20. November 2022

RezensionStefan Blankertz: Von der Sinnlosigkeit des Kriegs

Das Ernst-Jünger-Paradox

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Im vorliegenden Text setzt sich Autor Stefan Blankertz mit zwei Essays von Ernst Jünger („In Stahlgewittern“ und „Sturm“) auseinander. Kenntnisse der Werke Jüngers und auch zu seinem Leben sind zum Verständnis des Büchleins (116 Seiten) hilfreich. Hauptthese Blankertz‘ ist dabei, dass die Nähe zum Nationalsozialismus, die Jünger allgemein unterstellt wird, zumindest fragwürdig sei. Ernst Jünger gilt als der, der in Deutschland den Schrecken des Krieges beschönigte und damit relativierte, wenn nicht leugnete. Aber, und hier zitieren wir Blankertz: „Nichts in dem Text ‚Sturm‘ weist uns darauf hin, dass es außerhalb dieses Textes einen anderen Blick auf den Krieg als den aus der Perspektive der Sinnlosigkeit gibt.“ Jüngers Ziel besteht freilich nicht in der Weltrettung, sondern in der Erhaltung seiner eigenen geistigen Gesundheit. Blankertz diskutiert daraus folgend Jüngers Sicht auf Macht und Herrschaft und kommt zum Schluss, dass weder in „Sturm“ noch in anderen literarischen Spuren Jüngers sich lesen lässt, dass es eine Rechtfertigung für Herrschaft gebe – der Anwendung oder Androhung von Gewalt, um Gefolgschaft zu erzwingen. Blankertz nutzt dann die Gelegenheit für eine Analyse der Kategorien Demokratie, Gesellschaft und Gemeinschaft: „Dieses irre Prinzip, das behauptet, es sei ‚Recht‘, wenn die zufällige Mehrheit in einem per Gewalt festgelegten Territorium die Herrschaft ausübt über die dort lebenden Gemeinschaften und Individuen. Keinen Staat der Erde gibt es, den nicht Gewalt konstituierte und den Gewalt nicht aufrechterhält.“ Schlussendlich findet Blankertz anarchistische Positionen bei Jünger, wobei dieser eine Unterscheidung zwischen Anarchisten (leisten aktiven Widerstand) und dem „Anarchen“ postuliert (Roman „Eumeswil“). „Der Anarch übe keinen aktiven Widerstand aus, weil dieser das System des Machtkampfes nur festige, vielmehr ziehe jener sich ungeniert zurück: Er macht nicht mit.“ Fazit: Wer Ernst Jünger „Kälte“ unterstellt, versteht nicht zu lesen.


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Dossier: ef 228

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Autor

Ronald K. Haffner

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