11. Februar 2026

Filmförderung Die echte Reform ist wieder verschoben

Ein bürokratisches System und seine Folgen für die deutsche Filmbranche

von Ronald Gläser

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Bildquelle: e-Redaktion Bürokratiemonster Filmförderung: Steuergeldverschwendung am Filmset

Das deutsche Filmfördersystem ist wie ein latent kaputter Großraumkopierer. Wenn eine Fehlermeldung kommt, dann fängt der Nutzer an, Klappen zu öffnen, um zu schauen, ob sich irgendwo ein Blatt verhakt hat. Danach müssen alle Klappen wieder geschlossen werden, sonst geht es nicht weiter. Im schlimmsten Fall muss der Techniker zur Wartung gerufen werden.

Aber es gibt noch mehr: Wer etwas auf Briefpapier drucken möchte, der muss erst einmal herausfinden, wo und wie das Papier eingelegt werden muss, damit die richtige Seite bedruckt wird. Da es vier Möglichkeiten gibt, brauchen die Nutzer – jedenfalls geht das den meisten so – vier Versuche. In jedem Fall kostet das alles Zeit, und Zeit ist Geld.

Hinter dem Wort Filmförderung verbirgt sich ein ebenso großer Zeitfresser. Filmfirmen beschäftigen Leute, die nichts anderes machen, als die jeweiligen Filmfördersysteme zu analysieren, Kontakte zu Institutionen zu pflegen und Anträge zu schreiben. Ein deutscher Top-Unternehmer aus Hollywood berichtet: „Wir haben in München eine Abteilung, deren Mitarbeiter schlafwandlerisch alle deutschen Regeln aufzählen können.“

Warum das alles? Der Staat will die Branche unterstützen, wie er sagt. So wie er die Landwirtschaft unterstützen will, weshalb er Subventionen zahlt dafür, dass jemand 30 Hektar Land bestellt oder 30 Kühe hat. So wie er einen Gründerzuschuss zahlt, wenn sich ein Entrepreneur mit einem Lieferdienst selbständig machen will. So wie er Tesla mit Genehmigungen und Zuwendungen für das Werk in Grünheide geholfen hat.

Steuergeldverschwendung und Bürokratie

Das wird hier keine Generalabrechnung mit der ganzen Einmischung des Staates in unser Leben, das natürlich mit dieser Form der „Förderung“ einhergeht. Aber die Filmförderung ist ein besonders skurriles Beispiel für Steuergeldverschwendung und bürokratischen Unsinn. Der deutsche Film wird seit Jahrzehnten „gefördert“ und spielt dennoch international keine Rolle. Sein Anteil am globalen Kinomarkt liegt seit Jahrzehnten bei etwa einem halben Prozent. Es gibt auch keinen noch so kleinen positiven Trend. Auch im Inland, wo der Marktanteil natürlich größer ist, lag die Zahl der verkauften Tickets 2024 unter dem Wert von 2000. Die Förderung verpufft also weitgehend.

Es gibt Förderung auf Landes- und auf Bundesebene. Sie wollen einen Film drehen? Also gehen Sie zur Filmförderanstalt in NRW und bitten um einen Zuschuss. Wenn der nicht reicht, dann gehen Sie noch zum Medienboard Berlin Brandenburg. Wahrscheinlich verlangen die Beamten von Ihnen eine Gegenleistung: Sie müssen Drehorte in ihrem Einflussbereich haben. Sie müssen ein Postproduktionsbüro dort beauftragen. Sie müssen ihren Sitz dort haben oder hinverlegen. Und natürlich werden Sie auch keine allzu regierungskritischen Aspekte in Ihr Drehbuch reinschreiben, weil Sie wissen, dass die Personen, die über Ihren Antrag entscheiden, von der Regierung damit beauftragt worden sind. Selbst dann, wenn das nicht in den offiziellen Richtlinien steht. Selbst dann, wenn der Geldgeber von der Politik als „vollkommen unabhängige“ Institution geframt wird.

Im Ergebnis werden Drehbücher bereits so angelegt, dass sie an die Bedingungen der optimalen Filmförderung angepasst sind. Gleichzeitig muss das sich natürlich rechnen, damit steigen die Variablen in der Gleichung einer ohnehin ungenauen Berechnung. Denn das Geschäft ist riskant. Die Chance, dass ein Film floppt, ist groß. Manchmal nutzen auch die besten Stars nichts. Der letzte Film der Indianer Jones-Reihe kam gleichzeitig mit der unabhängigen (Billig-)Produktion Sound of Freedom ins Kino. Harrison Ford hätte ein Garant für den Erfolg sein müssen, war es aber nicht. Der andere Film ging durch die Decke, Indianer Jones beendete seine jahrzehntelange Erfolgsstory.

Opt-Out ist eigentlich ein Opt-In-XXL

Deswegen gehen die meisten Länder einen anderen Weg: Sie verplempern keine Subventionen an die Filmfirmen. Sondern die Unternehmen erhalten einen Steuerrabatt. Wer fünf Millionen investiert hat, kann die ersten 1–2–3 Millionen seiner Einnahmen steuerfrei behalten, je nach den genauen Regeln. Das verhindert Mitnahmeeffekte und gibt den Unternehmen mit einem einfachen System die Sicherheit, dass sie von ihrer Arbeit wirklich profitieren.

Wer Risikokapital ins Land holen will, der muss mit solchen Angeboten locken. In Deutschland hingegen gibt es so etwas nicht. Dafür die Beamten bei der Filmförderung, die prüfen, ob Sie auch wirklich die Außendrehs oder die Schneidearbeiten oder Digitaleffekte in ihrem Bundesland durchgeführt haben.

