23. Januar 2026

Gold oder Bitcoin? Das eine ist Geld, das andere nicht

Launische Analyse eines „Gold-Bugs“ zur Überbewertung von Bitcoin

von Markus Krall

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Bildquelle: KI: ChatGPT Bitcoin: Nur eine Blase?

Redaktioneller Hinweis: Formeln und Graphen sind nur in der Print- und Digitalausgabe von eigentümlich frei 259 enthalten.

Neulich habe ich mir mal wieder so einen uralten Rififi-Streifen aus den 80ern angesehen. Sie wissen nicht, was das ist, Rififi? Dann hier ganz kurz vorweg: Das ist ein Movie der Kategorie Tresor-Knacker-Genre. Läuft in aller Regel nach einem klassischen Muster ab: Ein kriminelles Genie identifiziert eine große Beute, und irgendwie weiß er auch, wie man drankommt. Aber allein kann er das nicht, er braucht weitere kriminelle Genies, die meisten davon schon lange im Ruhestand, keine Lust mehr auf das ganz große Ding, aber er bringt das Team zusammen, denn er ist einfach ein klasse Typ, dem man nichts abschlagen kann.  

Als Zugabe stellt sich dann meistens heraus, dass der Typ, der bestohlen werden soll, selbst ein kriminelles Schwein ist, aber nicht die Sorte Gentleman-Verbrecher, aus denen sich unser Team zusammensetzt, mit dem wir uns als Zuschauer identifizieren können. Nein, er hat Witwen und Waisen bestohlen und mindestens einem aus unserem Team die Frau ausgespannt und sie dann schlecht behandelt. So weit, so gut. Manchmal werden da ganze Serien draus gemacht, bei denen das Team des Hauptprotagonisten langsam anwächst, wie bei Ocean‘s Eleven, beim nächsten Mal sind es dann schon zwölf und so weiter. Von Effizienzsteigerung haben die aber auch noch nichts gehört.  

Manchmal startet das Ganze schon mit einer Tresorknacker-Szene, bei der einer unserer Protagonisten mit viel Technik, aber noch mehr Fingerspitzengefühl an einem Tresor sitzt, während ihm sein Kumpel den Rücken frei hält und die Zeit läuft, bis die Alarmanlage endlich losgeht. Er muss sich also beeilen. Mir konnte noch keiner erklären, warum die beknackte Alarmanlage so dämlich programmiert ist, dass er in der Zwischenzeit das Ding ausräumen kann, aber was soll’s, ich bin ja kein Regisseur, der für Spannung im Publikum sorgen muss.  

Ganz und gar gemein wird es natürlich, wenn er das Ding gerade noch rechtzeitig knackt, die Türe schwingt auf, er schaut rein und stellt fest: Fuck, das verdammte Ding ist leer. Jemand war vor ihm da. Oder der Eigentümer hat ihn gelinkt und seine Schergen stehen schon unten, um ihn ins offene Messer laufen zu lassen. Jedenfalls ist das Ding leer. Ich meine leer wie nichts drin, Sie verstehen, oder? Kein Geld, keine Kohle, kein Gold, keine Diamanten, keine total wichtigen Dokumente über korrupte Politiker. Nichts.  

Warum erzähle ich Ihnen das eigentlich? Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein: Etliche von uns sitzen nämlich seit längerer Zeit in Permanenz vor so einem Tresor, von dem wir glauben, alle Reichtümer der Welt seien darin versteckt. Das Ding hat ein absolut unknackbares Schloss, hat man uns gesagt. Das Ding ist derart geheim, dass sogar sein Name das griechische Wort für „verborgen“ enthält, nämlich Krypto. Seit der Einführung des Kryptonits im Zuge von Supermanns halblegaler Migration auf den Planeten Erde hat diese Buchstabenfolge niemals mehr Gemüter bewegt als jetzt. Wir starren alle voller Faszination auf diesen Tresor, unsere Finger gleiten ehrfürchtig über die mathematische Stahlhülle, repräsentiert durch unsere Computertastaturen. Wieviel wohl drinnen liegt? So um die 100.000, wie es aktueller Konsens der Investoren ist? Oder doch eine Million? Vielleicht gar 10 Millionen oder mehr für ein einziges Stückchen Bitcoin, das Anfang 2010 noch einen Cent kostete?  

