13. Oktober 2021

Politische Ponerologie Warum Böses geschieht

Ein Buchtipp

von Klaus Peter Krause

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Bildquelle: Dundamin / Shutterstock.com Böse Menschen: Meist eben nicht auf den ersten Blick zu erkennen

In den vielen Kommentaren zu einem Beitrag von mir, der auch bei ef erschienen ist, bin ich durch einen Link auf ein Buch über Ponerologie gestoßen worden. Ponerologie kommt vom griechischen πόνερος (poneros) = Böses. Ponerologie ist die Lehre von der Natur des Bösen. Der Buchtitel lautet „Politische Ponerologie – Eine Wissenschaft von der Natur des Bösen und seiner Anwendung für politische Zwecke“. Autor ist der polnische Psychologe Dr. Andrzej M. Łobaczewski. Das polnische Original stammt von 1985, die deutsche Übersetzung von 2008.

Was mit normalem Verstand als Verirrung zu werten ist

Das Buch erhellt, warum Böses geschieht und menschlicher Natur immanent ist. Es zeigt aber auch einen Weg in Richtung Hoffnung auf: durch breite Information über diese Wissenschaft und die dadurch ausgelöste mögliche und leichtere Gegenwehr der Bürger. Denn eine Gefahr zu kennen, erleichtert es, ihr auszuweichen und zu entgehen. Die Erkenntnisse von Łobaczewski können erschließen helfen, warum wir erleben, was mit normalem Verstand als irreal und Verirrung zu werten ist und nun schon länger schritt- und scheibchenweise geschieht.

Eine Erklärung, warum Menschen eine „Große Transformation“ und einen „Great Reset“ betreiben sowie Corona-Panik schüren

Stichworte dafür sind Große Transformation, Great Reset, geschürte Corona-Panik, irreale Klimaschutzpolitik, absurde Energiewende, offene Grenzen für Massenmigration, geduldete Islamisierung, Gender-Wahn, Legalisierung der Abtreibung, mangelhafte Antifa-Abwehr, Verharmlosung von Linksextremismus, schleichende Familienzerstörung, Bildungsniedergang durch eine Schulpolitik des nachlassenden Leistungsdrucks, fremdgesteuerte Bewegungen wie Fridays for Future (FFF) oder Black Lives Matter (BLM) und Political Correctness. All dies läuft letztlich auf den altbekannten Sozialismus hinaus, nur nennen ihn seine Betreiber nicht mehr so, sondern präsentieren ihn mit sprachlichen Verkleidungen, die darüber hinwegtäuschen (sollen), was dabei an schlimmen, an bösen Folgen für die Menschheit herauskommt. Nach wie vor gilt: Sozialismus ist nie tot, er ist allenfalls nur scheintot. Warum gibt es Menschen, die dergleichen Böses den anderen Menschen antun? Das Buch von Łobaczewski bietet dafür eine wissenschaftliche Erklärung.

Das erste Exemplar verbrannt, das zweite verschollen, als drittes nochmals verfasst

Ein Vor-Vorwort erläutert, dass Łobaczewski das erste Manuskript seines Buches verbrannt hat, kurz bevor die polnische Geheimpolizei bei ihm erschien. Später wurde dessen Inhalt „unter widrigsten Bedingungen der Unterdrückung“ aufs Neue zusammengestellt und mit einem amerikanischen Touristen als Kurier an den Vatikan adressiert, der den Empfang aber nie bestätigt, vielleicht auch gar nicht erhalten hat. Abermals war der Text verloren. 1984 verfasste Łobaczewski aus verbliebenen Aufzeichnungen und aus dem Gedächtnis ein drittes Manuskript. 1985 wurde es aus dem Polnischen ins Englische übersetzt, aber das Erscheinen als Buch unterdrückt.