Bald haben andere Beamte noch viel mehr zu prüfen. Nämlich, wie viel Umsatz Streamingdienste im Inland machen. In Abhängigkeit davon müssen sie acht Prozent im Inland investieren. Sie können auch noch mehr investieren. Ab zwölf Prozent werden die Unternehmen von einigen bürokratischen Fesseln befreit wie „70 Prozent der Investitionen müssen an unabhängige Produktionsfirmen gehen“. Ich wette, dass es bald eine Reihe von Firmengründungen geben wird von solchen „unabhängigen“ Produktionsfirmen. Firmen, die bisherige Tochterfirmen von beispielsweise Netflix waren, werden ausgegliedert – und fertig ist die unabhängige Produktionsfirma. Oder solche Firmen werden neu gegründet von Managern, die bisher für den Mutterkonzern gearbeitet haben und sich dann selbständig machen. Es gibt zwei Dinge, die wir niemals unterschätzen dürfen: Die Anmaßung von Kleptokraten, die alles per Gesetz regeln wollen. Und: Die Kreativität von Bürgern, die sich solchen Regeln entziehen und Schlupflöcher finden.

Witzigerweise haben die PR-Strategen der Regierung die oben beschriebene 12-Prozent-Klausel als Opt-out-Modell geframt. In Wahrheit ist es aber ein Opt-in-XL, denn das Unternehmen muss ja noch mehr im Inland investieren als unter der 8-Prozent-Klausel. George Orwell hätte seine Freude gehabt.

Wer jetzt glaubt, dass aufgrund der noch in diesem Jahr anstehenden Neuregelung mehr in Deutschland gedreht werden wird, für den gibt es einen Wermutstropfen: EU-Regeln besagen, dass mit Inland hier der gesamte EU-Raum gemeint ist. Das heißt, dass der zentrale Punkt verfehlt wird: Die Regierung will, dass ausländische Großkonzerne nicht nur Geschäfte in Deutschland machen, sondern auch Geld dalassen. Aber wenn die Dreharbeiten in Budapest statt Berlin oder in Laibach statt Leipzig stattfinden (dürfen), dann läuft die ganze Regelung ins Leere.

SPD siegt auf ganzer Linie

Diese sogenannte Investitionsverpflichtung, die von der SPD in der Koalition durchgesetzt wurde, kommt obendrein allein. Ursprünglich sollte sie im Verbund mit dem Umbau auf das Steueranreizsystem eingeführt werden. Eigentlich sollte das alles schon vor Jahren kommen, aber die Ampelregierung hat nur den „grünen“ Teil der geplanten Filmförderreform verwirklicht. Das heißt wirklich so: Hinter Green Filming verbergen sich allerlei linke Anliegen: Beauftragte für alles Mögliche, Ökostrom am Set, keine Plastikverpackung bei Caterern und so weiter. Viele bürokratische Vorgaben, viel wokes Kleinklein.

Jetzt also die SPD-Reform. Das von der Union – und nicht nur ihr – präferierte Steueranreizmodell anstelle des Förderbescheidsystems ist auf Pflaumenpfingsten vertagt.

Wenn es irgendwann käme, könnten theoretisch die Filmförderanstalten, die zusammen einen dreistelligen Millionenbetrag im Jahr verplempern, abgeschafft oder in ihrer Größe und Bedeutung drastisch reduziert werden. Einige Mitarbeiter könnten in die Finanzämter wechseln, wo die Steuerbescheide ausgestellt werden.

Aber wahrscheinlich wird das nie geschehen. Wann wird in Deutschland schon mal eine Behörde abgewickelt? Bestimmt werden SPD und Grüne neue Aufgaben finden wie Förderung nicht-kommerzieller Filme, Kontrolle von Gendervorgaben in Drehbüchern oder Empowerment der Kinobesucher. Das System ist nie verlegen, wenn es darum geht, sich neue Aufgaben zu suchen. Die Entscheidung, die Filmförderung im gleichen Schritt mit der Verpflichtung massiv auf 250 Millionen Euro pro Jahr auszuweiten, zeigt, dass die Parteien nicht gewillt sind, den Subventionsdschungel abzuholzen.

Das Gesetz zur Investitionsverpflichtung wird Firmen vom Markteintritt in Deutschland abhalten, auch wenn es erst nach einigen Jahren gelten soll, die ein Unternehmen auf dem deutschen Markt aktiv ist. Die Leute, die solche Entscheidungen treffen, sind doch keine Trottel. Wenn sie sehen, dass ihnen später ein beträchtlicher Teil ihres Umsatzes weggenommen wird, dann meiden sie diesen Markt sogleich. In schlechten Jahren bei niedrigerer Marge könnten acht Prozent vom Umsatz aus einem positiven ein negatives Ergebnis machen. Dann könnten große Firmen beschließen, den deutschen Markt zu verlassen, wenn sie anderswo bessere Geschäfte machen ohne solche Auflagen erfüllen zu müssen.

Was der deutschen Filmbranche helfen würde: Es müsste sofort ein Steueranreizmodell geschaffen werden mit hohen Vergünstigungen. Die Filmförderanstalten können abgewickelt werden. Außerdem müssen weitere Bedingungen verbessert werden: weniger Steuer und Bürokratie, schnellere Drehgenehmigungen. Die sozialdemokratische Investitionsverpflichtung löst keines dieser Probleme und wird im besten Fall dazu führen, dass sich Firmen hierzulande darauf ausruhen, dass für ein paar Jahre der Rubel automatisch rollt. Danach kommt das böse Erwachen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Seite des Autors.


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