmiede der DDR-Journalisten. Pergande (Jahrgang 1958) schrieb dort laut „Archiv Bürgerbewegung Leipzig“ 1982 eine bemerkenswerte Diplomarbeit zum Thema: „Zur Geschichte der ‚Frankfurter Allgemeinen Zeitung‘ – ein Beitrag zur Erforschung der Funktion des imperialistischen Journalismus in der BRD“. Darin analysierte Pergande unter anderem auch die „Rolle der ‚FAZ‘ im staatsmonopolistischen Apparat der Manipulation in der BRD“. Seit Ende der 1990er Jahre arbeitet Pergande für die „FAZ“.

Jetzt kann er seine Diplomarbeit fortschreiben.

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen: „Stellungnahme zum Artikel ‚Immer gegen den Strom‘“

Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen: „Gedenkstätte setzt Zusammenarbeit mit Förderverein aus“

Wolf Biermann: „Ballade für einen wirklich tief besorgten Freund“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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