08. November 2026
Sehnsucht nach dem bescheidenen Bonn: Das antipreußische Modell
Über eine Erfolgsgeschichte und den neuen, alten Berliner Größenwahn
von Andreas Tiedtke
Im Podcast „Ungeskriptet“ von Ben Berndt beschrieb der Schweizer Herausgeber der „Weltwoche“ Roger Köppel Deutschland als „das interessanteste und vielleicht auch das wichtigste Land der Welt“. Aber warum ist Deutschland heute wieder so interessant? Warum richteten sich die Augen der westlichen Welt auf die Wahlen in Sachsen-Anhalt, ein kleines Bundesland mit rund einem Viertel der Einwohnerzahl der Stadt New York? Tausendsassa Elon Musk kommentierte die Wahl ebenso wie der US-Präsident Donald Trump.
Dem (relativen) Wahlsieger in Sachsen-Anhalt, der AfD, wird gerne eine Nostalgie nachgesagt. Die AfD wolle so etwas wie die alte Bundesrepublik zurückhaben, knapp gesagt. Doch was unterschied die Bundesrepublik der 1980er Jahre von der Bundesrepublik der mittleren 2020er Jahre – vor allem in politischer Hinsicht?
Die Geburt Westdeutschlands
Beginnen möchte ich mit den Geburtswehen der Bundesrepublik Deutschland – also Westdeutschlands. Die BRD bekam von den damaligen Besatzern ein Stück Liberalismus und Föderalismus ins Buch geschrieben – also ins Grundgesetz – und von Ludwig Erhard bekam sie die Marktwirtschaft. Letzteres nicht so sehr mit dem Wissen und Wollen der Deutschen oder der Besatzer, sondern quasi in einem Coup d’état, indem Erhard sowohl seine eigenen Beamten als auch die amerikanische Besatzung austrickste, als er im Zuge der Währungsreform die Preise freigab.
Aber weder der Liberalismus noch die freie Marktwirtschaft passten zur damaligen preußisch-etatistisch dominierten Kultur – und schon gar nicht zum unmittelbar vorangegangenen Nationalsozialismus. Grundrechte mit „Wesensgehaltsgarantie“ als individuell einklagbare liberale Abwehrrechte gegen den Staat? Der Bürger als Individuum und nicht zuvörderst als Mittel zum Zweck für den Staat? Das Einzelwohl kann dem Allgemeinwohl vorgehen? Der Markt und nicht der Staat soll über Mieten, Löhne und Güterpreise entscheiden? Das alles stand und steht im krassen Gegensatz zum preußisch-obrigkeitsstaatlichen Denken: Jeder hat seinen Platz, es wird befohlen und gehorcht. Der Arbeiter war nach preußisch-etatistischer Ansicht Instrument des Staates. Nirgends wurde die preußische Staatsräson deutlicher als beim Militärzwang, wo der Bürger für den Staat töten soll – und sich töten lassen soll. Einer der Haupttäter der Verpreußung Deutschlands, Otto von Bismarck (1815–1898), wurde sehr deutlich, als er sagte: „Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen, zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte.“
Der deutsche Ökonom und Sozialphilosoph Wilhelm Röpke (1899–1966) warnte die Alliierten in seinem Buch „Die Deutsche Frage“, das er im Sommer 1945 im „Wettlauf mit der Zeit“ veröffentlichte, um einen Beitrag zur Neuordnung Deutschlands zu leisten, vor zwei möglichen Hauptfehlern: Einmal, die von Bismarck geschmiedete „Reichseinheit“ für unantastbar zu halten. Das könne zu einem Wiederaufstieg eines verpreußten Deutschlands führen und möglicherweise zu einem „kommunistischen Totalitarismus“. Der andere Hauptfehler wäre eine von oben aufoktroyierte Zerstückelung als Strafe, was jeden Föderalisten als Verräter an der gemeinsamen deutschen Sache hätte aussehen lassen.
Dezentralisierung und Entpreußung
Die vernünftigste Politik, so Röpke, läge darin, die politische Dezentralisierung und Entpreußung Deutschlands mit den Deutschen und nicht gegen sie durchzuführen. Die Entpreußung und Föderalisierung müsse den Deutschen als eine Konzession gewährt, nicht als Strafe auferlegt werden. So würden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Europa würde gegen Deutschland geschützt, so Röpke, und die Deutschen könnten diese Lösung mit tiefster Überzeugung mittragen.