Warum das Buch erst 2006 auf den Markt kam

Łobaczewski formuliert die Unterdrückung in seinem Vorwort zur aktuellen Ausgabe genauer und eleganter so: Das Manuskript „wurde von denjenigen, die es gelesen hatten, als ‚sehr informativ‘ eingestuft, doch es wurde nie veröffentlicht. Für Herausgeber psychologischer Bücher war es ‚zu politisch‘, und für Herausgeber politischer Bücher enthielt es ‚zu viele psychologische und psychopathologische‘ Elemente. Und bei manchen Herausgebern war in ihrem Programm kein Platz mehr. Schrittweise wurde immer klarer, dass das Buch den Kontrollen der ‚Insider‘ nicht standhielt.“ Verlegt als Buch wurde das Manuskript erst 2006 und ins Deutsche übersetzt 2008. Den gesamten deutschen Text finden Sie am Ende des Artikels.

Das einzige Mittel gegen das Böse ist das Wissen um seine Natur

Politische Ponerologie untersucht, warum Menschen andere Menschen unmenschlich behandeln. Diesem Bösen könnten Moral und Menschlichkeit nicht lange standhalten. Das einzige Mittel gegen das Böse und seine Vorgehensweise einzelnen Menschen und Gruppen gegenüber sei, über seine Existenz und seine Natur informiert zu werden und Bescheid zu wissen. Worum es im Wesentlichen geht, ist dem sehr langen Herausgeber-Vorwort zu entnehmen.

Das Böse in großem Maßstab: das makrosoziale Böse

Das Böse, so liest man dort, gebe es in drei Erscheinungsformen. Der heilige Augustinus unterscheide zwischen zwei Formen des Bösen. Die erste sei das „moralische Böse“. Es werde vorsätzlich von bösen Menschen begangen, die wüssten, dass sie Böses täten. Die zweite sei das „natürliche Böse“ seien schlimme Ereignisse, die einfach geschähen – ein Sturm, eine Flut, ein Vulkanausbruch oder eine schreckliche Seuche. Aber es gebe noch eine dritte Erscheinungsform. Łobaczewski nennt es das „makrosoziale Böse“. Es sei das Böse in großem Maßstab, das über ganze Gesellschaften und Nationen hereinbreche und dies seit undenklichen Zeiten immer wieder getan habe.

Ein Buch, das in Łobaczewski Sicht fehlte: das seinige

In der Einleitung schreibt Łobaczewski: „Wenn man aus allen Büchern, die Kriege, Grausamkeiten von Revolutionen und blutige Geschäfte politischer Führer und ihrer Systeme beschreiben, eine Sammlung zusammenstellte, würden viele Leser es vermeiden, solch eine Bibliothek zu besuchen [...] In erster Linie würde eine solche Bibliothek Bücher von Zeitzeugen solch kriminellen Irrsinns enthalten, wie Arthur Köstlers „Sonnenfinsternis“, das vom Leben in Russland vor dem Zweiten Weltkrieg handelt; die persönlichen Erinnerungen von Seweryna Szmaglewska an das deutsche Konzentrationslager für Frauen in Auschwitz; „Die andere Welt“ von Gustaw Herling-Grudzinski, worin er seine Lagererfahrungen beschreibt; und nicht zuletzt die Bücher von Alexander Solschenizyn, die voll von menschlichem Leid sind. [...] Trotzdem würde in einer solchen Bibliothek ein Werk fehlen. Und zwar eines, das eine ausreichende Erklärung der Ursachen und Vorgänge liefert, aus denen solch historische Dramen entstehen. Eines, das erklärt, warum und wie menschliche Fehltritte und Bestrebungen in blutrünstige Verrücktheit ausarten können.“ Als ebendieses Buch sieht Łobaczewski das seinige.

