03. September 2020

RezensionRobert Rother: Drachenjahre

Wie ich 7 Jahre und 7 Monate im chinesischen Gefängnis überlebte

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China war das Land seiner Träume: 2004 wanderte Robert Rother, geboren 1982 in Dortmund, ins Reich der Mitte aus. Er hatte früh seinen Vater verloren. Der junge Robert fing an, sich als Teenager für Geschäfte und die Börse zu interessieren. Nach einem ersten Besuch entschloss er sich, sein Glück in Guangzhou, der „Fabrik der Welt“ zu suchen. Nun begann ein atemberaubender Aufstieg. Mit einer Freundin baute er ein Geschäft auf. Handel, Kurierdienste und vor allem Finanzdienstleistungen machten ihn zu einem reichen Mann mit großer Wohnung, teuren Partys und heißen Schlitten. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was er beschreibt, dann hat er immer noch ein Wahnsinnsleben auf der Überholspur geführt. „Für Politik interessierte ich mich null, Menschenrechtsverletzungen gingen mir am Arsch vorbei, Folter verband ich mit Hexenverbrennungen im Mittelalter“, beschreibt er seine Einstellung. 2011 geriet er jedoch in Konflikt mit Parteigrößen, die ihm einen Schauprozess machten. Er erhielt eine hohe Haftstrafe und kam nach Dongguan. Die Zustände dort sind katastrophal: mangelnde Hygiene, furchtbares Essen, Kontaktsperre. Kaum zu glauben: Da er westlicher Ausländer war, sei dies für chinesische Verhältnisse eine Art Luxus-Gefängnis gewesen, so Rother. Der Leser erfährt so eine Menge über die chinesischen Gebräuche und die Verfassung der chinesischen Gesellschaft – und über die nach wie vor mächtige Kommunistische Partei. So wurde er im Knast permanenter Rotlichtbestrahlung ausgesetzt. 2018 wurde Rother freigelassen. Endlich konnte er in die Heimat ausreisen. Heute hält er Vorträge über seine „Drachenjahre“, aber auch über die Chancen, die der chinesische Markt bietet. Er scheint die Faszination nicht ganz verloren zu haben. Es sieht aber nicht so aus, als würde es ihn noch einmal dort hinziehen. Ein Buch für alle, die glauben, China sei das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten und auf dem Weg, ein nach unseren Standards akzeptabler Rechtstaat zu werden. Sie täuschen sich so, wie es Robert Rother getan hat.


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