13. September 2026
EinBlick: Mit Staatsschulden zum Sozialismus
Wann und warum Inflation und Enteignung drohen
von Thorsten Polleit
Staatsschulden sind ein Übel. Um dieses zunächst vielleicht harsch klingende Urteil zu verstehen, muss man wissen, was der Staat tatsächlich ist.
Der Staat, wie wir ihn heute kennen, ist nicht etwa das, was viele von ihm denken: Er ist nicht „wir alle“. Das ist leicht einsehbar. Denn der Staat spaltet die Gesellschaft unzweifelhaft in zwei Klassen: in eine Klasse von Menschen, die mehr Steuern zahlen müssen, als sie aus dem Steuertopf erhalten, das sind die Netto-Steuerzahler; und in eine Klasse von Menschen, die mehr aus dem Steuertopf bekommen, als sie einzahlen, das sind die Netto-Steuerempfänger. Der Staat und seine Politiker, Bürokraten und Angestellten gehören zur Gruppe der Netto-Steuerempfänger. Sie und die von ihnen finanzierten Günstlinge leben auf Kosten der Netto-Steuerzahler. Der Staat ist also in der Tat nicht „wir alle“.
Der Staat ist jedoch nicht nur eine Umverteilungsmaschine, die Paul beraubt und ein Teil der Beute an Peter weitergibt. Er ist zuallererst auch ein Zwangs- und Gewaltapparat. Genauer: Er ist ein Zwangsmonopolist, hat die Letztentscheidungsmacht für alle Konflikte auf seinem Gebiet. Und als ein solcher „oberster Richter“ über alles und von allem ist absehbar, was er macht: Der Staat wird immer größer und mächtiger. Das Geld, was er dazu braucht, beschafft er sich durch das Erheben von Zwangsabgaben, also Steuern. Und weil der Staat und seine Begünstigten sprichwörtlich den Hals nicht vollkriegen, treibt er die Steuer- und Abgabenlast im Zeitablauf immer weiter in die Höhe. Und spätestens dann, wenn er die Steuerschraube nicht weiter anziehen kann, weil die Besteuerten gegen die Plünderung aufbegehren, greift der Staat zur Verschuldung.
Denn damit stößt er in der Regel auf keine ernstzunehmenden Widerstände: Sparer leihen dem Staat schließlich bereitwillig ihr Geld gegen einen Zins. Und: Der Staat hat ja auch, wenn verwundert es, mittlerweile das Geld verstaatlicht. Seine Zentralbank, ausgestattet mit dem Zwangsmonopol zur Geldproduktion, erzeugt neues Geld sprichwörtlich aus dem Nichts und stellt damit sicher, dass der Staat jederzeit an günstige Kredite in der gewünschten Höhe kommt. Der Staat erlaubt es sich, zum Dauerschuldner zu werden (also so etwas wie „Wechselreiterei“ zu betreiben): Fällige Kredite werden durch neu aufgenommene Kredite zurückgezahlt, und es werden auch noch zusätzliche, neue Darlehen aufgenommen.
Der Staat kann so für eine ganze Zeit ungeniert und ungehindert auf Pump leben und das finanzielle Füllhorn über die von ihm begünstigten Gruppen ausschütten – natürlich erst, nachdem der Staat sich und die seinen fürstlich mit Gehältern und Pensionen ausgestattet hat. In der modernen Demokratie erkauft sich der Staat sprichwörtlich seine Unterstützer. Firmen erhalten Staatsaufträge, nicht wenige von ihnen werden subventioniert, und immer mehr Menschen arbeiten bald direkt (in der Bürokratie) oder indirekt (in Branchen, die erst durch staatliche Gesetze und Regulierungen entstehen und gedeihen) für den Staat. Vor allem dank der Verschuldungsfinanzierung dringt der Staat immer weiter und tiefer in alle Wirtschafts- und Gesellschaftsbereiche vor: Bildung (Schule, Universität), Altersvorsorge, Gesundheit, Transport, Umwelt, Recht und Sicherheit, Geld und Kredit, Kapitalanlage, Kultur – überall wird der Staat zum dominanten Akteur und unverzichtbaren Steuergeldverteiler.
Die dunkle Kehrseite der Medaille: Die Freiheiten von Konsumenten und Produzenten schwinden, die Volkswirtschaft verformt sich nach und nach zu einer Art Lenkungs- und Befehlswirtschaft, in der der Staat und seine Bürokraten immer stärker bestimmen, wer was wann und wieviel produzieren kann, und wer was wann in welcher Menge konsumieren darf. Das Ganze ebnet den Weg in den Sozialismus, und zwar anfänglich durch Mangel und Not, für die die Staatsausdehnung sorgt. Denn der auswuchernde Staat lähmt das Wirtschaftswachstum, knappe Ressourcen werden ineffizient eingesetzt, es kommt zu Verschwendung, Misswirtschaft, Korruption. Die Schuldentragfähigkeit der Volkswirtschaft verschlechtert sich, Kreditgeber wollen dem Staat irgendwann keine neuen Kredite mehr geben oder wenn, dann nur zu Zinsen, die der Staat nicht zahlen kann und will.
Dann offenbart sich, dass Regierende und Regierte nicht in der Lage oder willens sind, die aufgelaufenen Kredite jemals zurückzuzahlen. Und damit es hier nicht zu großen Pleite kommt, bleibt nur noch die staatliche Zentralbank: Sie kauft die Staatsschulden auf, bezahlt die Käufe mit neu geschaffenem Geld. Das Ergebnis ist Währungszerrüttung, Hoch- oder Hyperinflation, der Zusammenbruch des Gemeinwesens – und große Krise und große Not bieten bekanntlich die ausgezeichnete Gelegenheit für sozialistische Ideologen und Demagogen, zur Erreichung ihrer Heilsversprechungen die Eigentümer zu enteignen und die Produktionsmittel zu verstaatlichen.
Gibt es nicht vielleicht doch auch Gründe, staatliche Ausgaben mit Kredit zu finanzieren? Bei genauem Nachdenken lautet die Antwort: nein! Denn alle Ressourcen, die der Staat heute für sich beansprucht, entstammen aus der Gegenwart, niemals aus der Zukunft – egal, ob der Staat seine Ausgaben (für zum Beispiel Straßen und Panzer) mit Steuern oder Krediten finanziert. Es ist immer die gegenwärtige Generation der Menschen, die die Kosten der Staatsausgaben zu tragen hat. Und um künftige Generationen an den Kosten beispielsweise einer Autobahn zu beteiligen, müssen die Staatsausgaben nicht mit Krediten finanziert werden. Das gleiche lässt sich auch erreichen, indem künftige Nutzer besteuert werden, wenn sie die Autobahn nutzen wollen.
Nein, der Staat greift auf die Verschuldung zurück, weil es für ihn politisch besonders attraktiv ist – viel attraktiver als die Besteuerung –, um an das Geld der Konsumenten und Produzenten zu gelangen. Die Staatsverschuldung ist nicht nur eine „hinterlistige Besteuerung“, sie ist vor allem auch ein besonders geeignetes, heimtückisches Instrument für all die politischen Kräfte. Diese Kräfte wollen die Volkswirtschaft nach und nach, von vielen unbemerkt, in ein unfreies, staatsgelenktes und -gesteuertes Regime überführen, im Extremfall in eine (neue) Form des Sozialismus. Ist allein das nicht schon Grund genug, die Staatsverschuldung als Übel zu klassifizieren?
Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 21. August erscheinenden Sep./Okt.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 263.
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