Man darf nicht übersehen, dass Bismarck die deutsche Einheit gegen den Willen zahlreicher deutscher Mittel- und Kleinstaaten erst im Deutschen Krieg 1866 mit „Blut und Eisen“ erzwungen hatte – und dann schließlich im Deutsch-Französischen Krieg 1871 nurmehr vollendete. Die Bayern und Sachsen, die Frankfurter, Hessen und Badener, Württemberger und Hannoveraner sind nicht freiwillig unter Preußens Vorherrschaft im Deutschen Reich gelangt, sondern mit Gewalt, mit Krieg – also letztlich mit Mord und Vergewaltigung, wie Leo Tolstoi (1828–1910) den Krieg beschrieb.
Röpke schlug deshalb für Deutschland einen konsequenten Gesellschaftsaufbau „von unten nach oben“ vor. Der Prozess des Neuaufbaus Deutschlands von unten nach oben müsse ganz wörtlich genommen werden: „Er muss wirklich auf den untersten Stufen beginnen.“ Die Deutschen müssten auf derjenigen Stufe beginnen, wo es um die konkreten Fragen etwa eines Schulneubaus, einer Gemeindewasserleitung oder einer Flüchtlingssiedlung ginge und wo jeder sofort durchschaue, ob er es mit einem windigen Demagogen oder einem ehrlichen Arbeiter zu tun habe. Föderalismus sei, so Röpke, keine bloße Verwaltungstechnik, sondern wurzele in einer bestimmten Lebensanschauung, bedeute Traditions- und Heimatgefühl, das Geltenlassen des Mannigfaltigen, eine innere Verbundenheit, „kurzum einen Geist, der demjenigen der modernen Großstadtmassen genau entgegengesetzt ist“.
Der Einfluss Preußens sei nach 1918 in der sogenannten „Weimarer Republik“ (die in Wirklichkeit weiterhin „Deutsches Reich“ hieß) nicht gebrochen worden, so Röpke: „Tatsächlich wurde die von Berlin geleitete Zentralisierung Deutschlands nicht gelockert, sondern in einer Weise gesteigert, von der sich weder Bismarck noch Wilhelm II. etwas hatten träumen lassen.“ Die Hohenzollern seien gegangen, aber die preußischen Offiziere und Beamten seien geblieben, „und die sozialistischen Minister Preußens verteidigten die Hegemonie ihres Landes mit der Hartnäckigkeit ihrer Vorgänger. Was sich an Selbständigkeitsbestrebungen in Hannover und im Rheinland überaus kräftig regte, wurde mit allen Mitteln verfemt und unterdrückt.“
Röpke meinte, der überragende Einfluss Preußens müsse gebrochen und die verschütteten Traditionen der alten deutschen Staaten müssten wiedererweckt werden. „Das bedeutet, dass das Rheinland, Westfalen, Hannover, Hessen oder Schleswig-Holstein den Rang selbständiger deutscher Staaten gewinnen oder sich untereinander zu solchen zusammenschließen.“ Das sei genau die Therapie, die der „deutschen Krankheit“ entspreche. Deutschland müsse seinen Charakter als eine „Nation von Nationen“ zurückerhalten und zu den guten Traditionen zurückkehren, die es zu seinem Unglück vor drei Generationen verlassen hatte.
Die Genesung Deutschlands hänge davon ab, dass man vom „Einheitsdeutschen“ – Röpke sprach auch vom „Bismarckdeutschen mit seiner gefährlichen Mentalität“ – wegkomme und wieder dem echten Typus des Bayern, Hannoveraners, Rheinländers oder Württembergers Platz mache. „Jeder Reformplan“, so Röpke, „der den ‚Brei‘ akzeptiert, muss sein Ziel verfehlen.“
Vor der gewaltsamen Einigung 1866 und 1871 hätten die Deutschen außerhalb Preußens zwar auch unter Absolutismus und Feudalismus gelitten, aber diese seien doch „durch den komplexeren und organischeren Charakter der Gesellschaft, durch ein gewisses passives Gewährenlassen, durch wohltätige Schlamperei und in nicht wenigen Fällen durch einen wahrhaft liberalen Geist gemildert worden“. In Preußen hingegen wurden Absolutismus und Feudalismus „rationalisiert, mechanisiert und auf ein System gebracht, bis der preußische Staat ein vollkommenes Uhrwerk geworden war, in dem die Individuen nur Rädchen waren“. Der Staat als Selbstzweck also, „und gerade das“, so Röpke, „war das Unmenschliche und Unheimliche“.
