20. Oktober 2020

RezensionGünter Scholdt: Populismus

Demagogisches Gespenst oder berechtigter Protest?

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Der Autor, promovierter Historiker und Germanist sowie emeritierter Professor, hat mit dem vorliegenden Essay den Versuch gewagt, eine zeitgemäße Bestimmung des Begriffs „Populismus“ vorzulegen. Der Begriff (Ursprung in den USA 1969) bezog sich auf „linke“ Phänomene. Auch die PDS/Linke wurde in den 90ern so verunglimpft. Spätestens seit 2000 stehen allerdings „rechte“ Projekte im Fokus. Im Essay analysiert der Autor zunächst verschiedene Texte, die den Populismus als Gefahr thematisieren, um sich im zweiten Teil mit den (vermeintlichen) Sachargumenten gegen den Populismus (Anbiederei, simpel statt komplex, „Die da oben“, „Wir sind das Volk“, Populisten versus Establishment, „Rückfall“ in völkisches Denken, Fake News oder Verschwörungstheorien) auseinanderzusetzen. Der Analyse und den Gegenargumenten kann weitgehend gefolgt werden, gleichwohl sich der Neuigkeitswert für politisch Interessierte in Grenzen hält. Dem dritten und letzten Teil, dem Fazit aber, kann nur bedingt Zustimmung erteilt werden. Zwar ist es richtig, dass der Begriff eine Schmähvokabel und ein untauglicher Ausdruck ohne Trennschärfe ist. Der Schlussfolgerung jedoch, jeder, der so genannt wird, solle stolz darauf sein, da er einerseits „diese Bezeichnung ohnehin nie loswerde“ und andererseits „in der Geschichte einzig der Erfolg darüber entscheide, was ein verächtlicher Spott- oder ein identifikationsstiftender Ehrenname“ sei, vermag ich nicht zu folgen. Populismus wird als Schimpfwort und Kampfbegriff in der politischen Kommunikation benutzt, die meint, es gebe ein Richtig oder Falsch. Und genau hier liegt der erste Fehler: In der Kommunikation, auch der politischen, gibt es kein Richtig oder Falsch, sondern nur verschiedene Interessen und Meinungen. Dies herausgestellt, löst sich der Vorwurf des Populismus auf, da eine Meinung gleichrangig neben der anderen steht. Und zweitens fehlt die entscheidende Rolle der Staatsmacht. „Populistisch“ ist nämlich immer die nicht herrschende (staatliche) Meinung.


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Ronald K. Haffner

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