Die Ponerologie als neue wissenschaftliche Disziplin der Psychologie

Vorbereitet wird der Leser, bis er zum Kern des Buches vorstößt, mit informativen Ausführungen zur Psychologie, zur objektiven Sprache, zum menschlichen Individuum, zum Leben des Menschen als soziales Wesen in der Gesellschaft zusammen mit anderen sowie zum ewigen Kreislauf von guten und schlimmen Zeiten, von menschlicher Sehnsucht nach Glück, Ruhe, Gerechtigkeit, Frieden, die immer wieder durch menschlich Böses enttäuscht wird. Dann wendet sich Łobaczewski jener „neuen wissenschaftlichen Disziplin“ zu, der Ponerologie. Diese Disziplin solle das Böse studieren, die Faktoren seiner Entstehung ausmachen, ungenügend verstandene Eigenschaften erkennen, seine Schwachpunkte finden und dabei neue Möglichkeiten aufzeigen, der Ursache des menschlichen Leidens entgegenzuwirken. Hauptsächlich sei diese neue Disziplin an den pathologischen Einflüssen beim Entstehen des Bösen, der Ponerogenese, interessiert.

Vom alltäglichen und makrosozialen Bösen zum systemischen Bösen

Getrieben durch das Böse wie Hass, Neid, Gier, Streit komme es immer wieder zu Kriegen, Aufständen, politischen Verfolgungen und Säuberungsaktionen mit Tausenden und Millionen Menschen als deren Opfer. Doch handelt das Buch, wie es im Herausgeber-Vorwort heißt, nicht nur vom „makrosozialen Bösen“, sondern auch vom „alltäglichen Bösen“, denn beide seien untrennbar miteinander verbunden. Auf lange Sicht führe die Anhäufung von alltäglichem Bösem immer und unvermeidbar zu einem großen systemischen Bösen, das mehr unschuldige Leben zerstöre als jedes andere Phänomen auf diesem Planeten. Immer wieder falle die Menschheit in die gleichen Leiden, viele Millionen Mal, seit Jahrtausenden.

Wenn Psychopathen kultiviert auftreten, gehen sie als „normal“ durch

Die Menschheit fällt aber auch herein, nämlich auf die psychopathischen Täter. Wenn Psychopathen kultiviert aufträten, würden sie nicht erkannt und gingen als „normal“ durch, heißt es im Vorwort. Zu Verrücktem und Beängstigendem real fähig seien etwa vier Prozent der Bevölkerung. Ein Psychopath mit politischer Macht könne eine psychopathologische Epidemie in Gang setzen. Umfangreiche Untersuchungen mit Opfern von Psychopathen hat die amerikanische Psychologin Martha Stout (Jahrgang 1953) vorgenommen. In ihrem Buch „Der Soziopath von nebenan“ (im Original: „The Sociopath Next Door“) schreibt sie:

„Versuchen Sie sich vorzustellen, kein Gewissen zu haben“

„Bitte versuchen Sie, sich vorzustellen, kein Gewissen zu haben. Sie haben nicht die geringste Spur eines Gewissens und keine Gefühle von Schuld oder Reue – ganz egal, was Sie anstellen, plagen Sie keine lästigen Skrupel über das Wohlbefinden von Fremden, Freunden oder gar Verwandten. Stellen Sie sich vor, es gäbe kein lästiges Hadern mit Ihrem Schamgefühl, kein einziges Mal in Ihrem ganzen Leben, unabhängig davon, ob Sie sich egoistisch, faul, rücksichtslos oder unmoralisch verhalten. Und stellen Sie sich darüber hinaus vor, dass der Begriff ‚Verantwortung‘ Ihnen fremd wäre, außer vielleicht als eine Bürde, die andere Menschen offenbar wie gutmütige Trottel blind auf sich nehmen. Und nun erweitern Sie dieses seltsame Gedankenspiel um die Fähigkeit, Ihre so überaus sonderbare psychische Disposition vor anderen Menschen zu verbergen.“

