07. Juni 2021

ef 214 Editorial

Anstand, Respekt, Toleranz – das war einmal in Deutschland

von André F. Lichtschlag

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Bildquelle: shutterstock.com Moskau: Fremd und geheimnisvoll ...

Wer in den letzten Monaten den bunten Bildern von Menschen aus Russland zum Beispiel auf Instagram folgte, traute seinen Augen kaum. Konzerte. Partys. Pralles Leben. Kaum irgendwo ein Maskierter. Machen die da einfach so weiter, als hätte es Corona nie gegeben?

Russland singt und tanzt – und ist dabei nur ein Beispiel für jene Länder, in denen völlig anders mit der Pandemie umgegangen wird als im obrigkeitshörigen Deutschland. In Polen etwa feierten einfach Zehntausende auf der Straße, als sie die verordneten Kontaktbeschränkungen satthatten. Auch in Tschechien öffneten Restaurants und Bars entgegen aller staatlichen Lockdown-Bestimmungen. Osteuropa als neues Anarchohausen? Von unseren Nachbarn im Westen erreichten uns tatsächlich ähnliche Bilder: Amsterdams Straßen und Grachten blühten lebhaft auf und ließen Corona nur noch ein Bierchen sein, als es in den Niederlanden noch strengste Ausgangssperren gab. Und das sind nur die bekannteren Beispiele für verbreiteten zivilen Ungehorsam östlich und westlich von Deutschland. 

Dazu kommt: Politisch ist die Pandemie bei den Guten in den USA – mehr oder weniger ist das der alte konföderierte Süden – seit Monaten vorbei, keine Maske, keine Maßnahme nirgends mehr, im Gegenteil: Die Aufarbeitung hat längst begonnen unter der Forderung, nie wieder dürfe so was geschehen! Und in Schweden hat es gar nie einen Maskenzwang oder einen wirklichen Lockdown je gegeben. 

Russland singt und tanzt – wir wollen das spezifische Freiheitsstreben im flächengrößten Staat der Erde schwerpunktmäßig tiefer beleuchten. Bei der Lektüre der gesamten Ausgabe wünsche ich Ihnen, verehrte Leser, wie immer viel Lesefreude und Erkenntnisgewinn. 

Und in Deutschland? Ich kenne gestandene Männer, die seit 30 Jahren einem kleinen Verein angehören und sich regelmäßig versammelt haben. Seit Monaten haben sie sich nicht mehr persönlich getroffen und warten brav darauf, dass sie „wieder dürfen“. Echt jetzt. 

Derweil wird die Luft für alternative Medien wie eigentümlich frei immer dünner. Nach verschiedenen Drohschreiben der per Gesetz eigens auf die Alternativen angesetzten Landesmedienanstalten (wir berichteten) verlieren alte rechtsstaatliche Strukturen weiter an Bedeutung: Dem unabhängigen Journalisten Boris Reitschuster, berüchtigt für seine kritischen Fragen auf der Bundespressekonferenz inmitten der dortigen Konformität, wurde von seiner Bank plötzlich das private Konto gekündigt – und er ist leider kein Einzelfall, sondern nur der prominenteste unter mehr als einer Handvoll jüngst Betroffener in jenem neuen Deutschland, in dem wir nicht mehr ganz so gut und gerne leben. Auch ganzen Portalen wie Ovalmedia und Fernsehsendern wie RT Deutsch wurden ohne Angabe von Gründen Bankkonten gekündigt – und die Mainstream-Presse schweigt, denn die Jasager betrifft es ja selbst nicht. Wer eh keine abweichende Meinung vertritt, fühlte sich noch in jedem heraufziehenden Totalitarismus frei wie ein Vögelchen.

Regierungskritische Youtube-Sendungen und ganze Kanäle werden jeden Monat zu Dutzenden willkürlich gelöscht. Früher lohnte es sich oft, dagegen zu klagen. Doch inzwischen sind auch viele Richter mit an Bord des Zugs vom Rechts- zum Gesinnungsstaat. Das Bundesland Berlin geht gleich noch einen Schritt weiter – dort observiert der Landes-Verfassungsschutz nun mit geheimdienstlichen Mitteln den Journalisten Ken Jebsen und dessen alternatives Portal KenFM, obwohl für Medien offiziell noch immer weit strengere Hürden als für Parteien als „Beobachtungsgegenstand“ gelten. Doch das sind Bremsklötze aus der Zeit des Rechtsstaats, die offenbar längst ausrangiert wurden. Die Entwicklung vollzieht sich mit atemberaubender Geschwindigkeit. Die Bauarbeiten müssen immens gewesen sein. Aber kaum einer hatte den Umbau auf allen Ebenen bemerkt. Eigentlich eine Meisterleistung in einem Land, das sonst nicht einmal einen Flughafen mehr zu bauen imstande ist. 

Wo soll uns das noch hinführen? Längst wird es als „normal“ hingenommen, dass die Verlautbarungsmedien auch in kurzen Nachrichten Andersdenkende als „umstrittene Personen“ abtun – und nicht etwa auf deren möglicherweise umstrittenen Meinungen verweisen, wobei doch eigentlich jede bemerkenswerte Meinung notwendigerweise umstritten ist. Personen haben nach christlichem Menschenbild per se Würde und sind als solche zu achten. In Deutschland gilt auch hier: Anstand, Respekt, wirkliche, nicht geheuchelte Toleranz, das war einmal. 

Zuletzt traf der Bannstrahl den Ökonomen und Publizisten Max Otte als frisch gewählten Bundesvorsitzenden der Werteunion, der noch vor ein paar Jahren in den Talkshows von ARD und ZDF als gern gesehener Gast herumgereicht wurde. Nun ist er eben „eine umstrittene Person“, von der sich jeder mehr als eine Armlänge fernzuhalten hat, wenn er nicht selbst entsprechend gebrandmarkt zu werden trachtet, das Bankkonto gekündigt bekommen möchte, vom Geheimdienst einer Spezialbehandlung unterzogen werden will. Ottes „Vergehen“: Er hat sich öffentlich dazu bekannt, vor vier Jahren die AfD gewählt zu haben – als einer von knapp sechs Millionen Deutschen, die sich durch die Wahl einer Oppositionspartei für immer schuldig gemacht haben. 

Kann eigentümlich frei im nächsten Jahr noch so ungehindert erscheinen wie in den vergangenen 24 Jahren? In einem Monat? Es kommt auf jeden Einzelnen an, jetzt dagegenzuhalten, bevor es zu spät ist. Halten wir zusammen und lassen wir uns nicht spalten! Insofern darf der Blick nach Osten und Westen Mut machen, wo der Widerstand gegen die heraufziehende Diktatur wächst, während viele Deutsche noch immer nichts begriffen haben. ef-Leser aber wissen: Kein Fußbreit den neosozialistischen Ausbeutern. Mehr Freiheit!

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Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 11. Juni erscheinenden Juli-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 214.


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