16. Februar 2018

Die katholische Kirche und der Sozialismus Die Problematik des politisierenden Klerus

Linksdrift des Vatikans unter Franziskus

von Andreas Tögel

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Bildquelle: Dmitry Agafontsev / Shutterstock.com Immer röter: Vatikan

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Johannes 18,36)

„So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Matthäus 22,21)

Trotz ihres unmissverständlichen Auftrags zur Trennung von Thron und Altar war und ist die christliche Kirche seit ihren Anfängen nicht unpolitisch. Allerdings hatten ihre politischen Ambitionen in fernerer Vergangenheit stets – das gilt selbst für den Aufruf zum Kreuzzug durch Papst Urban II. anno 1095 – eine starke religiöse Komponente. Es ging damals zuallererst ums Seelenheil der Gläubigen.

Die orthodoxen Ostkirchen und die protestantischen Glaubensgemeinschaften waren und sind gegenüber weltlichen Machthabern stets anschmiegsamer als die römische Kirche. Dieser Beitrag beschäftigt sich nur mit der Entwicklung der Letztgenannten.

Seit der ersten, 1891 durch Papst Leo XIII. verfassten „Sozialenzyklika“ „Rerum Novarum“ nimmt die Kirche immer stärker werdenden Bezug auf aktuelle politische Entwicklungen. Mit den Enzykliken „Quadragesimo anno“ im Jahr 1931 (Papst Pius XI.) und „Populorum progressio“ 1967 (Papst Paul VI.) intensivieren sich ihre weltlichen Forderungen in sozial- und wirtschaftspolitischen Fragen. Papst Franziskus‘ 2013 verfasstes Apostolisches Lehrschreiben „Evangelii gaudium“ schließlich liest sich über weite Strecken wie ein marxistisches Klassenkampfpamphlet.

Die Tendenz ist unübersehbar: „Rerum Novarum“ geht auf die damals aktuelle Herausforderung durch den Sozialismus ein und beschwört in einer vorsichtig abwägenden Weise einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Planwirtschaft. Durch das gesamte Papier zieht sich die Sorge vor einem Abgleiten der Arbeiterschaft in Materialismus und Atheismus. „Quadragesimo anno“ ist eine Hommage an den Verfasser von „Rerum Novarum“ und aus der zeitgeschichtlichen Perspektive zu beurteilen: In Italien sind die Faschisten seit 1922 an der Macht, in Deutschland erstarkt der Nationalsozialismus. Befürwortet wird die Selbstorganisation der Arbeiterschaft, um der Macht des Kapitals wirksam begegnen zu können. Die Herstellung „sozialer Gerechtigkeit“ wird zum Staatsziel erklärt. Doch immer noch geht es um eine „Erneuerung der Wirtschaft im christlichen Geiste“. Papst Paul VI. geht in „Populorum progressio“ einen großen Schritt weiter und schwadroniert über die „soziale Gerechtigkeit zwischen den Nationen“. Ganz Konstruktivist, will er diese mittels einer Weltregierung (von der UNO Gnaden?) herbeiführen. Er kritisiert freie Vertragsvereinbarungen, redet der Enteignung von Großgrundbesitzern das Wort und möchte „gierige“ Kapitalisten daran hindern, die Früchte ihrer Investitionen nach eigenem Gutdünken von A nach B zu transferieren. Immerhin lassen Leo XIII., Pius XI. und Paul VI. keinerlei Zweifel an der Unvereinbarkeit einer rein materialistischen, atheistischen Philosophie mit dem christlichen Glauben aufkommen.

Das ändert sich mit Franziskus‘ Lehrschreiben „Evangelii gaudium“ 2013 dramatisch. Er geht in seiner befreiungstheologisch inspirierten Kapitalismuskritik noch über Karl Marx hinaus, der immerhin die Effizienz der Marktwirtschaft nie bestritten hat. Franziskus spricht wörtlich von einer „Wirtschaft, die tötet“, übersieht dabei völlig die Funktion des marktwirtschaftlichen Systems als Wohlstandsgenerator, träumt von einem „neuen Menschen“ und fordert die staatliche Planung und Lenkung der Ökonomie.

Die zunehmende Linksdrift des Vatikans und des nachgeordneten Klerus kommt zur Unzeit. Denn eben schwingt das Pendel der Politik nach dem nahezu totalen Triumph der Achtundsechziger-Bewegung und deren Nachfolger zurück. Der politische Trend ist kein Genosse mehr. Die von einer rotgrünen Medienkamarilla begeistert aufgegriffene Kapitalismusschelte aus dem Vatikan kommt daher gerade recht, um die längst fällige Korrektur zu bremsen. Viele Kleriker treten kaum noch mit Wortmeldungen zu spirituellen Fragen in Erscheinung, sondern mehr und mehr als allzu weltliche Helfershelfer linker Parteien und NGOs.

Weshalb diese Politisierung des Klerus in diesen Tagen? Zwei mögliche Antworten: Erstens: Der Frustration über zunehmend leere Kirchen wird durch billigen politischen Aktionismus begegnet – in der wohl vergeblichen Hoffnung, die eigene Bedeutung dadurch wieder stärken zu können. Zweitens: Der Klerus hat, wie der größte Teil der Bürger im Westen, seinen Gottesglauben verloren und wendet sich nun weltlichen Surrogaten zu: etwa der Klimarettung oder dem Kampf für die „soziale Gerechtigkeit“. Friedrich August von Hayek würde diese Vorhaben als „fatal conceit“, als eine Anmaßung von Wissen bezeichnen.

„An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ (Matthäus 7,16)

Dies ist das Skript eines Vortrags, den der Autor am Aschermittwoch, den 14. Februar 2018, im Wiener Hayek-Institut hielt.


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