31. Oktober 2026
DeutschlandBrief: Die CDU in der Sackgasse
Wie sich die Union schon unter Angela Merkel strategisch verzockt hat
von Bruno Bandulet
Zwei Parteien, ein doppeltes Dilemma
Die Alternative für Deutschland ist wirklich eine Partei zum Wundern. Als sich 2013 wackere Bürger und gestandene Professoren, die den Euro nicht mochten, zu einer Partei zusammenschlossen, war es unvorstellbar, dass diese von Beginn an ausgegrenzte Neugründung nur 13 Jahre später 43,8 Prozent der Zweitstimmen in einem Bundesland holen könnte. Wenn es jemals einen demokratischen Erdrutsch gegeben hat, dann am 6. September in Sachsen-Anhalt. Die CDU wurde halbiert, die AfD verdoppelte sich. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wurde die ehemalige Staatspartei am 20. September von den Wählern zertrümmert. Mit 4,9 Prozent flog sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte aus einem Landesparlament. Auch hier legte die AfD massiv zu: von 16,7 auf 38,2 Prozent.
Dabei war die Partei, die 2026 triumphierte und sich schon in greifbarer Nähe zur Macht in Berlin wähnte, eine andere als die von 2013. Sie überstand erbitterte parteiinterne Machtkämpfe, wechselte ihr Spitzenpersonal aus, verschärfte sich in Ton, Botschaft und Programm. Nachdem sie 2013 den Einzug in den Bundestag knapp verfehlt hatte, musste sie schon 2014 ernst genommen werden: Sie schaffte es in das Europaparlament und in drei Landesparlamente. 2015 wurde auf einem turbulenten Parteitag in Essen Bernd Lucke gestürzt. Frauke Petry übernahm den Parteivorsitz. Was folgte, war eine große Austrittswelle. 2016 spaltete sich die AfD-Landtagsfraktion in Baden-Württemberg.
2017 trat die alerte Petry aus der Partei aus – sie war ihr zu radikal geworden. Im selben Jahr konnte die AfD ihr Ergebnis bei der Bundestagswahl mehr als verdoppeln. 2021 fiel sie von 12,6 auf 10,3 Prozent zurück. 2022 verließ auch der Bundessprecher Jörg Meuthen die Partei. Es folgte das Duo aus Tino Chrupalla und Alice Weidel, die 2025 zur Kanzlerkandidatin gekürt wurde. Seitdem herrscht Ruhe im Bundesvorstand und in den meisten Landesverbänden. Bei der Bundestagswahl 2025 verdoppelte die AfD den Anteil an den Zweitstimmen auf 20,8 Prozent. Im September 2026 ermittelten die Demoskopen 30 Prozent – und für die CDU/CSU klägliche 20 Prozent.
Nur hat die AfD jetzt ein schwer lösbares Problem. Sie will die Verhältnisse in Deutschland grundlegend ändern, kann das aber nicht von einem kleinen Bundesland aus. Sie bräuchte die absolute Mehrheit auf nationaler Ebene. Die ist aber nicht erreichbar. Selbst der CDU/CSU gelang das Kunststück nur einmal, nämlich 1957, zwei Jahre nach Konrad Adenauers Moskaureise, die ihm den Höhepunkt seiner Popularität bescherte. Er hatte die deutschen Kriegsgefangenen freibekommen.
Die Union wiederum hat sich in ein fatales Dilemma manövriert. Sie hat nur noch schlechte Optionen, befand die „Neue Zürcher Zeitung“. Von einer eigenen Mehrheit im Bundestag ist sie sehr viel weiter entfernt als die AfD. Sie kann ohne Koalitionspartner nicht regieren. Und dafür wird 2029 (oder bei früheren Neuwahlen) nicht einmal die arg geschrumpfte SPD ausreichen. Sie müsste die Grünen und vielleicht auch noch die kryptokommunistische Linkspartei hinzunehmen. Würde sie sich dafür hergeben, drohte ihr das Schicksal der vor 32 Jahren verschwundenen, einstmals mächtigen Democrazia Cristiana in Italien. Dass Friedrich Merz unmittelbar nach der Wahl in Sachsen-Anhalt einer Regierung Siegmund indirekt mit dem „Bundeszwang“ nach Artikel 37 Grundgesetz drohte, dass Hendrik Wüst schon wieder über ein AfD-Verbot phantasierte, zeigte nur das Ausmaß der Verwirrung und Hilflosigkeit. Bundeszwang könnte bedeuten, dass Berlin Magdeburg finanziell sanktioniert und im Extremfall dort Gesetzgebung und Verwaltung übernimmt. Der Prozess der Selbstrettung, des Nachdenkens und Umdenkens bei CDU und CSU muss erst noch in Gang kommen.