Das absolut Faszinierende daran ist: Eigentlich wissen wir, dass hinter der riesigen Tresortüre gar nichts ist. Nur der Tresor ist da. Aber wenn wir die Türe wirklich aufbekommen würden, dann wäre da nichts, gar nichts, Null-komma-Josef, wie man in Österreich sagt.  

Wir haben uns aber angewöhnt zu denken, dass das Nichts irgendwie doch attraktiv und wertvoll ist. Schließlich gibt es von diesem Nichts nur 21 Millionen Stück, nicht vermehrbar, versprochen. Das Nichts ist knapp, wie Sie sehen. Um an es ranzukommen, müssen gewaltige Rechenkapazitäten eine irre Menge Strom verbrauchen, und davon immer mehr, mit steigendem Grenzaufwand. Welchen Beweises bedarf es denn noch, dass das Nichts knapp und wertvoll ist?  

Ich möchte diesen Mythos heute so frontal angreifen wie einst Luther, der mit einem einzigen Aufsatz das Fiatgeldsystem des Ablasshandels zum Einsturz brachte. Wie bitte? Was faselt der Krall da vom Ablasshandel?   

Lassen Sie mich dafür ein wenig ausholen: Vom Ablasshandel haben die meisten schon gehört. In der Renaissance kam ein Papst auf die schon ziemlich geniale Idee, den Zugang zum Himmelreich mit einer Art Mautgebühr zu versehen. Dem guten christlichen Untertan war lange genug eingebläut worden, dass in den Himmel nur der kam, der unbelastet von Sünde vor das Himmelstor tritt. Alle anderen kommen je nach Schwere ihrer irdischen Verfehlungen ins Fegefeuer zur Reinigung, bevor sie eingelassen werden, oder, wenn es ganz schlimme Finger sind, direkt in die Hölle, die nun wahrlich kein vergnügungssteuerpflichtiger Ort ist.  

Da es sich aber leider so verhält, dass der Mensch voller Schwächen und Fehler auf die Welt kommt und niemand, also wirklich gar niemand, frei von Sünde ist, sind im Jenseits die Straßen nach oben und unten sehr unterschiedlich gefüllt. Und glauben Sie mir eines: Da wollen Sie nicht runter. Garantiert nicht.  

Aber zum Glück gibt es da noch den Papst, den Stellvertreter Gottes auf Erden. Papst zu sein war in jener Zeit durchaus praktisch. Man war mächtig, reich, mit dem Zölibat musste man es auch nicht immer so genau nehmen, und rein formell stand man sogar über Kaiser und König. Aber man hat auch Pflichten als Papst. Zum Beispiel musste man extrem prächtige Kirchen und Paläste bauen, damit auch jedem da draußen klar war, wo der Hammer hängt und wer den größten Palazzo hatte. Das Ganze mit viel Kunst, viel Gold und Marmor, und günstig wäre es auch, wenn es noch zu unseren Lebzeiten fertig wird, denn mit einer Baustelle ist schlecht protzen. Das alles kostet Geld, viel Geld. Aber woher nehmen und nicht stehlen? Also, nicht dass wir das mit dem Stehlen nicht drauf gehabt hätten, schließlich war die Kirche ja auch so was wie ein Staat, und Staaten leben nun mal vom Stehlen. Aber ihr kleiner Raubzug ist auf ihr Territorium beziehungsweise auf ihre Untertanen begrenzt, und diesbezüglich lief der Kirchenstaat nur unter ferner liefen.  

