24. Mai 2026
Parabel: Der Verein der Gerechten
Über den Zerfall einer Gesellschaft
Es war an einem feuchten Herbstabend im leeren Schützenheim. An der Wand hing die alte Vereinsfahne. Schief. Wie schon lang. Das letzte Bier schmeckte schal. Der Regen klopfte gegen die Scheiben.
Der alte Fritz zündete seine Pfeife an. Langsam. Mit der Sorgfalt eines Mannes, der weiß, dass noch viele solcher Abende kommen werden – und dass das die Sache nicht besser macht.
„Nu setz dich hin, junger Hans.“ Nicht laut. So, wie man Dinge sagt, die man zu lange für sich behalten hat. „Keine schöne Geschichte. Eine wahre.“
Die guten Zeiten
Es war einmal – und das ist wahr, und das war hier, in so einem Ort wie diesem, nicht so lange her, wie es sich jetzt anfühlt – ein Schützenverein, der seinen Namen noch verdiente.
Fünfzig Mann. Beim Schützenfest zog der ganze Ort mit: der Bürgermeister hielt die Rede, die Vereinsfahne flatterte, die Medaillen klirrten gegeneinander in der Herbstluft. Jeder wollte dabei sein.
Jeden Monat ein Treffen im Gasthof. Essen festgelegt. Trinken frei. Kosten durch fünfzig.
Der eine trank nur Sprudel – hatte irgendwas mit dem Magen. Die meisten tranken ihr Bier, so wie sich das gehört. Und manchmal, wenn ein Jubiläum gefeiert wurde oder ein Sieg, ließ einer eine Flasche kommen. Riesling aus der Pfalz. Manchmal einen Burgunder. Kein Wein zum Angeben – guten Wein. Einfach guten Wein. Der Sprudeltrinker zahlte mit. Freiwillig. Der Biertrinker auch. Und manchmal kam der Fabrikbesitzer mit einer Flasche unter dem Arm rein. Einfach so. Hatte Lust. Der Bankdirektor stellte gelegentlich eine Runde hin, wenn er gut drauf war. Niemand hatte ihn gefragt. Niemand hätte ihn gefragt. Das war der Witz daran.
„Verstehst du das, junger Hans?“
Hans trank sein Bier und wartete.
„Kein Gesetz. Keine Pflicht. Weil er wollte. Das war das ganze Geheimnis.“
Der alte Fritz rauchte. Draußen tropfte es vom Dach.
„Fünfzig Männer. Bankdirektor neben Dreher. Fabrikbesitzer neben Postboten. Chefarzt neben Maurer. Und alle tranken ihr Bier.“
Der neue Chef
Dann kam der neue Chef. Gewählt mit sechsundzwanzig zu vierundzwanzig. Nicht viel. Aber genug.
Feiner Mann. Sprach viel von Gerechtigkeit. Von Würde. Von endlich fairer Teilhabe. Die Worte klangen gut. Worte dieser Art klingen immer gut – solange man nicht nachschaut, wessen Name auf der Rechnung steht.
„Ab sofort zahlt jeder anteilig nach seinem Bruttoeinkommen. Das ist endlich fair.“
Die oberen zwanzig Prozent – zehn Mann von fünfzig – trugen damit achtzig Prozent der Kasse. Die vierzig anderen nickten. Sollen die da oben mal richtig bluten. Mich betrifft das nie. Dachten sie.
Die Klausel
Bevor die Zahlen auf dem Tisch lagen, hatte er bereits eine Klausel durchgeboxt. Von Leuten mitgetragen, die Fallen mögen. Bis sie selbst reintappen.
„Welche Klausel?“, fragte Hans.
Fritz zog an seiner Pfeife.
„Austritt nur mit einstimmiger Zustimmung aller Mitglieder. Teilnahme verpflichtend. Wer nicht kommt, zahlt trotzdem – plus Bußgeld.“
Eine Vorschrift, die kaum jemand gelesen hatte. Die mit sechsundzwanzig Stimmen durchging – bevor irgendjemand wusste, worum es wirklich ging.
