08. Mai 2020

RezensionMichael Siebrandt: Thore

Eine Vision. Ein Weg. Endlich.

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Unterdrückt vom Erziehungseifer seiner Mutter, flüchtet der 17-jährige Thore aus Deutschland, um seinen Großvater Thore senior endlich kennenzulernen. Dieser ist längst aus der Heimat ausgewandert und, wie sein Enkel auf seiner Reise erfährt, im Ausland zu einem Volkshelden avanciert, dessen Ruhm auf Thore junior abfärbt. Episodenhaft wird zwischen der Zukunftshandlung um Thore junior und der Gegenwart gewechselt, in der die Geschichte von Thore senior erzählt wird. Doch das Deutschland der Zukunft ist keineswegs mit dem gegenwärtigen vergleichbar: Es ist eine Vorstufe zur Dystopie, die alle Entwicklungen, die aktuell als „Kulturmarxismus“ bezeichnet werden, bis zu ihren Extremen umsetzt und sich in einem zwar nicht atomaren, aber geistigen Kalten Krieg gegen das „ewiggestrige“ Osteuropa befindet. Dieses Szenario ist durchaus interessant, doch leider werden die Hintergründe dieser Gesellschaft nicht subtil durch die Handlungen der Figuren zum Ausdruck gebracht, sondern durch Monologe, die politischen Manifesten ähneln. Dies trübt auch den in der Gegenwart angesiedelten Handlungsstrang, wobei die politischen Passagen sich hier eher gegen das Wirtschaftssystem der McKinsey-Prägung richten. Thore junior schwankt zwischen propagandistischer Vereinnahmung und Kritik an der Indoktrination, was für einen Jugendlichen im rebellischen Alter auch glaubhaft ist. Dass er jedoch immer wieder von einem ins andere Extrem übergeht, ist leider eine unglaubwürdige Umsetzung. Der Roman leidet darunter, dass im zweiten Teil die eigentliche Handlung zum Erliegen kommt, so dass der Spannungsbogen abflacht und die ausschweifenden Manifeste stärker überwiegen. Diese haben zwar oft einen inhaltlich wahren Kern und sind auch teilweise unterhaltsam, wirken aber in einem Roman schlicht deplatziert. Lesenswert sind hingegen in der Mitte des Buchs die Gedanken von Thore senior über die Moral und Ethik von Selbstmordattentätern einerseits und Notwehrmorden andererseits, die stark religiös geprägt sind. 


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Tobias Albert

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