21. März 2026

Gloria von Thurn und Taxis Lieber unerhört als ungehört

Über das bunte Treiben einer „umstrittenen“ Fürstin

von Michael Klonovsky

Artikelbild
Bildquelle: 8mobili / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0 DE) Gloria von Thurn und Taxis an der Seite ihres Mannes, Johannes Prinz von Thurn und Taxis

Der Begriff „umstritten“ gehört zu den bekanntesten deutschen Eselsworten. Wenn der Journalist das Wort verwendet, will er jemanden nämlich nicht als polarisierend interessant, sondern als gesichert anstößig markieren. Der Umstrittene hat irgendeinen Konsens verlassen. Umstrittensein ist die Vorstufe zur Pariaexistenz. Oft genügt ein Satz oder auch nur ein Wort, und eine öffentliche Person wird aus dem seriösen Fach ins umstrittene umsortiert.

Im Falle der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis lässt sich der Genrewechsel exakt terminieren. Es geschah am Abend des 9. Mai 2001 in der TV-Sendung „Friedman“, als die regelmäßige Afrikabesucherin – es ging im Gespräch unter anderem um das Thema Aids und Empfängnisverhütung – die seither geflügelten Worte sprach: „Afrika hat die Probleme nicht wegen Verhütung. Der Schwarze schnackselt halt gern.“ Der Dialog setzte sich seinerzeit zwar unbekümmert fort, der Moderator Michel Friedman erwiderte: „So weit ich weiß, schnackselt der Weiße auch gern“, worauf die Fürstin entgegnete: „Aber da, wo es wärmer ist, schnackselt man noch lieber.“ Doch tags darauf stiegen die Medien mit den standardisierten Anschuldigungen ein, und der Skandal war in der Welt.

Dieser Satz, schreibt die Fürstin in ihrem soeben erschienenen Buch „Lieber unerhört als ungehört“, „hat mein Leben gewissermaßen in zwei Teile zerbrochen, in ein Davor, wo ich mich allgemeiner Beliebtheit in den Medien erfreute, und ein Danach, von wo ab ich plötzlich ‚umstritten‘ war“. Nach neuerer Auffassung sei das nämlich eine rassistische Aussage, obwohl sie eigentlich nichts Negatives beinhalte: „Welcher Mann lässt sich widerwillig nachsagen, dass er gern schnackselt? Es hat sich auch nie ein Schwarzer über diese Bemerkung bei mir beschwert.“ Aber kollektive Zuschreibungen, welcher Art auch immer, sind heutzutage tabu, weil sie das Grunddogma der herrschenden progressistischen Weltsicht erschüttern, dass sämtliche Ethnien und Kulturen irgendwie gleich seien – die suprematistische westliche Kultur samt ihrer weißen Schöpfer selbstverständlich ausgenommen.

Den Pfad des Umstrittenseins hat Gloria von Thurn und Taxis seither achtbar weiterbeschritten. Zuvor beherrschte sie mit schrillen Kleidern und bizarren Frisuren als „Punk-Prinzessin“ oder, wie die „Vanity Fair“ sie taufte, „Princess TNT“ die Schlagzeilen – heute, sagt sie, schüttle sie den Kopf darüber. Sie finde Umstrittensein übrigens eher gut als schlecht, heißt es im Buch, denn „eine umstrittene Person ist immerhin keine langweilige Person“. Unumstritten seien die Opportunisten, „und die waren es auch, die das Wort ‚umstritten‘ zum Stigma erhoben haben“.

Nein, langweilig ist die Fürstin nie, das weiß jeder, der einmal an ihrer Tafel saß, und auch ihr Buch ist in hohem Maße unterhaltsam. Es trägt den Untertitel „Lektionen aus meinem Leben“ und besitzt durchaus den Charakter von Bekenntnissen, allerdings immer wieder aufgelockert durch anekdotische und gesellschaftsgeschichtliche Passagen, halb Autobiographie, halb Betrachtung zur Lage des Landes, vorgetragen in einem amüsanten Plauderton. Die einzelnen Kapitel behandeln Themen wie die Institution Familie, den Adel „als Bastion der Form“, die Manieren als schöne Konvention, die Meinungsfreiheit als Alpha und Omega einer offenen Gesellschaft, den Populismus und worauf er reagiert, die Instrumentalisierung des Rassismus-Vorwurfs durch die ihrerseits rassistische Linke, das Eigentum als Bollwerk der Freiheit und die einseitige Wahrnehmung Afrikas in der hiesigen Öffentlichkeit – Gloria von Thurn und Taxis hat als Kind acht Jahre in Togo und Somalia gelebt, wo ihr Vater die Deutsche Welle etablierte, und besucht bis heute regelmäßig den Schwarzen Kontinent. Natürlich äußert sie sich als Katholikin auch über den Glauben und über die Abtreibung, die sie rigoros ablehnt. Ein Kapitel beschreibt die Regensburger Schlossfestspiele, die in jüngerer Zeit wegen wohlfeiler Protestaktionen in die Schlagzeilen gerieten: „Mit ihren spielverderberischen Boykottaufrufen wollen diese Ultratoleranten letztlich der Bevölkerung ein großes schönes Sommerevent wegnehmen, aus einem unter Zivilisierten lächerlichen Grund: einer anderen Meinung.“ Und auch ihrer vermeintlichen „Homophobie“ widmet die Fürstin einen Abschnitt des Buches („Meine schwulen Freunde lachen sich kaputt, wenn sie von den Unterstellungen hören“).

