01. Juni 2018

Ein Märchen Auf der Lichtung

Der Baum, der sich selbst das Wasser abgrub

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Grub sich selbst das Wasser ab: Alter Baum

Zwei Wanderer, ein alter Mann und ein junger, traten aus dem Wald heraus in eine ausladende Lichtung. In ihrer Mitte stand ein Baum enormen Ausmaßes, mit weit hängenden Ästen – verdorrt. Tot war der Baum. Eulen nisteten in seinen Löchern, die arbeitsame Spechte einst geschlagen.

„Was für ein mächtiger Baum“, sprach der Junge. „Noch nie habe ich solch einen Riesen gesehen. Was gäbe ich doch darum, unter seinem Blätterdach zu ruhen.“

„Viele Generationen haben hier gesessen, geruht, getanzt“, antwortete der Alte. „Das war der prächtigste Riese der ganzen Welt – und auch einer seiner traurigsten“, fügte er nachdenklich hinzu. Die beiden schwiegen eine Weile, dann fragte der Jüngling: „Was war geschehen?“

„Willst du die Geschichte hören? Sie ist schnell erzählt, aber schwer zu ertragen. So lass uns am Stamm nach einem schattigen Flecken suchen. Das Wandern ermüdet die alten Knochen, eine Rast wird auch dir guttun. Und wenn er doch keine Blätter mehr trägt, so gibt es noch immer keinen besseren Platz, Kraft zu schöpfen.“

Der alte und der junge Mann lehnten sich an den gigantischen Stamm, schauten versonnen in das hohe Geäst und sagten eine Weile nichts, bis der Greis das Schweigen brach. Seine gegerbte Haut sah aus wie Borke.

„Niemand weiß genau, wie alt der Baum ist. Auch er war einmal ein junger Sprössling, einer von vielen, der sich ans Licht kämpfen musste. Was er an Leben und Sterben gesehen haben muss, übersteigt unser Vermögen. Als er heranwuchs, gab es wohl andere große Stämme in seiner Umgebung, von denen fehlt heute jede Spur. Die alten Chroniken schon kannten diesen Giganten. Damals pilgerten die Menschen hierher, obgleich noch niemand ahnen konnte, welch riesige Gestalt er später haben sollte. Etwas ging von diesem Baum aus, ein Geheimnis, eine Macht. Wer Äste von ihm brach, so wurde berichtet, den verfolgte das Unglück. Einem Liebespaar, das ihm ein Herz in die Rinde ritzte, das lange blutete, wurden drei unselige Kinder geboren mit einer Rindenhaut. Ein Pfarrer, den mein Urgroßvater noch kannte, versuchte sich sieben Mal an einem dicken Ast zu erhängen, und jedes Mal brach der Ast wie ein dürrer Zweig. Danach brachte man den armen Mann ins Irrenhaus, wo er noch viele Jahre glücklich lebte – er lachte von früh bis spät. Wenn der Wolf die Rehe hetzte, so suchten sie hier Zuflucht und fanden sie. Das Rudel wagte nicht, in seinen Bannkreis zu treten, und wartete, bis das Wild vor Hunger daraus hervorträte. Doch der Baum schüttelte seine Früchte ab, die Tiere zu laben, bis die Wölfe, selbst vor Hunger entkräftet, sich unter ohnmächtigem Geheul davonschlichen. Einmal, so wird berichtet, fand ein übel zugerichteter fliehender Knecht in seinem Geäst Zuflucht vor der Wut seines Herrn und dessen Häschern. 20 Jahre soll er darin gelebt haben ohne je wieder den Boden zu betreten. Die Vögel schenkten ihm von ihren Eiern, die Eichhörnchen sammelten Nüsse, der Aar fing ihm Hasen, die er an trockenen Ästen briet. Bald verschlissen seine Kleider, glich er sich dem Baume immer stärker an, wurde klein, runzelig und braun, vergaß seine Sprache, und irgendwann war er vom Holz und Laub nicht mehr zu unterscheiden. Wer seine Axt an diesen Stamm zu setzen wagte, dem löste sich das Blatt vom Stiel und zerschlug ihm die Stirn. Drei der kräftigsten Waldarbeiter verloren so ihr Leben. – Ja, viele Geschichten kennt der Baum. Tausend Jahre war er wohl alt, als ihn das Unglück traf…“