Man muss sagen, dass die westlichen Siegermächte ihren Job aus Röpkes Perspektive besser gemacht haben als die Sowjetunion. Westdeutschland, die BRD vor 1990, war föderalistischer und unpreußischer und wurde mit Bonn als Hauptstadt auch rheinländischer, ja „katholischer“ im besten Sinne des Wortes als die DDR. Das preußische Herzland war entweder in der DDR oder gehörte nun zu Polen oder der Sowjetunion.
In Westdeutschland wurde die Kultur der Rheinländer und Bayern, der Württemberger und Hannoveraner so ganz natürlich wieder dominanter. In der BRD sollte der Bürger nicht mehr nur als Zahnrädchen des Staates angesehen werden (wobei man den Militärzwang natürlich schnell wieder einführte, sogar früher als in der DDR). Das vergleichsweise liberale rheinländische Bonn prägte Westdeutschland. Im Osten hingegen blieb Berlin alte und neue Hauptstadt (der Begriff „Ost-Berlin“ wurde vor allem in der BRD verwendet). Mit Staatssozialismus kannten sich die Preußen schon aus.
Im Windschatten der Geschichte
Außenpolitisch war die Teilung Deutschlands für die Bürger – aus libertärer Sicht – ein Segen und kein Fluch. Vor der deutschen Wiedervereinigung hatten weder die DDR noch die BRD die Möglichkeit, eine eigenständige Außenpolitik als „Global Player“ zu betreiben. Auch wenn die BRD ein wirtschaftlicher Gigant war, blieb sie doch – verglichen mit dem vorherigen preußisch geprägten Deutschen Reich – außenpolitisch ein Zwerg. Die Außenpolitik wurde von den Siegermächten dominiert. Man fuhr sozusagen „im Windschatten der Geschichte“ und hatte keine Ambitionen, die Welt umzugestalten.
In der BRD war man mit Ludwig Erhard wie die Jungfrau zum Kind zur Marktwirtschaft gekommen, mit den Vorgaben der Alliierten zu mehr persönlicher Freiheit und Föderalismus. Daran konnte man sich nach 67 Jahren preußischer Dominanz und danach zwölf Jahren Nationalsozialismus aber scheinbar auch in Westdeutschland nicht so leicht gewöhnen.
Die Wieder-Verpreußung Deutschlands
Die 68er-Bewegung wurde von preußisch gesinnten Etatisten zwar als chaotisch betrachtet, aber dass der Staat erst im Staatssozialismus richtig zur Geltung kommen würde, wurde durchaus anerkannt. Rudi Dutschkes „langer Marsch durch die Institutionen“ brachte auch ein Stück Preußentum zurück in die Bundesrepublik. Antiautoritär war man nur, solange man selbst nicht die Autorität war. Nachdem man selbst die Autorität war, mussten die anderen natürlich gehorchen. Um zu sehen, wie sehr das Gedankengut des Staatssozialismus in den 68ern verankert war, muss man nur auf ihre politischen „Erben“ hören, die Grünen. Robert Habecks Aussagen „Denn der Staat macht ja keine Fehler“ und „Die Bürokratie entsteht aus etwas Gutem heraus“ sind für jeden preußischen Staatssozialisten Musik in den Ohren.