Indem die Fürstin auf ihr bisheriges Leben zurückblickt, schreibt sie auch eine kleine Kulturgeschichte der Bundesrepublik, beginnend mit der Flucht ihrer Familie vor der Roten Armee im Frühjahr 1945. „Mein Vater Joachim Graf von Schönburg-Glauchau musste als 16-jähriger mit seiner Mutter und seinen sechs Geschwistern auf einer Kutsche vor den Russen fliehen. Wir wurden aus unserer mitteldeutschen Heimat vertrieben – wie sich herausstellte, für immer.“ Die Familie musste bei Null anfangen. Der Graf arbeitete als Leichenwäscher, um sein Studium zu finanzieren, und später als Journalist für den Südwestfunk. Von 1990 bis 1994 saß er als Abgeordneter für die CDU im Bundestag. Die Familie verlor durch den Krieg drei Schlösser in Mitteldeutschland. Für das Mädchen Gloria war das erste eigene Fahrrad ein außergewöhnlich luxuriöses Geschenk. Es führte ein durchaus weiter Weg von dort bis zur ersten Harley Davidson und zum Ferrari.

Sowohl bei den Schönburgs als auch in der Familie Thurn und Taxis, in die sie einheiratete, lässt sich der Stammbaum bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Diese Familie ist wahrhaft „bunt“: „Mein Vater war Sachse, seine Mutter Polin, die Mutter seines Vaters war Belgierin, die Mutter seines Großvaters Engländerin. Meine Mutter war Ungarin, eine Nachfahrin des großen Reformers und ungarischen Nationalhelden István Széchenyi (wenn ich das in Ungarn erwähne, öffnen sich alle Türen). Die Mutter meiner Mutter war eine russische Fürstin und die Mutter ihres Vaters eine österreichische Gräfin.“ Ihr Ehemann, Johannes Fürst von Thurn und Taxis, war als Sohn einer portugiesischen Infantin und Enkel einer Erzherzogin von Habsburg mit allen europäischen Königshäusern verwandt. Fürstin Gloria spricht sieben Sprachen. Es gibt nichts Internationaleres als den Hochadel.

Über die Geschichte des Hauses Thurn und Taxis, die Begründer der deutschen Post, erfährt der Leser im Buch einiges, natürlich gibt es ein Defilee der europäischen und überseeischen Hochprominenz, nicht nur bei der „Märchenhochzeit“ anno 1980 im Schloss Regensburg mit tausend geladenen Gästen (beim Polterabend legte übrigens Thomas Gottschalk als DJ die Platten auf, „der neuerdings auch als ‚umstritten‘ gilt, weil er irgendwelche Sprachregelungen nicht toll findet“). Gloria schenkte ihrem 33 Jahre älteren Gatten umgehend drei Kinder. Danach genoss sie das Leben: „Wir reisten viel, und ich lernte damals in New York alles kennen, was in der Stadt einen Namen hatte, von ausgeflippt bis Establishment, von Andy Warhol über Jean-Michel Basquiat bis zu Keith Haring, der ein guter Freund von mir wurde. Da waren die große Mäzenin Brooke Astor oder Damen wie Nan Kempner, Gloria Vanderbilt, Betsy Bloomingdale und Nancy Reagan. Es gab die legendären Abende im Studio 54 und am folgenden Tag Schlagzeilen wie: ‚Die Fürstin tanzt auf den Tischen.‘ Die Vogue erklärte mich zum ‚Gesicht der 80er-Jahre‘. Es folgten Einladungen zu ‚Wetten, dass‘ und, als Höhepunkt, im November 1985 zu David Letterman, dem bekanntesten Talkmaster der Welt und König der Late Night Show. Eines Tages rief er mich einfach an. Es war, als wäre alles auf diesen Punkt zugesteuert, sozusagen den Höhepunkt meines Exhibitionismus. Mein Mann war hin- und hergerissen; einerseits amüsierte er sich, anderseits war es ihm unangenehm. Mein oberflächliches Brimborium hat immerhin gereicht, dass er in Münchner Lokalen oder im P1 mit ‚Ach, du bist der Mann von der Gloria?‘ angesprochen wurde.“