„Tausend Jahre?“, staunte der Junge. „Tausend Jahre?“

„Man sagt, ein solcher Baum könne zehn Mal so alt werden. Drüben in Amerika soll es solche geben. Dieser Riese hier starb in seiner Jugend! Und wer weiß, wohin er es hätte bringen können.“

„Aber weshalb? Weshalb denn?“, rief der Knabe. „Ein Baum mit solcher Macht und Pracht und Fülle? Wer hat ihn zu Fall gebracht?“, wollte er wissen.

Der Alte lachte boshaft auf und verstummte eine Weile. – „Niemand! Er selbst hat sich zu Fall gebracht“, sprach er dann mit beißendem Ton. „Willst du es wissen? Dann höre gut zu. Dieser Baum kann auch im Tode noch etwas lehren.“

Der Junge nickte begeistert und sah den Großvater mit weit offenen Augen an.

„Mensch und Tier pilgerten zu dieser Stätte. Große Versammlungen wurden unter dem Blätterdach abgehalten, üppige Feste gefeiert. Sogar eine kleine Kapelle baute man, und Jahr für Jahr zog die große Prozession an diesen Platz. Man bewunderte ihn, man betete ihn an. Die alten Hexen konnten mit ihm sprechen. Sie wussten, welch großen Gefallen er an der Huldigung fand. So wuchs er noch kräftiger, entfaltete ein noch prächtigeres Blätterwerk, um Mensch und Tier zu gefallen. Und die lohnten es ihm mit immer größerer Aufmerksamkeit und Bewunderung, wie einem Gott. Bald überragte sein Dach den ganzen Wald. Was darunter an Bäumen und Büschen stand, musste weichen, verblühte, ging ein. So entstand diese große Lichtung. Und noch majestätischer wollte er werden, vor Sonne und Regen und Sturm wollte er die Menschen bewahren. Auch eine kleine Siedlung entstand zu seinen Füßen. Es war der sicherste Platz der Welt; im Sommer vor der brütenden Hitze, im Winter vor Eis und Schnee geschützt, die starken Regen des Herbstes drangen nicht mehr durch. Selbst Räuber und Mörder bekamen hier ein weiches Herz und teilten ihre geraubten Schätze mit den Mitmenschen. Aber die Leute wollten mehr, beteten und flehten um ein noch dichteres Dach, und der Baum wusste zu gefallen. Und das war sein Verderben.“

Der Alte hielt inne, seufzte und schaute traurig vor sich hin. Erstaunt blickte ihn der Junge an. „Und?“, fragte er.

„Die Geschichte ist zu Ende. Verstehst du noch immer nicht?“ Der Jüngling schüttelte mit dem Kopf.

„Das eigene Wasser hat er sich abgegraben. So dicht war sein Blattwerk, dass kein einziger Tropfen mehr den Boden erreichte. An dessen Rändern bildeten sich Bäche und Flüsse, wenn es regnete, über die man Brücken bauen musste, wollte man sie überqueren. An die eigenen Wurzeln aber drang kein Nass mehr – so ist er verdorrt. Die eigene Krone schirmte die Wurzeln ab. Und als die ersten welken Blätter fielen – das alles währte viele Jahrzehnte – und endlich wieder zaghaft Regentropfen auf den steinharten und ausgetrockneten Boden fielen, da fanden sie keinen Weg ins Erdreich, da war es schon zu spät. – Nur ein einziges grünes Blatt hat er sich bewahrt. Da drüben kannst du es sehen. Nur ein kümmerlicher Rest erbärmlichen Lebens. Und glaube einem alten Mann: Dies ist ihm eine Qual! Denn in diesem Blatt lebt alle Erinnerung.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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