Man wäre jedoch nicht Papst, wenn man nicht gewitzt wäre. Und so kam diese Sache mit dem Ablass in Gang. All die armen Sünder durften Hoffnung schöpfen. Es wurden Zettel gedruckt, und auf diesen Zetteln stand, dass ihr Inhaber vom Papst höchstselbst von allen Sünden freigesprochen worden war, vorzulegen beim Tode an der Himmelspforte. Der Papst konnte das, weil er in seiner in theologischen Fragen üblichen Unfehlbarkeit behauptete, dass er, als Stellvertreter des Himmels auf diesem jämmerlichen Erdenrund, über den unbegrenzten Gnadenschatz Gottes verfügte, aus dem er schöpfen und damit jeden von der Sünde freisprechen konnte. Das ging auch noch nachträglich für schon verstorbene Verwandtschaft. Sehr praktisch, das Ding.  

Zum Ausgleich war eine kleine oder auch eine etwas größere Spende fällig. Schon genial, oder? Ablasshändler zogen übers Land, um die Zettel unters Volk zu bringen, und ob ihr Werbespruch wirklich „Die Seele aus dem Feuer springt, wenn das Geld im Kasten klingt“ war oder nicht, ist nicht so erheblich, denn darauf lief das Geschäftsmodell schon hinaus. Wir haben das übrigens jüngst wiederbelebt mit dem Slogan „Das Eis am Pol noch lange blinkt, wenn das Geld im Kasten klingt.“ Aber das nur am Rande.  

Wie jede Zentralbank heute weiß, entwickeln Zettel, die man bedruckt, ein Eigenleben. In diesem Falle war es so, dass Leute sich einen Ablasszettel kauften, damit sie ob ihrer Sünden nicht zur Hölle fahren sollten. Dann schliefen sie eine Nacht drüber. Doch oh Graus: Zweifel plagten unseren Käufer. Reicht ein Zettel wirklich angesichts der Schwere meiner Sünden? Und was ist mit den Sünden, die ich erst nach dem Erwerb dieses theologischen Meister Proper begangen habe? Brauche ich dafür einen Extrazettel? Womöglich ein lebenslanges Abonnement, um sicherzugehen? Schon nach wenigen nicht durchschlafenen Nächten und Träumen des grinsenden Teufels, der eine Rechnung präsentierte, die den Kaufpreis des Ablasszettels überstieg, sind wir dann schweißgebadet aufgewacht und haben uns sicherheitshalber gleich am nächsten Morgen noch einen Zettel beim Ablasshändler besorgt. Zum Glück hatte er noch welche, er bekam einen der letzten Verfügbaren, denn der Papst hatte angekündigt: Die Dinger bleiben knapp! So machen Zentralbanken das übrigens bis heute.  

Erkennen Sie allmählich die Parallelen zum Papiergeld, liebe Freunde? Nein? Dann lassen Sie uns sehen, wie es weiterging. Die Risikobewussten unter uns hatten sich nach einiger Zeit mit einer größeren Menge an Ablasszetteln eingedeckt, nach der Devise: „Teufel, ich scheiß Dich zu mit meinem Geld!“ 

Aber irgendwann kam dann der Tod, und obwohl wir mit gewisser Wahrscheinlichkeit annehmen dürfen, dass der arme Verstorbene die virtuellen Zettel mit auf die letzte Reise genommen hat, war das physische Papier ja noch da. Und da auf den Zetteln nicht der Name des Käufers stand und nirgendwo geschrieben stand, dass die Eintrittskarte ins Himmelreich nicht übertragbar war, konnte man die dann auch erben, verschenken oder – und jetzt kommt’s – weiterverkaufen. So setzte ein reger Tauschhandel ein, bei dem die schönen Zettel schließlich zum Bezahlen verwendet wurden und – voilà – so mutierten sie zu Geld. Papiergeld allerdings, dessen Wert an einer kleinen, winzigen Annahme im Kleingedruckten hing, nämlich der Existenz des gewaltigen Gnadenschatzes unseres lieben Papstes in Rom.  

Ich weiß, was Sie jetzt denken. Der Krall ist heute aber wieder mal kleinlich, gell? Aber solche Petitessen können einen gewissen Unterschied machen, Sie werden schon sehen. Dieses innovative Fiat-Papiergeldsystem florierte eine Weile, obwohl niemand den Tresor mit dem als Deckung dienenden Gnadenschatz des Papstes je gesehen hatte. Es war halt eine Sache des Glaubens.  