Der Chef machte die Rechnung auf. Die zehn sahen die Zahlen. Vier sagten leise: „Wir gehen.“ Da zeigte er ihnen die Klausel.
Hans sah ihn an.
„Ja“, sagte der alte Fritz. „Willkommen im Verein der Gerechten.“
Die Uniformen
Kaum Chef, da bestellte er neue Vereinsjacken. Auf Vereinskosten, versteht sich. „Damit keine Ungleichheit in der Kleidung herrscht.“ Alle sollten gleich aussehen.
Alle bekamen dieselbe Jacke. Nur seine war besser geschnitten. Mit goldenen Knöpfen. Extra Schulterstücken. „Weil ich als Chef erkennbar sein muss.“
Die anderen nickten. Sie dachten noch, das sei das Schlimmste.
Die erste Welle
Die vier konnten nicht gehen.
Aber sie konnten langsamer werden, die zehn oberen Männer – der Bankdirektor der Kreissparkasse, der Fabrikbesitzer aus dem Gewerbegebiet, der Chefarzt der Klinik, der Steuerberater mit der großen Kanzlei am Markt, der Immobilienentwickler – und fünf andere, die auf ihre Art gut verdient hatten.
Der Bankdirektor ging früh in Rente. Mit siebenundfünfzig. Kapitalerträge zählten im Verein nicht als Einkommen. Offizielles Brutto: null. Kein Beitrag mehr. Der Fabrikbesitzer zahlte sich fortan ein symbolisches Geschäftsführergehalt – achthundert Euro. Die Gewinne blieben in der GmbH. Kein Gehalt, kein Beitrag. Ganz einfach. Der Chefarzt reduzierte seine Kassenstunden auf das gesetzliche Minimum. Alte Patienten, die ihm vertrauten. Er vertraute darauf, dass sie schwiegen. Der Steuerberater beriet seine Mandanten neuerdings auf Freundschaftsbasis. Keine Rechnung. Kein Einkommen auf dem Papier.
„Die anderen sechs? Jeder auf die Art, die er kannte. Wer viel weiß, weiß viel.“
Die Kasse wurde leer. Das Essen schlechter. Kein Riesling mehr. Kein Burgunder.
„Kein Problem“, sagte der Chef. „Jetzt zahlen eben die neuen oberen Zwanzig mehr.“
Die zweite Welle
Die neuen oberen zwanzig Prozent. Gestern noch hatten sie sich sicher gefühlt.
Dachdeckermeister. Sechs Gesellen. Volle Auftragsbücher. Ingenieur. Leitungsfunktion. Jahresbonus pünktlich. Allgemeinarzt. Eigene Praxis. Stammpatienten seit dreißig Jahren. Filialleiter Baustoffhandel. Die großen Kunden grüßen mit Handschlag. Alle dachten dasselbe. Mich trifft das nie. Ich bin doch nur Mittelschicht.
Dann lag die neue Rechnung auf dem Tisch. Da wurden sie sauer. Wer hätte das gedacht. Und sie taten genau dasselbe. Nur mit einfacheren Mitteln. Der Dachdeckermeister nahm jetzt nur noch Aufträge von Bekannten an. Bar auf die Hand. Keine Rechnung. Kein Finanzamt. Kein Verein. Der Ingenieur schrieb Gutachten. Freitagabend. Samstagvormittag. Im Keller. Gegen bar. Scheine auf dem Küchentisch gezählt. Der Allgemeinarzt behandelte alte Patienten wieder privat. Ein Kasten Bier. Ein Umschlag mit ein paar Hundertern. Ein gutes Wort. Keine Abrechnung über die Kasse. Der Filialleiter ließ sich Überstunden bar auszahlen. „Für die Familie.“ Kein Lohnzettel. Kein Brutto. Einer meldete sich arbeitslos. Seine Frau putzte. Er passte auf die Enkel auf. „Ich streich dir die Wohnung, du reparierst mir das Auto.“ Kein Geld aufs Konto. Kein Beitrag im Verein.
