20. März 2018

Vortrag von Martin van Creveld in Wien Wir Weicheier

Warum wir uns nicht mehr wehren können

von Andreas Tögel

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Bildquelle: shutterstock Nicht mehr verteidigungsfähig: Moderne Armee

Auf Einladung des Grazer Ares-Verlages und mit Unterstützung der Wiener FPÖ hielt der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld einen Vortrag zu der in alarmierender Weise schwindenden Wehrkraft der westlichen Länder, die er in seinem Buch „Wir Weicheier“ thematisiert.

Van Creveld fragt sich: „Wie kann es sein, dass Nationen, die bis zum Zweiten Weltkrieg für Hunderte von Jahren nahezu die gesamte Welt beherrschten (nur Thailand und Äthiopien blieben von der westlichen Kolonisierung verschont), nicht mehr imstande sind, siegreich Kriege zu führen?“ Vom Verlust asiatischer und afrikanischer Kolonien über eine desaströse Intervention in Suez und den Vietnamkrieg bis hin zu den fatale Konsequenzen zeitigenden Militärabenteuern im Nahen Osten und in Nordafrika, konnten die Westmächte entweder ihre militärischen Ziele nicht wie geplant erreichen oder erlitten sogar peinliche Niederlagen.

Van Creveld nennt eine Reihe von Gründen. In der Infantilisierung der westlichen Gesellschaften und der weitverbreiteten Neigung, die Jugend am Erwachsenwerden zu hindern, sieht er einen Hauptgrund für militärisches Versagen. Wer „überbehütet“ aufwächst, lernt niemals, selbständig Verantwortung zu übernehmen oder möglicherweise riskante Entscheidungen zu treffen. Die Entscheidung zum Kampf aber ist hochriskant. Sie fällt westlich sozialisierten Menschen (Männern) folgerichtig immer schwerer. Van Creveld schildert anhand des Beispiels von Einwanderern, die aus Äthiopien nach Israel gekommen sind, den gewaltigen Unterschied: Während einheimische Israelis dazu neigen, ihre Kinder bis ins Erwachsenenalter von früh bis spät zu umsorgen, wachsen Kinder von aus Äthiopien stammenden Eltern vergleichsweise frei und unbehütet auf. Fünfjährige Mädchen sind es gewohnt, ohne den Beistand Erwachsener auf ihre zweijährigen Brüder aufzupassen. Entsprechend selbständig und unerschrocken verhalten sich diese Kinder. Van Crevelds drastisches Urteil: „Jedes dieser Kinder wäre imstande, meine Enkel aufzufressen.“

Das Argument, dass es den „unbehüteten Kindern“ dafür im Gegenzug an Bildung fehlt, zählt im Hinblick auf die Wehrkraft nicht: „Im Krieg kommt es nicht auf intellektuelle Qualitäten, sondern darauf an, dem Feind die Kehle durchschneiden zu können.“ Die Bereitschaft und Fähigkeit dazu sind in den westlichen Ländern verlorengegangen.

Auch die Feminisierung der Streitkräfte sieht van Creveld kritisch. „Wo Kugeln fliegen, sollen keine Frauen dienen. Wo Frauen Dienst tun, sollen keine Kugeln fliegen.“ Es ist müßig, über die körperlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen zu debattieren. Im Krieg – insbesondere in asymmetrischen Konfrontationen unserer Zeit – kommt es auf Körperkraft und Ausdauer an – und dabei sind Männer den Frauen einfach überlegen. Wer Frauen in Kampfeinheiten integriert, verringert somit – aus rein ideologischen Gründen – mutwillig deren Kampfkraft.

Die im Westen grassierende systematische Zerstörung des Ansehens des „Kriegshandwerks“ ist ebenfalls fatal. „Ein Musiker, der seinen Beruf nicht liebt, kann keine schöne Musik machen. Er muss und wird stolz auf seine Arbeit sein.“ Soldaten aber wird pausenlos eingebleut, sich für ihren Beruf genieren zu müssen. Der Ausgang in Uniform wird (außer in Israel) vielfach verboten, um die Soldaten keiner Gefahr auszusetzen. Es liegt aber geradezu im Wesen des Soldatentums, Gefahren ausgesetzt zu sein. Wie kann man also erwarten, dass jeden Selbstvertrauens und jedenBerufsstolzes beraubte Soldaten im Ernstfall das äußerste Menschenmögliche – am Ende sogar ihr Leben – geben werden?