Dann kam ein gewisser Martin Luther, der sich an dieser profanen Kommerzialisierung des Glaubens aufgrund kleinlicher und spießbürgerlicher Überzeugungen doch sehr störte. Das Problem: Gott gab ihm Recht, denn der Mann hatte seine Bibel gelesen und bewies mit einem theologischen Traktat erster Kampfklasse, dass das mit dem Gnadenschatz aus christlicher Sicht vollkommener Blödsinn ist, und seine Grundargumentation war so einfach wie bestechend: Christus ist für unsere Sünden gestorben, und damit ist die Schuld unserer Verfehlungen abbezahlt. Alles, was der gute Christenmensch dafür tun muss, ist, dieses Geschenk Gottes anzunehmen durch seinen Glauben. Und weil dieser Luther ein Meister der deutschen Sprache war, dem stets ein kesser Spruch einfiel – „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“ –, wurde das auch von einer Menge Leute aufmerksam gelesen.  

Es kam noch schlimmer: Die Leute konnten die Argumente Luthers nachvollziehen, und der Irrglaube an die Wirksamkeit der Ablasszettel war damit buchstäblich beim Teufel. Verdammlich aber auch, oder? Das Ergebnis war, dass der Wert dieses Fiatgeldes über Nacht zusammengebrochen ist, was eine Schockdeflation und eine veritable, aber kurzlebige Wirtschaftskrise ausgelöst hat. Und wieder war ein Fiatgeld gestorben.  

Zurück zu unserem Krypto-Tresor. Ich ahne, dass Sie ahnen, dass ich ahne, dass Sie ahnen, worauf es jetzt hinausläuft, oder?  

Unser Krypto-Tresor hat für seinen Wert nämlich auch so eine Annahme, oder sogar eine Kette von Annahmen, die zwingend erfüllt sein müssen, damit Bitcoin etwas wert ist. Das Kleingedruckte steht nicht in der Bibel, aber der Säulenheilige der Kryptoreligion, Satoshi Nakamoto, verbürgt sich dafür.  

Diese Annahme ist: Bitcoin ist Geld oder wird es jedenfalls irgendwann werden, und zwar so, dass dieses Geld alle Funktionen erfüllt, die Geld nun mal haben muss, um seiner Aufgabe in einer arbeitsteiligen Wirtschaft gerecht zu werden. Die Funktionserfüllung als Geld ist gewissermaßen der Gnadenschatz, auf den wir bei Bitcoin spekulieren. Um das zu unterlegen, sagt man uns, dass Bitcoin nach dem Vorbild von Gold modelliert ist, strikte Begrenztheit auf 21 Millionen, steigender Aufwand bei der Förderung durch Erschöpfung der günstig abbaubaren Vorkommen analog dem Golde und so weiter. Es sei „digitales Gold“.  

Das Problem eines Modells ist, dass es eben ein Modell ist. Bitcoin ist ebensowenig Gold wie ein architektonisches Modell eines Bahnhofs ein Bahnhof ist, noch nicht mal dann, wenn eine Modelleisenbahn da durchfährt. Noch schlimmer aber ist, dass das vermeintliche Goldmodell Bitcoin die Funktionsvoraussetzungen von Geld nicht erfüllt.

Ich werde im Folgenden darlegen, warum ich denke, dass Bitcoin weder ein Geld ist noch eines werden kann und dass es infolgedessen zwingend ist, dass es irgendwann einmal puff macht und sich als gewaltige Blase in heiße Luft auflösen wird. Bitcoin wird das Schicksal der Tulpenmanie erleiden. Mit dem kleinen Unterschied, dass diese Blase sehr viel größer sein wird als die im damaligen Holland.  

Ich weiß, dass ich damit einen riesigen Teil der libertären Community, die so fest an Bitcoin als Alternative zum Fiatgeld glauben will, ganz schrecklich auf die Barrikaden bringe. Aber da wir hier nicht unter Linken sind, habe ich die Hoffnung, dass das zivilisiert und mit Argumenten passieren wird. Ich lade Sie also alle ein, meine vorgetragenen ökonomischen Argumente zu widerlegen. 