Was bleibt vom alten Parteiensystem übrig? Wenig. Politische Parteien sind wie Marken. Die Wähler wollen wissen, was sie kaufen. Bei den Grünen und der Linkspartei wissen sie es. Die einen stehen für die urbane, „bunte“, multikulturelle Subkultur der Lehrer, Sozialarbeiter und NGO-Abkassierer. Die anderen sind noch wirtschaftsfeindlicher. Ihre Sozialdemagogie kann die SPD nicht überbieten. Der Markenkern von CDU und SPD hingegen ist kaum noch definierbar.
Die AfD als Chance für die CDU? Denkfehler der Merkelianer
Um zu verstehen, wie schwer die Union aus der Sackgasse wieder herausfinden kann, muss man wissen, wie sie hineingeraten ist. Die Selbstverzwergung geht zurück auf das 16-jährige Regime von Angela Merkel (2005 bis 2021). Die Denkfehler, die der gescheiterten Strategie zugrunde lagen, stammen von Merkels Hausdemoskopen Matthias Jung, dem Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen. Er beriet Merkel seit 2000. Er galt als „Kanzlerinflüsterer“. Sein Fahrplan zur Macht ist nachzulesen in den „Politischen Studien“ von März/April 2015, einer Publikation der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung. Der Titel des Papiers: „Die AfD als Chance für die CDU“.
Jungs Prämisse war, dass die ersten Erfolge der AfD (2014 in Sachsen, Thüringen und Brandenburg) nicht primär mit einer Abwendung bürgerlich-konservativer Wähler von der CDU zu erklären seien. Da die Schnittmengen zwischen Union, SPD und Grünen ähnlich groß geworden seien und da die älteren Wählerschichten der Union nach und nach wegstürben, seien Zugewinne für die CDU nur noch in der „Mitte“ zu holen. Und zur Mitte zählte er kurioserweise auch Grüne und SPD. Jung widersprach dezidiert Franz Josef Strauß. Der hatte 1986 postuliert, dass es „rechts von der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben darf“. Damit meinte er, dass die Union das rechte Lager selbst abdecken müsse. Eben dies hielten Jung und Merkel für überflüssig und falsch. Denn die politische Rechte im Allgemeinen und die AfD im Speziellen seien ja „stigmatisiert“. Und das sollte und werde sie bleiben, glaubte Jung.
Matthias Jung ging dann einen Schritt weiter und behauptete, allein die Existenz einer (stigmatisierten) AfD sei ein Vorteil für die CDU. Und zwar aus zwei Gründen. Zum einen werde die Union dadurch vom „latenten Vorwurf“ befreit, rechts und ewiggestrig zu sein. Und zum anderen würden dank AfD künftig die Chancen für parlamentarische Mehrheiten von Rot-Grün oder Rot-Rot-Grün deutlich verringert – wenn es der AfD gelänge, in mehr Parlamente einzuziehen. Die beiden „positiven Effekte“, so Jung, kämen aber nur zum Tragen, „wenn die CDU und die CSU eine geschlossene und eindeutige Abgrenzung von der AfD vornehmen“. Die Union schwor dem Konkurrenten Feindschaft, die AfD setzte (mit Erfolg) auf Radikalität, eine Eskalationsspirale kam in Gang.
Die Strategie funktionierte insofern eine Zeitlang, als sich Angela Merkel mit Hilfe der linken Parteien und mit ihrer programmatischen Öffnung nach links lange an der Macht halten konnte. Aber um welchen Preis? Bei der Bundestagswahl 2017 sackte die Union auf 32,9 Prozent ab, 2021 blieben ihr nur noch 24,1 Prozent. Franz Josef Strauß hatte doch recht behalten. Friedrich Merz schien die Lektion gelernt zu haben, als er verkündete: „Links ist vorbei.“ Nur folgte darauf wie so oft bei ihm: nichts.
Aus all dem folgt, dass die CDU zwar jederzeit ihren Vorsitzenden und damit den Kanzler auswechseln kann, dass allein damit aber nichts gewonnen wäre. Sie müsste das Merkel-Erbe abräumen. Sie müsste sich von einer Strategie verabschieden, die auf reinem Machtkalkül basierte, politische Inhalte gleichgültig behandelte und den demokratischen Prozess schädigte, indem der Verfassungsschutz missbraucht wurde, um den Gegner zu delegitimieren.
Zu viele Wähler haben das üble Spiel durchschaut. Der CDU-Vordenker Andreas Rödder, der in Ungnade fiel, rät seiner Partei immer noch, die AfD wie eine normale Partei zu behandeln und zugleich „rote Linien“ zu ziehen. Wenn sie es tut, gewinnt sie umgehend wieder Handlungsspielraum.
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. Oktober erscheinenden Nov./Dez.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 264.
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