Den preußischen Geist der Grünen-Bewegung erkannte bereits Lord William Rees-Mogg, der ehemalige Herausgeber der Londoner „Times“ und stellvertretende Vorsitzende der BBC. Zusammen mit seinem Co-Autor James D. Davidson schrieb er 1999 im Buch „The Sovereign Individual“ (deutsch: „Das souveräne Individuum“): „Nationalismus ist die Bedingung für konventionelle (politische) Strategien, ganz gleich, was die Politiken im Einzelnen sein mögen. Deshalb werden die nationalistischen Inhalte in allen politischen Programmen in den kommenden Jahren anschwellen wie der Bauch eines Vielfraßes. Umweltaktivisten zum Beispiel werden sich weniger auf den Schutz der ‚Mutter Erde‘ fokussieren und mehr auf den Schutz des ‚Mutterlandes‘.“
Bedenkt man die Rhetorik mancher Grüner im Hinblick auf den russischen Krieg gegen die Ukraine, ist sie etwa das genaue Gegenteil von der zurückhaltenden Haltung Westdeutschlands gegenüber der kommunistischen Sowjetunion. Anton Hofreiter sagte: „Man kann nicht nur den Frieden wollen.“ Und die AfD sei eine „Truppe von Landesverrätern“ und gehöre „dringend verboten“. Seine Parteigenossin Annalena Baerbock wird sogar wie folgt zitiert: „Wir kämpfen einen Krieg gegen Russland und nicht gegeneinander.“
Die deutsche Wiedervereinigung in den 1990er Jahren und der Umzug der Regierung ins preußische Berlin beendeten die rund 40-jährige westdeutsche Episode. Nach der Wiedervereinigung erlangten die Bürger der DDR zwar mehr Freiheit, aber es begann auch wieder eine Verpreußung Deutschlands.
So wie die Politik gemäß Michel Foucault die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln ist, ist die Kultur eben die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Im preußisch geprägten Berlin, der neuen Hauptstadt, weht ein anderer Wind als im beschaulichen Bonn im Rheinland. Es kam zu einer „DDR-Isierung“ Westdeutschlands, von 2005 bis 2021 mit einer Kanzlerin, die in der DDR angeblich eine FDJ-Funktionärin war.
Deutschland wurde zentralistischer und autoritärer
Heute ist Westdeutschland weitaus zentralistischer und dirigistischer organisiert als in den 1980er Jahren: Es gibt nicht nur staatliche Preisregulierungen für Mieten und Löhne, sondern auch eine Renaissance gesinnungspolizeilicher Maßnahmen, eine Strafnorm für „Majestätsbeleidigung“, NGOs, die das Netz nach „Hass und Hetze“ durchforsten, auch unterhalb der Strafbarkeitsschwelle, und ein politisches Vorfeld, das eine neue Mauer beschützt, die jetzt „Brandmauer“ heißt.
Die Wiederverpreußung Deutschlands hat mittlerweile nahezu jeden Lebensbereich erfasst. Die Deutsche Wiedervereinigung brachte den Bürgern der DDR mehr Freiheit, den Bürgern Westdeutschlands aber seitdem zunehmend mehr Unfreiheit. Die Bürger werden vom „Vater Staat“ bis auf den letzten Strohhalm und das hinterletzte Ekel-Foto auf der Zigarettenschachtel erzogen und gegängelt, bevormundet, zurechtgewiesen und verhöhnt. Künftig sollen sie sich mit Klarnamen in den Sozialen Medien anmelden, weil die Politiker gerne wissen möchten, wer sie kritisiert – am besten mit ladungsfähiger Anschrift. „Und bitte komme mir keiner mit Free Speech“, sagte der Bundeskanzler kürzlich bei einer Ansprache vor den Gewinnern des Wettbewerbs „Jugend forscht“.
Das großpreußische Wirtschaftssystem
Auch das, was Röpke als das „großpreußische Wirtschaftssystem“ beschrieb, erlebt in der Berliner Republik eine Renaissance. Prägend für das großpreußische Wirtschaftssystem waren laut Röpke „Etatismus, Monopolismus, Subventionismus und Politisierung der Wirtschaft, hierarchische Organisation und Zentralismus“. In Berlin liefen die Fäden zusammen, die Wirtschaft und Politik miteinander verknüpften. In Berlin entfalteten die großen Interessenverbände und Gewerkschaften ihre Machtpositionen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.
Mit dem Zurückweichen der Marktwirtschaft durch hohe Steuern und eine Flut von Regulierungen wird Berlin wieder zum Zentrum zentralistischer Wirtschaftsplanung. Vom Verbrennerverbot bis zur Aufrüstung, vom „Heizhammer“ über Atomausstieg und Windparks im Märchenwald bis zu den Radwegen in Peru wird in Berlin die Wirtschaft durchgeplant – und die Welt gerettet. Auch wenn die Farben des neuen Berlins nicht mehr das preußische Schwarz-Weiß sind, sondern regenbogenbunt, die Uniformen nicht mehr preußischblau, sondern lieber Patchwork: Der preußische Geist des Etatismus weht wieder kräftig in Berlin – man ist wieder wer, jemand, der auf der Weltbühne eine wichtige Rolle spielen möchte. Man will nicht nur das Weltklima retten, sondern auch den Weltfrieden. Die Berliner Großmannssucht trat anstelle des Bonner Windschattens.
Und das, was Westdeutschland auszeichnete, die starke Wirtschaft, ist im Sinkflug begriffen: Die Deutschen verarmen, sind wirtschaftlich abgehängt. In Deutschland zählt Siemens zu den Spitzenwerten des DAX-40-Index mit einer Marktkapitalisierung von rund 230 Milliarden US-Dollar, ein Unternehmen, das knapp 180 Jahre auf dem Buckel hat. In den USA sind von den Top-5-Unternehmen im S&P-500-Index die ältesten Microsoft (gegründet 1975) und Apple (gegründet 1976), und jedes dieser Top-5-Unternehmen hat allein eine (teilweise mehrfach) höhere Marktkapitalisierung als alle DAX-40-Unternehmen zusammen.
Die Kulturmarxisten verlieren ihre Schlachten
Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt signalisiert einen gesellschaftlichen Umbruch, der bereits überall im Gange ist und nun immer mehr an Fahrt gewinnt. Entscheidend ist, dass die AfD von den Kulturmarxisten als Gegner identifiziert wurde, ihr Verbot mehrfach gefordert wurde, sie mit der geballten Macht aus Alt-Medien, NGOs und Einstufungen von Inlandsgeheimdiensten bekämpft wurde – sie aber trotzdem nur knapp die absolute Sitzmehrheit verpasste. Die Wahlen in Sachsen-Anhalt signalisieren, was über das kleine Bundesland hinaus für den gesamten heutigen Westen gilt: Immer mehr Menschen sind mit den alten „Eliten“ unzufrieden. Der in die Jahre gekommene, finanziell notleidende Umverteilungs- und Erziehungsstaat und die von ihm profitierenden Sonderinteressengruppen werden von weiten Teilen der Bevölkerung als Last empfunden. Die Kulturmarxisten, nach ihrem „langen Marsch“ längst in den Institutionen angekommen, verlieren eine ideologische Schlacht nach der anderen um das Overton-Fenster. Die Institutionen, in die die Neomarxisten eingedrungen sind, verlieren ihre Relevanz: Schulen, Universitäten, Alt-Medien, Amtskirchen und so weiter verlieren ihre Deutungshoheit über die Realität und werden im exponentiell voranschreitenden Informationszeitalter noch viel tiefgreifendere Umwälzungen erfahren als bisher; manche werden in ihrer jetzigen Form völlig verschwinden.
Die Deutsche Frage heute
Deutschland ist deshalb eines der interessantesten Länder der Welt, weil der Etatismus Bismarcks von hier aus in nahezu alle Länder der Welt exportiert wurde. Und hier, in der preußischen Residenzstadt Berlin, schlägt der Etatismus seine letzten großen ideologischen Schlachten. Der Umverteilungs- und Erziehungsstaat preußischer Prägung, der sich im gesamten Westen durchgesetzt hat, ist an seine finanziellen und ideologischen Grenzen gestoßen. Und die Frage stellt sich, wohin sich Deutschland – oder besser: die deutschen Länder – entwickeln werden.
Die Deutsche Frage lautet heute, ob man zurück zu „Wohlstand für alle“ will, Ludwig Erhards Zielbild, zurück zu bayerischem oder rheinländischem Laissez-faire. Oder ob man seine Zukunft als bis in die Haarspitzen durchregulierter und vor Desinformation amtlich beschützter Verwaltungsbezirk der Europäischen Union sieht.
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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. Oktober erscheinenden Nov./Dez.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 264.
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