Ich bitte aber auch alle Libertären zu bedenken, dass es möglicherweise eine schlechte Idee ist, Bitcoin und Libertarismus geradezu schicksalhaft zu verknoten, denn dann würde ein Scheitern von Bitcoin in Form einer kollabierenden Blase nicht nur das Vermögen der Bitcoiner in ein schwarzes Loch saugen, sondern auch die untadelige Wirtschaftstheorie der Österreichischen Schule beschädigen, was in meinen Augen weitaus schlimmer wäre als das Verschwinden der Kryptowährung.  

Geld muss, um als Geld zu funktionieren, bestimmte Eigenschaften aufweisen, damit es als Tauschmittel eingesetzt werden kann. Eine dieser Eigenschaften ist Wertstabilität gegenüber einem breiten Warenkorb, idealerweise einem Warenkorb, der das gesamte Inlandsprodukt umfasst. Der Grund, warum Fiatgeld so oft versagt, ist genau darin zu suchen, dass diese Stabilität dort nicht gegeben ist, weil es entweder inflationär an Wert verliert, die Preise also „auf breiter Front“ steigen, was nichts anderes heißt, als dass der gesamte Warenkorb des Bruttoinlandsproduktes sich verteuert, oder weil durch Pleiten von Großschuldnern, meistens Banken, eine Schockdeflation ausgelöst wird, die eine depressive Wirtschaftskrise nach sich zieht. Beides passiert nur im Fiatgeld, nicht im Goldstandard.  

Nun sollte man annehmen, dass Bitcoin durch seine konstante nominale Menge gegen dieses Problem gefeit sei. Dem ist aber nicht so, weil Bitcoin von Anfang an keinen Wertanker hatte. Bitcoin ist, wie man in der Österreichischen Schule der Nationalökonomie sagen würde, eben kein Warengeld. 

Was ist ein Warengeld? Es ist eine Ware, die jeder haben will und die jeder im Tausch gegen andere Waren gerne annimmt, weil er sie als Ware schätzt und nicht a priori als Tauschmittel. Es ist ein evolutionärer Prozess, der die Ware zu Geld macht. Und so wurden Gold und Silber vor tausenden von Jahren zu Geld. Der ursprüngliche Wertanker liegt in den schon vor der Geldfunktion eingependelten Tauschverhältnissen zu anderen Gütern, die die Nutzenfunktion der Marktteilnehmer reflektierten.  

Bitcoin hingegen hat keinen solchen Wertanker und unterliegt auf dem scheinbar unaufhaltsamen Weg nach oben extremen Kurs- und damit Wertschwankungen gegenüber dem BIP-Warenkorb. Dass diese Volatilität nach oben noch stärker ist als nach unten, spielt dabei keine Rolle. Die extremen Schwankungen sorgen dafür, dass Bitcoin bisher nicht als Geld eingesetzt wird. Sein Anteil am Zahlungsverkehr ist so gering, dass man ihn eigentlich als nicht existent oder experimentell bezeichnen muss. Bitcoin wird vielmehr von Investoren und einer Fangemeinde gehalten, die zwei Dinge unterstellen. 

Erstens: Die Kurssteigerungen gehen unter Schwankungen noch sehr lange weiter. Im Ergebnis werden wir alle reich. Es lässt sich beim besten Willen nicht abstreiten, dass das ein Spekulationsargument ist, kein ökonomisches.  

Fairerweise beruht das Spekulationsargument aber auf einem ökonomischen Argument, nämlich dass – zweitens  – Bitcoin in der Zukunft zu Geld wird, und zwar zu einem Geld, das alle Funktionsvoraussetzungen und Eigenschaften eines guten Geldes erfüllt, insbesondere Wertstabilität gegenüber dem breiten Warenkorb als Voraussetzung für die Tauschfunktion.  

Ist diese Wertstabilität nicht gegeben, dann kann die Tauschfunktion nicht erfüllt werden, weil weder die Unternehmen noch die Konsumenten das Geld zur Basis einer wirtschaftlichen Planung einsetzen können. Diese Wirtschaftsrechnung genannte Funktion ist für eine marktwirtschaftliche Tauschwirtschaft aber unverzichtbar, wie schon Ludwig von Mises vor 100 Jahren in seiner Fundamentalkritik des Sozialismus eindrucksvoll bewiesen hat. Das ist der Grund, warum Inflation und Schockdeflation die rationale Planung und Ressourcenallokation verhindern.  