Mit der Herzkrankheit und dem Tod des Fürsten im Jahr 1990 begann eine neue Zeit. Aus der Partykönigin wurde eine nüchterne Saniererin. Gloria musste feststellen, dass die Management-Truppe, die den Besitz und die Unternehmen des Hauses Thurn und Taxis verwaltete, nicht nur miserabel gewirtschaftet hatte, sondern dabei war, sich Teile davon unter den Nagel zu reißen, und schmiss diese Leute raus. Später veranstaltete sie eine der spektakulärsten Auktionen der deutschen Geschichte, um die Erbschaftssteuer zu zahlen – eine zweistellige Millionensumme –, stieß die unrentablen Unternehmen ab und öffnete ihr Schloss für die Öffentlichkeit. Das US-Wirtschaftsmagazin „Business Week“ wählte sie anno 2002 unter die zehn besten Finanzmanagerinnen.

Da war allerdings der Satz mit dem Schnackselwort schon gefallen, und Gloria von Thurn und Taxis befand sich auf dem Weg – wohin eigentlich? Sie gelte heute als rechts, als katholische Reaktionärin, schreibt sie. Neuerdings trägt sie das Etikett „AfD-nah“. Außerdem ist sie regelmäßige Interviewpartnerin von Julian Reichelt bei „Nius“. „Obwohl sich meine Ansichten in den letzten 20, 30 Jahren kaum geändert haben, gehöre ich auf einmal zu einem stigmatisierten Rand, dessen Angehörigen nahegelegt wird, besser den Mund zu halten. Im Namen der Meinungsvielfalt. Aber wer will mir verbieten, die Dinge so zu sehen, wie ich sie sehe?“

Während ihr Buch in den alternativen Medien großes Interesse fand – Fürstin Gloria trat auch auf Susanne Dagens Buchmesse „SeitenWechsel“ in Halle auf –, ist es im sogenannten Mainstream bislang auf zähes Schweigen gestoßen. Eine Ausnahme machte, wohl auch wegen der lokalen Nähe zu Regensburg, die „Süddeutsche Zeitung“. Die Gazette veröffentlichte am 13. November einen Artikel unter dem Titel „Wie Gloria von Thurn und Taxis zur Netzwerkerin der Rechten wurde“, und der war in seiner Tendenz so erwartbar wie ein Islandtief. Dort erfuhr der Leser, dass sich die Regensburger Schlossherrin selbst „Fürstin“ nenne, „obwohl der Adel in Deutschland 1919 abgeschafft wurde“ – also dass sie, um ein anderes deutsches Eselswort zu gebrauchen, als selbsternannte Fürstin durch ihre zahlreichen Gemächer und Kemenaten streicht. (Apropos: Im Buch plädiert sie für die traditionellen Titel unter dem Aspekt der Höflichkeit, stellt deren Verwendung oder Nichtverwendung aber jedem selbst anheim.) Außerdem erhielt der Leser die Information, dass das Haus Thurn und Taxis mit Schlossfestspielen, Weihnachtsmarkt und den regelmäßigen Besuchern „auch ein Wirtschaftsfaktor für Regensburg“ sei. Warum „auch“? Nun, in der Hauptsache nämlich ist die selbsternannte Fürstin „womöglich eine Gefahr für die Demokratie“. Weil sie Rechtspopulisten ins Schloss einlädt, „fundamentalchristliche“ Ansichten verbreite und einen „Volksbegriff“ verwende, der „vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft werde“ et cetera ad nauseam pp. Schreibt die Demokratieschützerin von der „Süddeutschen“. Was aber tun mit einem womöglich demokratiegefährdenden Wirtschaftsfaktor? Die linken Demonstranten, die regelmäßig vor dem Schloss aufmarschieren, haben auf ihren Plakaten bereits eine Antwort vorgeschlagen: Enteignen! Dann hätte man wenigstens den Wirtschaftsfaktor beseitigt.

Bis dahin wird Fürstin Gloria aber weiterhin fröhlich und in Gottvertrauen ihre Tage verbringen, dann und wann einen Rechtspopulisten einladen, ihr Eigentum pflegen, mit den Regensburgern und den zahlreichen Touristen plaudern und im Souvenirshop des Schlosses unter anderem auch ihr Buch verkaufen. Dessen Lektüre hiermit, wie man sagt: wärmstens empfohlen sei.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 27. Februar erscheinenden März/April-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 260.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: ef 260

Mehr von Michael Klonovsky

Über Michael Klonovsky

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Link starten, Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige