13. November 2020

Die Erzählung zur Corona-Krise Sonntagslektüre: „Das Riesenrad“

Über einen kafkaesken Albtraum – demnächst Realität?

von Vera Lengsfeld

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Bildquelle: Black Creator 24 / Shutterstock.com Achtung: Die Clowns, die uns ihre Hüte aufdrängen wollen, sind schon unter uns …

Der Schweizer Autor Volker Mohr ist nach wie vor ein Geheimtipp, obwohl seine Werke so etwas wie literarische Juwelen sind. Der 1962 geborene studierte Architekt schreibt neben Erzählungen Sachbücher, die nach Auskunft seines kleinen, aber feinen Loco-Verlags um die Themen individuelles und kollektives Schicksal, Individualität und persönliche Souveränität kreisen. Seine Erzählung „Das Riesenrad“, die bereits 2019 erschien, ist viel mehr. Sie beschreibt das geradezu kafkaeske Schicksal eines Menschen, der sich unverhofft in einer Fürsorge-Diktatur wiederfindet.

Der Architekt Michael Sternheim begleitet widerwillig seinen Sohn zu einem neuen Rummelplatz. Während sein Sprössling einem neumodischen „Flying Circus“ zustrebt, fühlt sich Sternheim überraschend von einem altmodischen Riesenrad angezogen. Kurz entschlossen löst er eine Fahrkarte und besteigt eine Gondel. Allerdings hört das Rad nicht auf, sich zu drehen. Während Sternheims Mitfahrer nichts zu bemerken scheinen, wächst seine Unruhe. Er kann dem immer schneller werdenden Gefährt aber nicht entkommen.

„Dann wurde es unvermittelt dunkel, der ohrenbetäubende Lärm nahm ab und wurde von einer fernen Melodie abgelöst … Sternheim schlug die Augen auf. Er stand an eine Hauswand gelehnt … ausdruckslose Häuser aus dem letzten Jahrhundert … lösten sich nach oben hin in einem gleißend-wässrigen Grau auf.“ Die Menschen in dieser Szenerie haben alle Hüte auf. Die Männer, die Sternheim sieht, tragen beigefarbene Regenmäntel über dunklen Anzügen, haben eine Zeitung in der Hand und streben einem Gebäude zu. Sternheim schließt sich aus ihm unerfindlichen Gründen an. 

Im Inneren des Hauses gewahrt er ein Podest, das aus zwei Borsalino-Hüten zu bestehen schien, auf dem ein schrulliger Mann stand. Sternheim muss lachen und wird sofort zurechtgewiesen: „Lachen Sie nicht … Wir sind auf der Hut – zu jeder Zeit.“ Bei allem, was Sternheim dann erlebt, bleibt ihm tatsächlich das Lachen im Halse stecken.

Nach einer Rede streben alle Männer einer Tür zu. Sternheim wird aufgefordert, sich einen Hut zu nehmen, damit er „behütet“ sei, und den anderen zu folgen. In einer Art Garderobe entkleiden sich alle und werden in einem Nebenraum eingeseift. Der Schaum muss am Körper bleiben, denn, so der freundliche Einseifer: „Sie sind dann völlig immun gegen unliebsame Einflüsse, gegen Schmutz und Infektionen.“ Bei wenigen, erfährt Sternheim, nütze das Einseifen nichts, da müssten andere Methoden angewendet werden.

Bald trifft Sternheim auf niedergeschlagene Männer und Frauen, die der Einseifung widerstanden hatten. Die werden geläutert und reingewaschen. Diesmal kommen keine freundlichen Einseifer, sondern grimmige Bürstenschwinger zum Einsatz, die Abgebürsteten wimmern vor Schmerzen. Um den Schmutz abzuspülen, werden harte Wasserstrahlen eingesetzt, die den Behandelten „spitze Schreie“ entlocken. 

Auf seinem weiteren Weg durch das Gebäude trifft Sternheim einen Jungen, der ihm vorführt, wie die Kinder „unter den Hut“ gebracht werden. Jedes sitzt unter einem überdimensionierten Spitzhut aus Weidenzweigen und darf weder spielen noch lachen. Auch sein Begleiter wird unter solch ein Hut gezwungen. Sternheim muss hilflos dabei zusehen. Vorher gelingt es dem Jungen noch, ihn auf eine Tarnkappe aufmerksam zu machen. 

So kann er auf der nächsten Station an einer Gerichtsverhandlung teilnehmen, ohne gesehen zu werden. Die Angeklagten hatten alle gegen die Hutgesetze verstoßen, einer hatte sogar mit einer Hutnadel einen anderen umgebracht. Alle Angeklagten, bis auf einen, werden zu milden Strafen verurteilt. Sie müssen sich symbolisch auf eine Rutsche setzen und, unten angekommen, entweder festen Boden unter den Füßen gewinnen oder durchfallen. Nur der Hutkritiker fällt durch. Welche härtere Methode gegen ihn zur Anwendung kommen würde, bleibt Sternheim verborgen. 

Nach dem Gericht gelangt er in einen Saal, in dem zahllose Angestellte auf Computern Lebensläufe bearbeiten. Im System befinden sich alle Daten der betreffenden Person, von der Geburt bis zum aktuellen Tag. Sternheim erkennt entsetzt, dass hier nicht nur Daten, sondern Leben gefälscht werden. 

„Begangene Wege wurden ausgelöscht und nie vollzogene Schritte eingefügt. Der einzelne wurde dadurch um Erfahrungen betrogen; Krisen und Glücksmomente wurden ihm gestohlen, Erfolge, die es nie gegeben hatte, wurden ihm angedichtet. Konnte man sich eine umfassendere Manipulation vorstellen?“

Sternheim erschaudert, überlegt krampfhaft, wie er hierhergekommen ist, kann sich aber nicht erinnern. Schließlich gelingt es ihm, diesen Albtraum zu entkommen. Er findet sich neben dem Riesenrad wieder, sieht seinen Sohn an einer Nachbarbude stehen. Sein Sohn trägt einen bunten Hut, auch andere Rummelplatzbesucher haben diese Hüte auf ihren Köpfen. Die würden von lustigen Clowns verteilt, sagt ihm sein Sohn und bietet ihm an, auch für seinen Vater einen Hut zu besorgen.

Ob Sternheim diesem Behütetsein widersteht, lässt Mohr offen.

Im Anhang findet der Leser zwei Verweise auf historische Hut-Ereignisse. 

Im Jahr 1766 gab es in Madrid einen Hutaufstand, nachdem die Regierung das Verbot erließ, den runden breitkrempigen Hut und den traditionellen langen Mantel zu tragen, und stattdessen den französischen Dreispitz und Kurzmantel verordnete. 

Eine regelrechte Hutrevolution fand 1925 in der Türkei statt. „Die allgemeine Kopfbedeckung der Bevölkerung der Türkei ist der Hut, und die Regierung verbietet die Fortdauer einer gegenteiligen Gewohnheit.“

Es gab ähnliche Verordnungen wie die Corona-Maßnahmen schon früher. Sie hatten zum Glück keinen Bestand. Sternheims behütende Diktatur ist noch bloß ein Albtraum, aber die Clowns, die uns ihre Hüte aufdrängen wollen, sind schon unter uns.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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