Mit anderen Worten: Bitcoin müsste, um Geld zu werden, nicht nur die Kursvolatilität abwerfen, sondern auch den kometenhaften Aufstieg beenden, um so auf einen „Gleichgewichtskurs“ einzuschwenken. Der Kursverlauf von Bitcoin müsste damit einer logistischen Funktion folgen. Damit es das kann, müsste es einen solchen Gleichgewichtskurs geben. Es gibt ihn aber nicht, und das gilt sowohl theoretisch als auch empirisch. Schauen wir uns die logistische Funktion etwas genauer an. Die Standardform der logistischen Funktion lautet:  

Parameter:  

• L = oberes Limit (Sättigungswert, z. B. maximale Bevölkerung, Kurswert etc.)  

• k = Steigungsparameter (je größer, desto steiler der Anstieg)  

• x0 = Wendepunkt (der x-Wert, bei dem die Hälfte von L erreicht wird)  

• e = Eulersche Zahl (~ 2,71828)  

Theoretisch müsste hierfür die Frage beantwortet werden: Wie hoch ist dieser Gleichgewichtskurs L, also der obere Sättigungswert, und warum genau hat er diese Höhe? Das können wir nicht beantworten, denn wenn wir es rational könnten, würde der Kurs sofort dorthin springen, jedenfalls wenn der a priori formulierte Anspruch von Bitcoin, allgemein verwendbares und akzeptiertes Geld zu werden, wahr ist. Es kann also aktuell niemand auf dem Planeten auch nur eine begründete Vermutung darüber anstellen, ob dieser Gleichgewichtskurs bei 100.000 Dollar liegt oder bei einer Million oder bei 10 Millionen oder bei 13.567.334 Dollar.  

Und auch empirisch sieht es finster aus. Ich habe mich über eine logistische Regression an die Frage herangetastet, indem ich – Faulheit siegte – erst mal einfach ChatGPT gebeten habe, mir eine Zeitreihe der Bitcoin-Kurswerte seit 2010 herunterzuladen und dann gegen eine logistische Funktion unter Optimierung des R-Quadrat-Wertes zu optimieren. Die Antwort war ziemlich ernüchternd. Zitat: „Eine logistische Funktion passt auf den Bitcoin-Kurs sehr schlecht bis bestenfalls mittelmäßig – die Parameterschätzung ist instabil und hängt extrem davon ab, welchen Zeitraum, welche Datenfrequenz (täglich/monatlich) und welche Zielgröße (Preis versus Log-Preis versus realer Marktwert) du nimmst. In fast allen sinnvollen Setups ist  das R² nur niedrig bis moderat (typisch deutlich < 0,7; auf linearem Preis oft noch schlechter), der Wendepunkt x0 nicht robust (verschiebt sich je nach Startwerten/Zeitraum), das obere Limit L nicht identifizierbar (der Fit treibt L leicht ins „Unendliche“ bzw. an die Randbedingung), weil Bitcoin viele Regimewechsel/Blasen/Crashs hat, die eine S-Kurve nicht abbilden kann. Mit anderen Worten: Es gibt keine belastbaren „optimalen“ Werte für R², x0 und L.“  

Schaut mich nicht so anklagend an, wie ein Häschen, das in den Gewehrlauf guckt, das habe nicht ich gesagt, ich habe es bloß zitiert.  