Anno 216 vor Christus, in der Schlacht bei Cannae, gingen an einem einzigen Tag 80.000 römische Legionäre verloren. Am ersten Tag der Schlacht an der Somme im Sommer 1916 verloren die Briten 20.000 Mann und erlitten damit die schwerste Niederlage in ihrer Geschichte. Von psychischen Spätfolgen dieser Debakel wurde in beiden Fällen nichts bekannt. Die militärischen Auseinandersetzungen seit dem Zweiten Weltkrieg sind dagegen vergleichsweise „leicht“ und verlustarm. Gerade einmal 55.000 Amerikaner starben im zehn Jahre währenden Vietnamkrieg den „Heldentod“. Seither fallen dem Phänomen „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTBS) mehr amerikanische Soldaten zum Opfer als Begegnungen mit dem Feind.

Wer heute aus einem militärischen Auslandseinsatz heimkehrt und nicht an PTBS leidet, macht sich beinahe schon verdächtig. Denn möglicherweise liebt er es am Ende ja, seinem Land zu dienen, indem er dessen Feinde tötet. Das aber kann und darf nicht sein. Ein stattliches Heer von Psychiatern und Psychologen weiß PTBS folgerichtig als Goldmine zu nutzen. Ergänzt wird der Psychokrieg gegen die eigenen Soldaten durch den planmäßigen Einsatz des gesamten Arsenals, das die neue Religion der politischen Korrektheit und des Feminismus zu bieten hat: Ein Drittel aller erzwungenen Rücktritte im US-Offizierskorps erfolgt inzwischen aufgrund (behaupteter) „sexueller Belästigungen“.

Die zunehmende Bedeutungsverlagerung von Pflichten zu Rechten (in England war dieser „Platztausch“ bereits in den 1930er Jahren zu beobachten) bringt für die Armeen ein erhebliches Problem mit sich. Denn ohne ein klares Bekenntnis zur Pflichterfüllung kann kein Militär bestehen. Mittlerweile übertrifft die Bedeutung des Begriffs des „Rechts“ jenen der „Pflicht“ in Großbritannien bereits um das Dreifache. In Italien gar um das Achtfache. In den übrigen westlichen Ländern liegen die Dinge nicht viel anders, was sich in einer entsprechend geringen Wehrbereitschaft ausdrückt.

Wenn, wie das in der US-Armee der Fall ist, freiwillig dienenden Soldaten zudem zugestanden wird, im Falle einer militärischen Verwicklung ihres Landes ihren Einsatz zu verweigern, läuft definitiv etwas schief. Regeln, die erlauben, dass Leute, die auf der Suche nach einer sicheren Anstellung beim Militär anheuern, wenn‘s ernst wird, plötzlich aber den Pazifisten in sich entdecken und sich vorm Dienst drücken, sind untragbar.

Der von van Creveld elaboriert geschilderte, ungesunde Cocktail hat es dahin gebracht, dass den westlichen Armeen inzwischen nicht nur die Fähigkeit, sondern auch der Wille zu siegen abhandengekommen ist. Kaum einer der europäischen NATO-Mitgliedsstaaten wendet den erforderlichen Mindestbeitrag von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Landesverteidigung auf. So sind die USA mittlerweile genötigt, rund drei Viertel der finanziellen Lasten des nordatlantischen Militärbündnisses zu schultern. Wie aber will man mit von Kindesbeinen an verweiblichten Figuren, denen zudem auch noch die notwendigen finanziellen Mittel – und damit auch die erforderliche Ausrüstung – verweigert werden (die einst stolze deutsche Bundeswehr ist meilenweit von einer Einsatzfähigkeit entfernt), erfolgreich gegen wild entschlossene und hochmotivierte Feinde – wo oder woher auch immer sie sein mögen – bestehen?

Van Crevelds Ausführungen lassen das Auditorium einigermaßen ratlos zurück: Hat der Westen – wenigstens die Alte Welt – sich mit dem bevorstehenden Untergang abgefunden? Werden ungebildete, ja primitive afroasiatische Horden dem einst die Welt beherrschenden Kontinent schon bald ihren Willen aufzwingen?

Martin van Creveld: „Wir Weicheier“ (amazon.de)


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