Die Kasse wurde leerer. Das Essen wurde noch schlechter. Kein Riesling mehr. Kein Burgunder. Nur noch das billige Flaschenbier vom Discounter.
Irgendwann nicht mal mehr das. Nur noch Sprudel.
„Jetzt die nächsten zwanzig!“, rief der Chef. Die Spirale drehte sich weiter. Tiefer. Und immer weiter runter.
Die dritte Welle
Die nächsten zwanzig. Die, die sich nie oben gesehen hatten. Polizisten mit Wechselschichtzulage. Maurer mit Zulage für schwere Arbeit. Lehrer mit Nachhilfestunden. Schlosser im öffentlichen Dienst mit Überstundenvergütung. Busfahrer mit Schichtprämie. Lagerist mit Nachtzuschlag. Die hatten immer gedacht: Mich trifft das nie. Ich bin doch nur unten. Bis die Rechnung kam.
Dann taten sie genau dasselbe. Nur noch einfacher. Zulagen bar kassiert. Nachhilfe schwarz. Überstunden ausgezahlt. Tausch unter Kollegen.
Jede Runde dasselbe. Die Spirale fraß sich nach unten. Auf dem Papier standen noch alle fünfzig. Keiner durfte raus. Aber fast keiner hatte mehr etwas Offizielles, das man umlegen konnte.
Die Kasse war jetzt leer. Das Essen längst gestrichen. Kein Bier mehr. Nicht mal mehr Leitungswasser in Gläsern. Nur noch der Krug stand da. Leer.
„Jetzt die letzten!“, rief der Chef. Aber da war fast keiner mehr da, der noch etwas hatte.
Das Ende
Und während der Krug leer blieb, kam heraus: Der Gasthof hatte wegen der regelmäßigen Großbestellungen einen ordentlichen Rabatt gegeben. Monatlich. Der Chef hatte ihn unterschlagen. Und mit seiner Familie dort gegessen. Allein. Fein. Riesling. Burgunder. Alles, was früher für alle war.
Irgendjemand hat ihn verpfiffen. Bis heute sagt keiner, wer. Einer hat einen Verdacht. Sitzt gerade hier.
Unterschlagung. Die Polizei kam. Der Verein wurde aufgelöst. Keiner wollte mehr Mitglied sein. Nicht mal mehr der Chef.
Der alte Fritz klopfte die Pfeife aus. Er sah den jungen Hans lange an.
„Es gibt keine Reichen, junger Hans. Nur welche, die es gerade noch sind. Sobald die oberen zwanzig Prozent weniger liefern, rutschen die nächsten hoch. Und die dachten immer: mich betrifft das nie. Bis sie selbst dran waren. Dann machten sie genau dasselbe.“
Er zog die Jacke an.
„Die Gerechtigkeit hat sich selbst aufgefressen. Runde um Runde. Bis alle gleich arm waren und das Essen gleich schlecht. Und der Chef mit den goldenen Knöpfen saß allein im Gasthof und wunderte sich, warum keiner mehr kam.“
Fritz zog an der Pfeife.
„Manche sagen später: Das war nicht die wahre Gerechtigkeit. Zu wenig davon. Zu viele Verräter. Nächstes Mal wird’s anders.“
Er rauchte die letzte Pfeife leer. Sagte nichts mehr.
Dann: „Und weißt du, was das Schlimmste ist? Er wunderte sich wirklich. Er hat es nie verstanden. Er hat bis zum Schluss geglaubt, die anderen waren undankbar.“
Er klopfte dem Jungen auf die Schulter.
„Trink dein Bier aus. Es ist eh das letzte, das noch halbwegs kalt ist.“
Draußen regnete es weiter. An der Wand hing die alte Vereinsfahne. Schief. Wie schon lange.
„Der Verein ist tot. Aber die Spirale dreht sich weiter.“
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.
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