Weil ich aber ein ziemlicher Nerd und Dickschädel sein kann, wenn mir das Ergebnis nicht passt, habe ich es dann eine Weile lang vergeblich selbst versucht, die widerspenstige Zeitreihe auf eine logistische Kurve zu kreuzigen, wobei ein Grundproblem schon darin auftrat, eine autoritative Quelle für den tatsächlichen Verlauf des Bitcoin-Kurses zu identifizieren. Da scheinen ja regelrechte Glaubenskriege zu herrschen. ChatGPT bot mir dann wegen meiner Verzweiflung eine auf logistische Funktion geglättete Kurve an, die leider einen Schönheitsfehler hatte: Sie beruhte nicht auf tatsächlichen, sondern auf stratifizierten Daten, sozusagen ein Prokrustesbett für widerspenstige Zeitreihen, die so lange vergewaltigt werden, bis sie auf die verlangte mathematische Funktion passen. Hat mich irgendwie an die „Klimawissenschaft“ erinnert. Ich will Ihnen das Ergebnis aber nicht vorenthalten.  

Demnach wäre Bitcoin bereits 2017 auf einen Sättigungswert eingeschwenkt und hätte seitdem volatil um ihn herum oszilliert. Das Problem ist, dass man schon auf den  ersten Blick sieht, dass das eben nicht der Kursverlauf war und nicht einmal der aktuelle Kurs korrekt erfasst wurde.  

Schauen wir uns aber diesen tatsächlichen Verlauf an, dann sehen wir auch schon mit bloßem Auge, warum nicht mal die KI das Ding in einen logistischen Verlauf pressen kann. Es passt einfach nicht, und damit ist auch der Versuch, empirisch zu erzwingen, was sich theoretisch nicht herleiten ließ, gescheitert.  

Um es ganz brutal zusammenzufassen: Bitcoin ist eine Blase. Eine gigantische und erstaunlich innovative Blase, aber eine Blase. Und deshalb wird sie auch platzen, so wie jede Blase in der Geschichte der Menschheit vor ihr.  

Auch das Krisenverhalten von Bitcoin deutet darauf hin. Wenn die Märkte für Aktien und Anleihen unter Druck geraten, dann tut es auch der Bitcoin-Kurs. Und er erholt sich gemeinsam mit anderen liquiditätsabhängigen Vermögensanlagen, wenn die Zentralbanken dann zur Rettung schreiten. So zuletzt bei dem Einbruch an den Aktienmärkten Anfang 2025. Das macht Bitcoin nicht zu einem Krisenschutz, sondern zu einem Krisenverstärker und abhängig von der Rettung durch die Zentralbanken. Das ist nicht gerade der Anspruch einer stabilen Krisenschutzanlage, wenn die Zentralbanken ihren Kursverlauf retten mussten, wenn auch nur als Abfallprodukt der Rettung der anderen Kapitalvermögenswerte Aktien und Anleihen. Noch viel weniger erfüllt das den Anspruch, eine Alternative zum Fiatgeld zu sein.  

Wir können sogar ansatzweise erahnen, wie das Platzen der Bitcoin-Blase vonstattengehen könnte: Bitcoin hat einen durchaus großen Anteil zyklischer und mit Hebelung versehener, also kreditfinanzierter Investoren. Diese Investoren sorgen einerseits mit ihren weitverbreiteten Zyklustheorien für eine sich selbst erfüllende, aber möglicherweise auch selbstverstärkende Zyklizität des Kursverlaufs, sie benötigen andererseits eine über dem Marktzins liegende Verzinsung ihres Bitcoin-Investments, um es überhaupt halten zu können. Würde Bitcoin auf einen vermeintlichen Sättigungskurs einschwenken, so wären diese Investoren geneigt und viele sogar gezwungen, ihre Bitcoin abzustoßen, um ihre Kredite zu bedienen. Das würde zu einem Kursrückgang und im Extremfall zu einem Kurskollaps führen, wenn sich die Dynamik herumspricht. Das bedeutet: Nicht nur ist völlig unklar, ob es einen Sättigungswert, also ein für die Funktion des Geldes notwendiges Gleichgewicht des Bitcoin-Kurses überhaupt gibt, es gibt auch einen Abstoßungseffekt, wenn die Investoren auch nur vermuten, dass er erreicht sein könnte, was seine Erreichung praktisch völlig unmöglich macht.  

Auch eine Katastrophe des Fiatgeldes würde dieses Problem nicht lösen, denn auch wenn Dollar und Euro weg wären, bleiben Edelmetalle und der Warenkorb der Volkswirtschaft als Maßstäbe erhalten. Das Problem bekommt nur eine andere Denominierung.  