Was vom Gewissen gelenkten Menschen leicht verborgen bleibt

Und weiter: „Da jedermann wie selbstverständlich annimmt, dass das Gewissen eine universelle menschliche Qualität ist, fällt es Ihnen leicht, zu verheimlichen, dass Sie kein Gewissen haben. Kein Schuld- oder Schamgefühl hemmt die Erfüllung Ihrer Wünsche, und Sie werden von niemandem wegen Ihrer Gefühlskälte zur Rede gestellt. Die eisige Flüssigkeit, die in Ihren Adern fließt, ist so fremdartig, so abseits normaler menschlicher Erfahrungen, dass kaum einem Menschen der Verdacht kommt, dass mit Ihnen etwas nicht stimmen könnte. Mit anderen Worten: Sie sind völlig frei von internen Kontrollen, und Ihre ungehemmte Freiheit, ohne Skrupel alles das zu tun, was Sie wollen, ist bequemerweise für den Rest der Welt nicht erkennbar. Sie können tun, was Sie wollen – und doch wird Ihr geheimnisvoller Vorteil vor den meisten Ihrer Mitmenschen, die durch ihr Gewissen gelenkt werden, sehr wahrscheinlich verborgen bleiben.“

Man kann sich dann leicht vorstellen, was Psychopathen anrichten können, wenn sie über politische oder/und finanzielle Macht verfügen. Zum krankhaften oder fehlenden Gewissen und Schuldgefühl kommt damit hinzu, dass sie das Krankhafte zum Schaden anderer, auch vieler anderer durchzusetzen und auszuleben vermögen. Und wer das kann, ohne Strafe fürchten zu müssen, tut das häufig auch – im alltäglich Kleinen wie im fallweise Großen.

Ponerologie erlaubt die Dinge zu verstehen, die bisher unfassbar waren

In seinem Nachwort schreibt Łobaczewski: „Ein Basiswissen über die wahre Natur des Bösen – dass sie wissenschaftlich erkannt werden kann – würde die Menschen beim Umgang mit anderen Personen und in ihrem ganzen Leben umsichtiger machen. […] Diese Wissenschaft erlaubt dem menschlichen Verstand, Dinge zu verstehen, die seit Jahrtausenden unfassbar waren: die Genesis des Bösen.“ Diese Wissenschaft von der Ponerologie und ihrer Nützlichkeit müsse der gesamten Gesellschaft bekannt gemacht werden. Sie sollte gemeinsam mit den nötigen Informationen über Pathologien und einem Überblick über die makrosozialen Konsequenzen an Universitäten gelehrt werden. Allerdings fügt er einschränkend auch hinzu:

Aber die Aufmerksamkeit nicht nur auf Psychopathien konzentrieren

„Übereinstimmend mit meiner Erfahrung – als klinischer Psychologe und als Forscher über die Natur des Bösen in der Psychopathologie – habe ich den Eindruck, dass nahezu die Hälfte der pathologischen Faktoren, die an den Prozessen der Entstehung des Bösen oder der Ponerogenese beteiligt sind, Resultate von verschiedenen Arten von Hirngewebsläsionen sind. Psychopathien machen hier einen geringeren Prozentsatz aus. Es gibt auch noch andere Faktoren, wie beispielsweise die oft genannten multiplen Persönlichkeiten. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit nur auf Psychopathien konzentrieren, kann dies nur zu einem einseitigen Verständnis des Problems als Ganzem und zu Fehlern in der Praxis, besonders in der Psychotherapie führen. […] Das Ziel sollte eine reduzierte Aktivität der Pathologie bei der Entstehung des Bösen und deren tragischen Resultaten in allen Bereichen sein […]“

Kurzum, ein Buch mit spannendem Inhalt, auch spannend geschrieben, mit vielen anschaulichen Beispielen versehen, inhaltlich verständlich und sprachlich gut lesbar. An welcher Stelle man auch beginnt, man wird als Leser geradezu hineingezogen. Mir jedenfalls ging es so.

Dr. Andrzej M. Łobaczewski – „Politische Ponerologie“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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