25. Juni 2020

RezensionStefan Blankertz: Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus

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Man darf sich schon fragen, warum Stefan Blankertz sich mit einem Buch von 1933 beziehungsweise 1946 beschäftigt, beide Fassungen miteinander vergleicht und kommentiert. Denn eines ist unbestritten: Wilhelm Reich endete im Irrsinn. Es geht um etwas anderes: Ausgehend von den politischen Faschismusvorwürfen der jeweiligen politischen Szene (Linke versus Rechtspopulisten) beschreibt Blankertz die Ursachen für faschistische Tendenzen. Gleichzeitig wird die Entwicklung im Denken Reichs weg vom strengen Kommunisten dokumentiert. Im letzten Drittel ergänzt Blankertz aber seine eigenen Schriften um eine Analyse der Veränderungen in der Familie, der Clanstrukturen sowie eine Abhandlung über die Quellen der Rechtsetzung des Staates. Gedanken zu Religionen, zum Autoritätsbegriff, zur Homosexualität, zum Feminismus sowie eine Kurzdokumentation der FBI-Akten zu Reich runden das Buch ab. Das Werk Reichs ist, wie so oft bei Blankertz, nur der Aufhänger, sich in die Fragen zum gesellschaftlichen Zusammenleben – insbesondere, wie es friedlich, freiheitlich und zum Wohle aller gestaltet werden kann – einzuarbeiten. Aber wie soll am Ende eine Gesellschaft, die allein auf den Regeln der Freiwilligkeit basiert, nun genau aussehen? Diese Antwort bleibt das Buch schuldig. Nicht absichtlich und auch nicht aus Unvermögen, sondern allein deshalb, weil Handeln, Entscheiden und der freie Wille der Menschen dabei schwerwiegende Probleme sind. „Jeder Akteur hat seine eigene Rationalität und seine eigenen Interessen im Blick, doch die Summe bleibt im Dunkeln wie das schwarze Loch.“ Wer die Bücher von Blankertz nicht kennt, wird es etwas schwer haben, sich einzulesen. Seine gern verwendete Vorgehensweise, das Buch in kurze nummerierte Absätze mit am Rande zugeordneten Stichworten einzuteilen, erlaubt es zwar, bestimmte Gedanken später schneller wiederzufinden. Es fehlt aber dadurch der für viele Leser wichtige rote Faden, da der Lesefluss stockt. Trotzdem, die Lektüre lohnt sich.


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Ronald K. Haffner

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