Das Argument, dass allein die schiere Höhe des Bitcoin-Kurses von zuletzt um die 100.000 US-Dollar (bei Redaktionsschluss nach einem dramatischen Absturz deutlich weniger) doch auf einen intrinsischen Wert hinweist, lasse ich nicht gelten. Beim Höhepunkt der Tulpenblase nach mehreren Jahren der „Tulpenmanie“ betrug der Preis der begehrtesten Sorte „Semper Augustus“ 10.000 Gulden für eine einzige Tulpenzwiebel, was 8,8 Kilogramm Gold entsprach, gegenwärtig über eine Million Dollar. Da hat selbst Bitcoin noch was hin, Leute! Für das gleiche Geld bekam man damals übrigens ein stattliches Herrenhaus, ein großes Anwesen, das sich nur wenige leisten konnten.  

Ich denke, dass das selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass ich als alter Goldbug ganz klar voreingenommen und parteiisch bin, in Summe ziemlich schlechte Nachrichten für die Bitcoin-Aficionados sind. Ehrlich gesagt bin ich selbst etwas schockiert darüber, denn meine eigene Schizophrenie beim Thema Bitcoin ist ja seit Jahren hinreichend bekannt: Ich bin ein Skeptiker, der hofft, dass er von den Bitcoinern oder der Realität widerlegt wird, weil ein Erfolg von Bitcoin, also letztlich ihre Übernahme von echter Geldfunktion, die Zentralbanken schwächen würde. Und der Feind des Teufels ist mein Freund, auch wenn er nicht Gold oder Silber heißt.  

Also, liebe Bitcoin-Gemeinde: Bitte widerlegt diese Argumente. Ich meine das nicht ironisch oder gar sarkastisch, ich meine das ganz so, wie es da steht. Ich würde mich darüber freuen.  

Aber bis das passiert, ist mein Rat an alle Investoren da draußen: Betrachtet für euer Portfolio Bitcoin lieber nicht als strategische Komponente, sondern allenfalls als durchaus hochspekulative Beimischung. Der Rat hätte auch damals bei den Tulpen die eine oder andere Enttäuschung verhindert, denn wenn Bitcoin euer Portfolio dominiert und meine Analyse sich als richtig erweisen sollte, dann macht ihr etwas, was man als Investor niemals tun darf, nämlich euer Vermögen irgendwann mit einem Faktor von Null zu multiplizieren. Und wer bei meinen Beiträgen und  Vorträgen zum Thema Investieren aufgepasst hat, der weiß: Einmal mit Null multipliziert ist die künftige Performance egal, man bleibt dann auf null. Kein spekulativer Gewinn ist das wert.  

Nachtrag: Mein Video zu diesem Thema hat viele Antworten und Gegendarstellungen getriggert, wofür ich dankbar bin. Zeigt es doch, dass die libertäre Debattenkultur der linken solchen meilenweit überlegen ist. Jedoch hat keines dieser Videos, trotz zum Teil Überlänge, den Kernpunkt meiner Kritik adressiert. Vielmehr ist man der Sache ausgewichen, indem man das bisherige Kernargument pro Bitcoin einfach über Bord geworfen hat und jetzt behauptet, dass Bitcoin ja gar kein Geld werden solle, sondern nur ein Wertspeicher. Come on, Leute. Wir wissen alle, dass es ohne die Geldfunktion kein Wertspeicher sein kann, dass auch ein Wertspeicher diese Volatilität nicht aushält und dass die eigentliche Idee von Bitcoin die Konkurrenz zum Fiatgeld ist. Bitcoin sei ja, wie wir allenthalben hören, digitales Gold. Und dass Gold Geld ist, dürfte nach 5.000 Jahren, in denen es sich als Geld bewährt hat, unstrittig sein.  

Gebt euch also gefälligst etwas mehr Mühe! Danke im Voraus! Herzlichst, euer „Gold-Bug“ Markus Krall

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 22. Dezember erscheinenden Jan.-Feb.-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 259.


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