17. September 2020

RezensionViktor Timtschenko: Feldzug gegen die Nation

Es wird Zeit für modernen Nationalismus

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Auf knapp 700 Seiten und 51 Seiten Quellen entwickelt der Autor seine Sicht zur Nation. Das umfangreichste Werk zum Thema, dass ich bisher gelesen habe. Gefühlt ist alles enthalten, was erheblich ist: Kultur, Zusammenhalt, Sprache, starke versus schwache Nationen, Imperien, Ökonomie, Welthandel, Apartheid und Rassismus, Freiheit-Gleichheit-Brüderlichkeit, Zentralbanken, Ideologeme, Kriege und Irredentismus, Gemeinschaft versus Individuum, Egoismus versus Altruismus, Migration, Befreiungsbewegungen versus Separatismus, öffentliche Meinung und deren Manipulation. Eine Fleißarbeit. Aber der Autor, 1990 mit seinen Eltern aus der Ukraine nach Deutschland übersiedelt, überschätzt sich. Schon mit dem ersten Satz als Anlehnung an Karl Marx: „Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst der nationalen Wiedergeburt.“ Auch sieht sich Timtschenko in der geistigen Tradition Niemöllers. Was aber will der Autor? Lange wird das nicht klar. Einerseits erkennt er, „dass es vom Nationalismus bis zum Chauvinismus und zur Missachtung anderer Nationen nur ein kleiner Schritt ist“. Andererseits lautet der Schlusssatz: „Nationalismus ist natürlich, liberalistische Demokratie ist ein künstlicher Bastard.“ Sein Hauptfeind ist der „Liberalismus“, wie er meint, „das Konzept der Persönlichkeitsrechte und -freiheiten“ sowie „die Idee des freien Marktes ohne Eingreifen des Staates“. Es kommt noch gravierender: „Die schöne freiheitliche Idee ist allerdings ein großer Irrtum, mehr noch, eine große Lüge.“ Und weiter: „Sozialismus und Nationalismus stehen auch für Freiheit, aber dies ist weniger die Freiheit des Individuums, sondern mehr einer bestimmten Gemeinschaft: des Volkes, der Gesellschaft, der Nation.“ Der Autor erkennt nicht, dass bei aller berechtigten Kritik an Kapitänin Rakete oder der Zerstörung der Familie nicht die liberale Idee verantwortlich ist, sondern die Verbindung derselben mit dem Staat. Ohne Staat keine Nation. Der Staat aber kommt im ganzen Werk nur am Rande vor.


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Ronald K. Haffner

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